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Ins Dunkle gereist

"Elegie für Iris": John Bayley beschreibt seine Ehe mit der Schriftstellerin Iris Murdoch, die an Alzheimer erkrankte

Eva Corino

Aber es war wie in einem jener Märchen (die Sorte, in der immer etwas Unheimliches mitschwingt und die auch nicht immer gut ausgeht), in welchem ein junger Mann ein wunderschönes Mädchen liebt, das seine Liebe erwidert, das aber immer in eine unbekannte und geheimnisvolle Welt entschwindet, von der es ihm nichts verraten will", schreibt John Bayley über seine Ehe mit Iris Murdoch. 1953 traf er sie das erste Mal auf einer Stehparty in Oxford, sah den fettigen Pony, den abgetragenen Tweedrock, die Beine, die in groben Wollstrümpfen steckten. Obwohl sie keine Schönheit war, übte sie nicht nur auf John, sondern auch auf alle anderen Männer und Frauen aus dem intellektuellen Milieu eine unbeschreibliche Anziehung aus.

Sie lehrte damals Philosophie und hatte gerade ihren ersten Roman geschrieben, er promovierte in englischer Literatur und dachte, dass sie genau so unerfahren sei wie er selbst. Aber in Wirklichkeit hatte sie viele Lehrer, Verehrer, Freunde und Geliebte, unter anderen Elias Canetti, der im Buch immer nur "der Gott von Hampstead" genannt wird. Wenn er nach ihr verlangte, lauschte sie seinen raunenden Worten und schlief mit ihm, während seine eigene Frau in der Wohnung zugegen war. Da Iris eine glückliche Kindheit hatte, ihren Eltern in tiefer Dankbarkeit verbunden war, suchte sie später nach gegensätzlichen Erfahrungen, zeigte sich fasziniert von dämonischen Menschen, obwohl sie viel zu vernünftig war, um sich von einer Leidenschaft völlig beherrschen zu lassen.

Ein paar Wochen vor der Hochzeit, musste sich John in ihrem Zimmer hinsetzen, und Iris sagte ganz ernst, es sei wohl besser, wenn sie ihm etwas von den Menschen in ihrer Vergangenheit erzählte. Dann zogen die überlebensgroßen Gestalten wie in einer Prozession an ihm vorüber, verneigten sich und verschwanden wieder in jener geheimnisvollen Welt, die die Schriftstellerin in sich trug. Wenn später der eine oder andere noch einmal erschien, dann im Gewand einer Romanfigur.

John hat lange als Literaturwissenschaftler gearbeitet, er liebt die Literatur und vor allem die Literatur seiner Frau. Und natürlich fragte er sich oft, inwieweit der gemeinsame Alltag sich niederschlug in ihrem erzählerischen Werk. Einmal stellte sich Iris beim Schwimmen vor, wie sie auf dem Grund des Flusses eine alte Glocke finden, und aus dieser Vorstellung improvisierten die beiden die Handlung, die dem Roman "Wasser der Sünde" eingeschrieben ist. Dennoch blieb ihm der schöpferische Akt so unverständlich wie die Tatsache, dass man in einer guten Ehe, "immer näher und näher auseinanderrückt".

Es ist eine stille und friedliche Wirkung, die von seinem Buch ausgeht. Weil es von einem Leben zeugt, das keine Stilisierung nötig hatte. Es handelt sich nicht wirklich um Literatur, aber die Sprache liest sich flüssig und gewinnt durch ihren feinen englischen Humor. "Ich bin gerne provinziell", sagte ein bekannter Maler zu Iris, die genau so wenig den Drang verspürte, in der schicken Gesellschaft der In-Group mitzumischen. Sie und John freuten sich, wenn sie zusammen durch ihren verwilderten Garten gingen, in einem eingestürzten Haus ein nistendes Rotschwänzchen beobachteten, wenn sie mit ihrem Auto über Land fuhren, ein bisschen Wein tranken und sich Bilder von Piero della Francesca ansehen konnten.

John vermutet, dass er mit seiner Frau so gut ausgekommen ist, weil sie beide immer etwas naiv und unschuldig waren. Mit Verwunderung sahen sie, wie der Sex in den Siebzigerjahren zu einem Leistungssport wurde, in dem man stets nach neuen Rekorden strebte, dem neuesten Stand der Technik entsprechend. All das ging an ihnen vorüber, an "ihrer gemütlichen, ja quietistischen Art, an die Sache heranzugehen". Die Liebesgeschichte vermischt sich mit der Geschichte der Krankheit, die langsam von Iris Besitz ergriffen hat. Es war die Alzheimer sche Krankheit. Und während die Schriftstellerin ihre Erinnerung verlor und somit auch ihre Möglichkeit zu schreiben, begann ihr Mann sich zu erinnern an die Frau, die sie gewesen ist. Seine "Elegie für Iris", seine schreibende Konzentration auf die klugen, sanften und zugewandten Züge ihres Charakters haben ihm wahrscheinlich ermöglicht, das Leben neben der Kranken auszuhalten, sie geduldig bis in den Tod zu pflegen. "Wann gehen wir?" fragte Iris, wenn sie vom Spaziergang nach Hause kamen, fragte wieder und wieder. John dachte an eine Erzählung von Faulkner, wo ein blind gewordener Pilot immer fragt: "Wann lassen sie mich hier raus?"

Das Gesicht von Iris wurde von Tag zu Tag ausdrucksloser, nur manchmal löste es sich auf in einem Lächeln, wenn John einen kindlichen Scherz machte oder mit der Stimme ihres Vaters sprach. Das Weinen verbarg sie, als wollte sie ihrem Mann nicht zeigen, wie bewusst sie die Auslöschung ihres Bewusstseins erlebte. Sie habe das Gefühl "ins Dunkle zu reisen," sagte sie in einem scheinbar noch klaren Moment. Doch mit der Biografie von John Bayley reist der Leser ins Helle, sie tröstet uns wie jede aufrichtig und genau beschriebene Erfahrung.

Iris Murdoch starb im vergangenen Jahr nach 45 Ehejahren.

John Bayley: Elegie für Iris. Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk. C. H. Beck Verlag. München 2000. 260 S. , 38 Mark.

"Entschlossen, beharrlich, unfreiwillig geht es mit unserer Ehe jetzt voran. Sie lässt uns gar keine andere Wahl, und ich bin froh darüber. "