Zwitscherndes Fleisch: aus diesem seltsamen Material scheinen die Texte Birgit Kempkers geformt. Wie Vögel, zu Saiten verspannt und geschlagen, immer wieder hin und her gewendet, grob und fein bearbeitet. Stimmenwirbel, zutrauliches Strudeln: das ist der Rhythmus, in dem Birgit Kempker ihre Texte, ihre Wortmuster choreografiert. Auch für multimedial bewanderte Textkünstler sind körperliche Metaphern unverzichtbar. Glücklicherweise trifft Kempker nicht die Konventionsentscheidung zwischen Lyrik und Essay, Hörspiel, akustischen Installationen und Theater, Performance und Musik, all den Arbeitsfeldern, auf denen sie sich tummelt.
Einer der nun erschienenen beiden neuen Texte, "Übung im Ertrinken", ist auch der Titel einer Toninstallation, die vergangenes Jahr im Baseler Museum für Gegenwartskunst gezeigt wurde. Liegestühle mit Kopfhörern standen bereit für entspannte akustische Tauchgänge. Eine zart steppende Semantik stellt sich im Kopf des Lesers ein, der an der Übung im Ertrinken teilnimmt, ob im Text oder auf der beiliegenden CD, die den Text neu arrangiert und verwirbelt: die Energie, die Birgit Kempkers Kunst verströmt, kommt aus dem Rausch der Wiederholungen, fast einer Art andächtigen Pfeifens im Dunkel oder bisweilen eines Murmelns, das vergisst, was das laut Gedachte mitgeteilt hat.
In der hoch konzentrierten Dosierung von Stimmen- und Textfragmenten sind die Meldungen, die den Schriftsinn vermissen, nur Teil eines Spiels. Das Wippen der Assoziationen erschöpft sich jedoch nicht als Selbstzweck. Wer die "Übung im Ertrinken" absolviert, ist nicht vor dem Untergang im Unsinn gefeit, doch hat er vielleicht gelernt, wie sich das Gelesene immer mehr auffächert im Hören.
Einzigartig ist, wie dieses Wechselspiel von Buch und CD in den von Verleger Urs Engeler so genannten Compact-Büchern inszeniert wird. Wechselspiel von Aggregatzuständen könnte man nennen, was hier stattfindet, wenn die "Übung im Ertrinken" den Kopf öffnet: "Wer den Kopf nicht öffnet, ertrinkt, in sich selbst." Das ist nur zu verstehen mit der Forderung aus dem anderen Teil der Edition "Iwan steht auf", in Zusammenarbeit mit dem Radiosender DRS 2 entstanden: "Trepanier dich. Fließe." Trepanation hieß einst der chirurgische Eingriff in die Schädeldecke.
Doch Aggregatzustände von was? Was wäre das Dritte, das der Text und das Hörstück verwandeln, das sie immer wieder umgießen von einem Gefäß ins andere, ohne dass der Eindruck entsteht, wir würden tatsächlich etwas verlieren, wenn ein Tropfen danebengeht. Die Texte im Buch sind mit dem, was auf der CD gesprochen, gewispert, gesungen wird, mit dem, was dort kräht, juchzt und gurgelt nicht identisch. Vielmehr scheint sich eines beim andern zu bedienen. Schließt man die Schriftform dieser Teile mit ihren Echofragmenten auf der CD kurz, könnte man eine Vorstellung davon bekommen, wie sich die Verweiszeilen, die Links im WorldWideWeb anhören müssten, wenn dort das Klicken und Wechseln zwischen Text- und Bildebenen in unsere akustischen Tiefenschichten eindringen könnte. Auch die Form der Webseiten, die Birgit Kempker gestaltet und nicht nur betextet hat, lässt enge Bindungen knüpfen zwischen schriftlichen, akustischen und elektronischen Medien (http://www.xcult.ch/x/kempker). Man bekommt einen starken Eindruck davon, welch verführerischen Sound und Rhythmus der Zufall entwickeln kann. "Jeder weiß, dass wo nichts ist, die Elemente spielen."
Diese Elemente: das sind bei Birgit Kempker Worte wie Kreaturen, rein wie Rilkes Tiere. Ihre papierene Seele pocht ganz grausam und glücklich und allein, losgelöste Wortkörperchen: ein poetisches Dispersionsverfahren, das ironisch die Sehnsucht nach körperloser Sinnproduktion kennt, daran auch eifrig mitwirkt und sich doch zugleich nicht allzu viel davon verspricht. Die Romantik versprach noch den Geist, nun will das Ich immer noch raus aus dem Körper, den Kopf öffnen und weiß doch nicht wohin, ein Zustand lustvoller Verwirrung.
Birgit Kempker: Übung im Ertrinken / Iwan steht auf. Lyrik. Urs Engeler Editor, Basel 1999. 63 S. mit CD, 24 Mark.