Wer in Frankreich ein Gedicht schreibt, schreibt ein Chanson", hat Boris Vian einmal befunden. Seine Erfahrung darin, diese Trennung der Genres zu überwinden, blieb fragmentarisch. In Jacques Préverts Gedichten hingegen scheint immer ein Lied zu schlummern; sie sind noch gedruckt wie gesprochen wie gesungen: in einem bedächtigen Rhythmus, einem klaren Duktus, der aus der Alltagssprache erwächst und seine für das klassische Chanson so typische, süß im Bauch ziehende Melancholie erst durch die Instrumentierung mit Klavier und Violine erhält. Viele von Préverts Gedichten, die er selbst "paroles", Redensarten, nennt, wurden vertont, von Joseph Kosma etwa. Yves Montand hat sie gesungen und Juliette Gréco; mit ihrer Interpretation wurden sie zum Inbegriff französischen Lebensgefühls diesem Genuss ohne Bedauern, den Emotionen hoch fliegend hingegeben, jedoch immer im Angesicht ihrer Vergänglichkeit.
Jacques Prévert, der heute vor 100 Jahren in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren wurde, ist ein Dichter, der nicht von der Literatur zur Lyrik kam, sondern von der Straße. Er versuchte sich in diversen Berufen, als Verkäufer im Warenhaus, leistete seinen Militärdienst ab; die Begegnung mit den jungen Surrealisten um André Breton vor allem deren Eifer, das Banale systematisch zu poetisieren animierte ihn 1930 schließlich zur Veröffentlichung erster Zeitschriftentexte. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Prévert außerdem als Filmautor für Jean Renoir, Jean Grémillon und Marcel Carné tätig; mit Carné schuf er 1943 das Drehbuch für die "Kinder des Olymp". Später gab er Bildbände und Tierbücher heraus, er stellte Collagen aus und schrieb lieber kommerzielle Kunst als den Kontakt zum Alltag verlieren! Fernseh-sketche. Am 11. April 1977 verstarb Jacques Prévert an Lungenkrebs.
Seine besondere, eigentlich unvergleichliche Bedeutung für die französische Kleinkunst lässt sich am ehesten doch im Vergleich mit dem anderen großen Jacques des Chansons ergründen: Misst man Jacques Préverts Dichterleben an dem Jacques Brels, so wird erkennbar, wie sehr Préverts Empfindungen die einer bestimmten Generation sind und doch allgemeingültigere, gefälligere Betrachtungen hervorbringen als die Brels. Brel, das ist der dramatische, peinlich persönliche Entwurf eines Lebens am Abgrund hell und tragisch lodernd und sich deshalb auch allzu schnell verzehrend. Brel erzählt von der Nachtseite der menschlichen Natur, vom Feuer der Liebe, das die Männerfreundschaft zerstört, weil es den einen die Frau eines anderen entwenden lässt: eine existenzialistische Haltung, in der zuletzt auch ein gnadenloser Egoismus liegt.
Prévert hingegen, 29 Jahre vor Brel geboren, ist stärker als jener vom Krieg geprägt, vom Verlust eines heilen Weltbildes und dem daraus resultierenden Wunsch nach harmonischer, undramatischer Liebe. Sein Leben erscheint ihm zu Facetten zerfallen seine Chansons erzählen wie die Brels Geschichten, doch reihen sich bei ihm die Sätze weniger poetisch geschlossen und mehr aus einer Impression des Augenblicks heraus aneinander. Die gedanklichen Auslassungen zwischen den reimlosen Zeilen sind so groß, dass sich jeder Leser leicht selbst hineininterpretieren kann: Prévert gilt in Frankreich als "einziger Lyriker, der in der Métro gelesen wird".
Seine handelnden Personen mögen ebenso viel Grund zur Melancholie haben wie die Brels; aber selbst Préverts allertraurigste Texte klingen fast immer optimistisch, mitunter sogar ein wenig nach Kopfkissenweisheiten. "Les feuilles mortes" etwa, zu deutsch "Die toten Blätter", das Juliette Gréco seit Jahrzehnten an das Ende ihrer Programme stellt, arbeitet mit der Metapher von den einst grün strotzenden Blättern auf das trübe Ende einer Beziehung hin, dem heulenden Elend aber muss sich hier keiner ergeben: "Doch das Leben trennt/ die Liebenden/ ganz sanft/ ganz ohne Lärm und Streit/ Dann kommt das Meer und tilgt im Sand/ die Spur des Paars das sich entzweit."
Über Kinder und Liebende schriebe er am liebsten, hat Prévert einmal gesagt. Aus ihrer Beobachtung schleift er seine kleinen Edelsteine, die funkeln im "Wintersonnenlicht" von Paris, im "hellen Glanze ihrer ersten Liebe", in "Schönheit/ die nackt übers Wasser tanzt". Expressionistischer, stärker, bitterer ist er, wenn er von den Nachwehen des Krieges spricht. Doch mehr zu Hause in eigener Formulierung "Glücklich wie die Forelle/ Die bergauf durch den Wildbach schnellt" wirkt der Lyriker besonders in seinen humoristischeren, oftmals an Ringelnatz oder Morgenstern erinnernden Dichtungen wie dem "Lied von den Schnecken, die zum Begräbnis ziehn" und die an ihren Hörnchen einen Trauerflor tragen.
Die Sucht nach der gesprochenen Sprache und ihrer bildreichen Lebendigkeit hat ihn durchs Leben getrieben als ihr stets bewegtes Medium. Jacques Prévert hat es immer vermieden, sich über sich selbst zu äußern. Besser können es seine Zeitgenossen, die Fotografen etwa, Brassaï, Doisneau, Gisèle Freund, Henri Cartier-Bresson. In ihren Porträts sieht man sein sich mählich rundendes Clownsgesicht mit den mandelförmig eingekerbten Augen die Zigarette im Mund, der fast immer leicht geöffnet ist, um sich das Erlauschte sprechend sofort aneignen zu können.
Geradezu hymnisch ist die Ausdeutung Kurt Kusenberg, seinem Übersetzer ins Deutsche, geraten. In seinem "Vorwort in der Manier von Jacques Prévert" schreibt er: "Er ist ein Bänkelsänger ein Kabarettist ein Moritäter/ ein Rattenfänger ein Moralist ein Attentäter". Daraus spricht zwar ein etwas theatralischer Wille, den mit der Beobachtung des scheinbar Banalen ganz zufriedenen Dichter ins Genialische zu erheben. In der Nachahmung von Préverts Lyrik zeigt sich jedoch dessen besondere Fertigkeit überdeutlich: Jacques Prévert arbeitet mit Versatzstücken, gewissermaßen mit Fertigteilen der gesprochenen Sprache, mit gängigen Floskeln, wie man sie auf der Straße aufschnappt, wie sie niemandem unvertraut sein können: In der kunstvollen Zusammenfügung offenbart er ihre Schönheit als poetischer Lumpensammler des Alltagstons.