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TIERGARTEN

Die Mighty Wurlitzer kann den Wind heulen lassen

Ein Tonmeister spielt im Museum Europas größte Kino-Orgel

Tobias Schneider

Der Spieltisch der weißen Schleiflack-Orgel fällt mit seinen Gold-Verzierungen auf zwischen dunklen Cembali, Geigen und Holzblasinstrumenten. Er ist der kleinste Teil der "Mighty Wurlitzer". Pfeifen und Sound-Effekte sind auf der Empore des Tiergartener Musikinstrumentenmuseums untergebracht, Blasebälge im Untergeschoss. "Das ist die größte Kino-Orgel auf dem europäischen Festland", sagt Jörg Joachim Riehle. Der 38-jährige Tonmeister führt im Museum die Tasteninstrumente vor. Nur er darf die "Wurlitzer" spielen. Und manche Besucher kommen eigens deshalb. "Ein Stammgast ist über 80 Jahre alt und fährt zwei, dreimal im Jahr 400 Kilometer mit seiner Ente hierher, um die Orgel zu hören", sagt Riehle.

Blick auf 1 228 Pfeifen

Der gebürtige Stuttgarter hat im Hauptfach Klavier studiert, im Nebenfach Orgel. "Kirchenorgel", sagt er. "Kino-Orgel kann man nicht studieren." Auf die "Wurlitzer musste er sich erst einstellen. Jeden Sonnabend um 12 Uhr schaltet er sie bei einer Sonderführung an, spielt alte Schlager und ein bisschen Opern-Klassik. Weil mit Kino-Orgeln früher Stummfilme musikalisch untermalt wurden, packt Riehle dann auch die Geräusche aus, lässt Wind heulen, ein Telefon schrillen, Vögel zwitschern, eine Schiffssirene tuten, Trommeln schlagen, Glöckchen klingen und Röhrenglocken dröhnen wie von Big Ben. Zwischendurch gehen Zuhörer auf die Empore und schauen durch Glasscheiben ins Innere der Orgel. 1 228 Pfeifen, etliche Trommeln und diverse Effekte liegen dort auf drei Kammern verteilt. Die "Mighty Wurlitzer" hat im Vergleich zu anderen Kino-Orgeln wenig Sondergeräusche. "Sie stand nie in einem Kino", sagt Riehle. Die "Mighty" ist eine Sonderanfertigung der Wurlitzer Company aus dem US-Staat New York, bestellt für Werner Ferdinand von Siemens. Der Enkel des Industriellen ließ sie sich 1929 in den Konzertsaal seiner Villa in Lankwitz einbauen besser gesagt, den Spieltisch. Der Hauptteil war im Nebengebäude und im Keller untergebracht.

Den besonderen Sound der "Wurlitzer" macht der flirrende Klang aus. "Die Luft kommt vom Gebläse in kurzen Stößen in die Pfeifen", erklärt Riehle. "Das macht das Spiel lebendiger." Manchmal zu lebendig: Denn das Schleiflack-Monstrum hat Aussetzer. Die Töne der "Wurlitzer" werden nicht elektronisch, sondern mechanisch produziert von Kontakten aus der Relais-Station im Keller, oxydierenden oder abgenutzten Metallteilchen. Doch die Kino-Orgel soll im Original erhalten bleiben und nicht dank moderner Elektronikhilfen sauber klingen. "Manchmal", sagt der Organist des Museums, "produziert sie leider auch einen Dauerheulton. Aber das gehört dazu."

Das findet auch die 68-jährige Dame aus Schöneberg. Vier Mal war sie letztes Jahr da, nur wegen der Orgel. Und drei Musikkassetten mit Wurlitzer-Sound hat sie schon gekauft. Damit sie die Musik zu Hause immer hören kann. "Aber zuschauen", sagt sie, "zuschauen ist noch schöner."

WURLITZER-ORGEL Töne zur Geier-Wally // Das Musikinstrumentenmuseum, Tiergartenstraße 1, ist Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen von Jörg Joachim Riehle finden sonnabends ab 11 Uhr statt. Am heutigen Freitag, 17 Uhr, und morgigen Sonnabend, 24 Uhr, spielt Riehle die "Mighty Wurlitzer" zum Stummfilm "Die Geier-Wally" von 1921.