Vor einem knappen Jahr, am 28. März, hat Friedrich Gulda einmal probiert, was passiert, wenn er stirbt: Er sei tot, ließ er über die Nachrichtenagenturen verbreiten. Die Welt drehte sich weiter, und dann dauerte es nicht lange und der Pianist ließ wissen, das mit dem Herzversagen sei nur ein Witz gewesen, und gab ein Konzert.
Gulda konnte nur Gulda sein, wenn er lebte, das war klar. Es musste ein Publikum geben, das ihn wahrnahm, und auf der anderen Seite die "großen Toten", wie Gulda sie nannte, deren Werke er vor seinem Publikum interpretierte, wenngleich widerwillig. Die großen Toten, das waren Beethoven, Bach, Mozart, besonders mit Mozart habe er sich zuletzt viel unterhalten, wusste Gulda zu erzählen. Man gebraucht das Wort vom "Künstler" nicht mehr leicht im Ernst, aber Gulda, der im Jahr 1930 geboren wurde, nur wenig vor Alfred Brendel und Glenn Gould, ist in seinem Verhältnis zu seinem Beruf, zum Publikum, zu den Werken der Alten bestimmt noch ein Künstler gewesen.
Seit einigen Jahren hört man sagen, die großen Pianisten stürben jetzt aus. Das reflektiert nicht so sehr den Tod der Musiker, mit dem ja zu rechnen wäre, sondern eher das Gefühl, es kämen keine mehr nach, obwohl das Klavierspiel weiter fleißig geübt wird. Gulda ist in die Riege der großen Pianisten früh und mühelos eingetreten, mit 16 Jahren gewann er den Wettbewerb in Genf, sieben, acht Jahre später gab er Zyklen mit den Klaviersonaten Beethovens auf den wichtigsten Podien der Welt. Aber je müheloser seine Karriere vorankam, desto mehr empfand Gulda die Krise seines Berufs. Er fühle sich "eingesperrt" in die Klavierabende, klagte der junge Pianist, eingesperrt in Kleiderordnungen, Werkreihen, Traditionen, in die Erwartungen, die der Betrieb dem "Genie" entgegenbrachte. Gulda wehrte sich gegen den Betrieb, aber er gab ihn auch nicht auf. Sein Künstlertum war mit sich selbst zerfallen voll Aggression und tiefer Melancholie.
Man sollte sich vom vitalistischen Gestus in Guldas tief trauriger Liebe zum Jazz nicht täuschen lassen. Gulda war von Anfang an manuell außerordentlich begabt, seine Finger "liefen". Im Jazz aber liefen die Finger dem Sinn davon, weg von den quälenden Fragen, die in der Ernsten Musik die Werke dem Individuum aufgaben, das sie interpretierte. Eben sein Leiden an der Idee vom Individuum, das durch die Meisterwerke sich ausdrückt, ist in Guldas Beethoven-Interpretationen wiederum als besonderer Erweis des Künstlerischen gepriesen worden. Im Gefolge der 50er Jahre hat man diese Interpretationen "objektiv" genannt fälschlicherweise. Es stimmte zwar, dass Gulda auf alles verzichtete, was als Ausdruck des Subjekts gehandelt wurde, reicher Gebrauch des Pedals, starke Schwankungen des Tempos, donnernde Bässe, beseeltes Legato. Stattdessen wurden die Spielanweisungen strikt abgebildet und die Tonfolgen erschienen wie gestanzt, selbst in den liedhaft-empfindsamen Melodien. Aber das Subjekt dieses Spiels präsentierte sich nicht als "Freund der Objektivität", sondern negativ, als Gegenstand von Trauer. Mozart, auf diese Weise gespielt, erschiene ärmlich. Aber Beethoven reagiert schon auf die Krise des Individuums und antwortet, nicht ohne Gewalt, mit der Erhöhung des künstlerischen Subjekts. Gulda macht da nicht mehr mit. Man muss sich nur noch einmal den ersten Satz aus Beethovens op. 31/3 anhören, um zu verstehen, wie seine Interpretation nicht den Blick auf das Werk, sondern letzlich auf das Nichts eröffnet. Die Frage der traurig fallenden Quinten und des getürmt dominantischen Spannungsaufbaus stellt Gulda nur beiläufig um dann immer und immer wieder mit einer ins Banale gewendeten Kadenzformel und virtuosem Laufwerk zu antworten, als sei außer Klavierspiel nichts gewesen.
Gestern ist Friedrich Gulda gestorben, an Herzversagen, wie der Gemeindearzt bestätigte, in seinem Haus in Weißenbach am Attersee.