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AN ORT UND STELLE

Die Legenden werden bleiben

Auf dem Teufelsberg spionierten amerikanische und britische Geheimdienste den Osten aus - jetzt sollen Wohnungen entstehen

Julia Haak

Die Panzersperren sind noch da. Wilfried Jahns kann bei Bedarf auf einen Knopf drücken. Dann fahren aus dem Boden rechts und links seiner Pförtnerloge einen Meter hohe Stahlwände in die Höhe. Auf einer Seite ragt das Metall ein wenig schief aus dem Asphalt. Sonst funktioniert der Mechanismus der Sicherungsanlage noch einwandfrei. Früher sollten die Sperren gewaltsam eindringende Fahrzeuge vom Teufelsberg fern halten. Schließlich taten amerikanische und britische Soldaten auf der Erhebung im Grunewald höchst geheime Dinge. Die Alliierten nutzten fast 30 Jahre lang den Hügel, um den Funkverkehr in Berlin, der DDR und Ost-Europa abzuhören. Heute braucht die Panzersperren eigentlich niemand mehr. Die Soldaten sind vor sieben Jahren abgezogen. Wilfried Jahns hat ihr Wachhäuschen übernommen. Und ihre Gewohnheiten: Er sorgt dafür, dass Unbefugte auch heute noch keinen Zutritt zu dem ehemaligen Militärgelände haben.

Ein verbotener Ort

Der 115 Meter hohe Berg aus den Trümmern von im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häusern wurde mit dem Bau der Radaranlage zum verbotenen Ort. Zu einem Platz, um den sich Legenden ranken. Sechs Geschosse tief sei die Radarstation unterkellert, hieß es bei den West-Berlinern. In den wie überdimensionale Golfbälle wirkenden weißen Kuppeln stellten sich die Menschen Hunderte von GIs vor, die dort mit Kopfhörern sitzen, um nicht nur den Funkverkehr der russischen Streitkräfte zu überwachen, sondern auch um normale Telefonate der Berliner zu belauschen. "Pass auf, was du sagst", hieß es. Verräterische Signalworte würden aus harmlosen Gesprächen herausgefiltert, Worte, die auf Spione hindeuten könnten. Mit der Sendeanlage auf dem Teufelsberg könnten die Alliierten im Ernstfall den Funkverkehr in Berlin unterbinden, glaubten manche.

Verwunderlich waren solche Legenden nicht. Schließlich war Berlin zurzeit des Kalten Krieges die Stadt der Nachrichtenhändler. In kaum einer anderen Stadt der Welt zogen so viele Nachrichtendienste ihre Fäden, tummelten sich so viele Geheim- und Doppelagenten. Der Teufelsberg ist ein Synonym für diese geheime Welt.

Was auf dem Teufelsberg stattfand, ist auch heute noch top secret. Noch immer dürfen die früheren Beschäftigten nicht über ihre Tätigkeit sprechen. Zu groß ist die Angst der Geheimdienste, die falschen Personen könnten Kenntnis über ihre Abhörmethoden erlangen und der jeweilige Dienst werde damit berechenbar.

Forschen in Archiven

Stephen L. Bowman gehörte als Oberst den amerikanischen Streitkräften in Berlin an. Der 56-Jährige war nicht auf dem Teufelsberg tätig, deshalb muss er sich auch an kein Schweigegebot halten. Bowman erkundete in Gesprächen mit Soldaten, die auf dem Berg arbeiteten, was dort vor sich ging. Wochen verbrachte er in Archiven in Washington, um das Geheimnis um den Horchposten zu lüften.

"Der Teufelsberg ist Berlins höchste Erhebung. Er war hervorragend geeignet, um Truppenbewegungen des Warschauer Paktes auszukundschaften", sagt Bowman. Schon 1955 wollten die amerikanischen Streitkräfte auf der Kuppe eine Antenne aufstellen. Doch der Berg befand sich in der britischen Besatzungszone. Mit Genehmigung der britischen Befehlshaber errichteten die Amerikaner schließlich bis 1972 eine Abhöranlage. "Als den Briten die strategische Bedeutung aufging, wollten sie ebenfalls einen Posten einrichten", sagt Bowman. Sie bezogen bei den Amerikanern Quartier als Untermieter.

Ein Sperrgebiet im Sperrgebiet entstand. "Innerhalb der Umzäunung gab es einen amerikanischen und einen britischen Sektor, den die Beschäftigten nur mit Berechtigungsausweis betreten konnten", sagt Bowman. Nur Kantine und Parkplätze nutzen die Soldaten gemeinsam. Dort durften sie nicht über ihre Arbeit sprechen. Die Alliierten wollten sich nicht gegenseitig in die Karten schauen lassen.

1 500 Menschen arbeiteten bis zum Abzug der Streitkräfte aus Berlin täglich auf dem Teufelsberg. 95 Prozent von ihnen waren Soldaten. Sie saßen in abgedunkelten Großräumen an Computern und Funkgeräten. Jeweils sechs Leute arbeiteten bei den Amerikanern in einem Team. Jede Gruppe ermittelte nur ein winziges Detail von dem, was die Warschauer-Pakt-Streitkräfte taten. So gab es Abteilungen, die auf Funksprüche von russischen Truppenübungen spezialisiert waren. Sie belauschten oft tagelang die Befehlshaber eines solchen Manövers, zeichneten auf, welche Kommandos gegeben wurden, mit welchen Waffen geübt wurde, was für Angriffs- und Verteidigungstechniken geprobt wurden. Russische, polnische und deutsche Linguisten hörten Radiosendungen ab, Verwaltungsspezialisten waren nur für Gespräche in Behörden zuständig. Vom Teufelsberg aus konnten Amerikaner und Briten in einem Radius von mehr als 300 Kilometern Funk- und Telefongesprächen zuhören.

"Die tägliche Arbeit war aber viel langweiliger als die Gerüchte", sagt Bowman. So sprach er mit einem Soldaten, der täglich acht Stunden lang Morsecodes anhören musste. "Sein größter Tag war wohl der 9. November 1989. Er wusste, welchen Grenzübergang die DDR-Regierung als ersten öffnen würde und ging hin, um das zu sehen."

Ein großes Puzzle

"Bei allen Überwachungen ging es darum, Abweichungen vom üblichen Ablauf festzustellen und daraus zu schlussfolgern, welche militärischen Strategien verfolgt wurden", so Bowman. Nachrichtendienstmitarbeiter sammelten die Informationen der Abhörteams und werteten sie aus. "Es war wie ein großes Puzzle", sagt Bowman.

Er ist davon überzeugt, dass die drei amerikanischen Antennenanlagen, die in den weithin sichtbaren kugelförmigen, weißen Hüllen vor neugierigen Blicken verborgen waren, und der unverhüllte britische Antennenmast dazu genutzt wurden, Radiosendungen, Telefonate, Radar und Datenübertragungen ausschließlich aus dem militärischen Bereich zu überwachen. Zivile Einrichtungen und Personen seien nicht betroffen gewesen.

Als die Alliierten nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten abzogen, nahmen sie ihre technischen Anlagen mit. Nur der Sendemast der Briten blieb zurück, denn den hatte die Bundesrepublik Deutschland bezahlt. Er ist erst 1995 demontiert worden, weil er umzukippen drohte. Die Amerikaner ließen sich von der Bundesrepublik nur die Gebäude bezahlen. Die technische Ausrüstung ihres nachrichtendienstlichen Stützpunktes finanzierten sie selbst und transportierten sie später ab.

Wie die Kuppelgebäude mit den klangvollen Namen Blue Diamond Tower und Arctic Tower ist auch das meterhohe Gittertor dageblieben. Drei hintereinander liegende Zäune, zwischen denen einst GIs mit Schäferhunden Streife liefen, umgeben noch immer das Areal. Nun ist in das ehemalige Sperrgebiet der Kölner Investor Hartmut Gruhl mit Partnern eingezogen. Für 5,2 Millionen Mark hat die Investorengruppe 1996 das Grundstück gekauft und ist nun im Besitz einer Fläche mit einem unvergleichlichen Blick über das Stadtgebiet. In den kommenden zwei Jahren soll auf der Ebene ein Fünf-Sterne-Hotel mit Tagungszentrum und 130 Zimmern entstehen. Ein Teil der Gebäude wird dafür abgerissen.

Der größte Teil der fensterlosen Häuser, in denen früher gelauscht wurde, bleibt jedoch stehen. Noch fällt es dem Besucher leicht, sich Soldaten vor ihren Computern vorzustellen. Die Decken der in dunklen Farben gehaltenen Großräume sind abgehängt. Kabelschächte führen an Wänden entlang, nur die Kabel fehlen. Im Boden sieht man noch immer die Abdrücke der Arbeitstische. Schilder verbieten hier und dort den Eintritt und weisen auf die Halongasanlage hin, mit der Brände bekämpft werden sollten. Alles in englischer Sprache.

Hartmut Gruhl will die fensterlosen Bauten zu Appartements mit Glasfronten umbauen. "120 Wohnungen sollen entstehen", sagt Gruhl. Jede davon mit Berlin-Panorama. Für die Eigentumswohnungen will Gruhl Quadratmeterpreise von mehr als 10 000 Mark verlangen. Dafür bekommt jeder Mieter eine persönliche Spionagegeschichte mitgeliefert. Jeder soll mit dem Vertrag eine Dokumentation erhalten über das, was sich "damals" in seinen Wänden ereignete. Die Legenden werden bleiben. "In dieser Ecke wurden die Stellungen der SS-20-Raketen abgehört", sagt zum Beispiel Heinz Krüger, der das ehemalige Sperrgebiet heute als Hausmeister betreut.

Lofts in den Kuppeln

Die ehemalige Kantine der Soldaten soll erhalten bleiben. In dem noch immer voll funktionsfähigen Lokal soll ein Restaurant entstehen. Ebenfalls bewahren wollen die neuen Eigentümer den Anblick der weißen Kuppeln. Die rundlichen Plastikkonstruktionen wurden nachgebaut und werden zu Loftwohnungen ausgebaut. Die Investoren wollen mit dem Alliierten Museum auf dem Berg ein Spionagemuseum öffnen und die Geschichte des Horchpostens dokumentieren. Hausmeister Krüger sammelt bereits alles, was die Spione zurückließen. 2 000 Landkarten und Pläne hat er in den verlassenen Räumen gefunden und armdicke Kupferkabel. Akten ließen die Soldaten nicht zurück, nur ihre Aktenvernichtungsmaschine steht noch da. BLZ/KAY HERSCHELMANN

Der Architekt Hartmut Gruhl hat das ehemalige Sperrgebiet gekauft.Die Serie "An Ort und Stelle" beschäftigt sich zehn Jahre nach dem Mauerfall mit Orten, die das Leben in Berlin und im Umland geprägt haben. Jeden Mittwoch gehen Autoren der Frage nach, wie sich diese Orte verändert haben.

Der Teufelsberg entstand 1955 bis 1961, als im Grunewald Trümmer von 80 000 im Krieg zerstörten Häusern aufgeschüttet wurden. 26 Millionen Kubikmeter Schutt überdecken Reste der Wehrtechnischen Fakultät Adolf Hitlers. Britische und amerikanische Streitkräfte nutzten den 115 Meter hohen Berg, um Funkverkehr von Armeeeinrichtungen der Warschauer-Pakt-Staaten abzuhören.