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Haarige Spekulationen

Lars Gustafsson lässt die Friseuse erzählen

Martin Krumbholz

Lars Gustafssons Humor ist eine verlässliche Größe. In seinem neuesten Roman lässt er eine texanische Friseuse politisch korrekt heißt es: Friseurin 130 Seiten lang über Gott, die Welt und die Unterwelt plaudern und dabei Rilke zitieren. Das Schöne sei nichts als des Schrecklichen Anfang. Immerhin redet diese Windy mit einem Physikprofessor, dem sie nebenbei die Haare schneidet, und da muss sie das Niveau ihrer Unterhaltung schon ein wenig an die Kundschaft anpassen.

Der Professor selbst, ein älterer Herr, schweigt übrigens nicht, aber so recht zu Wort kommt er auch nicht. Windy erzählt. Der Professor macht hin und wieder Einwendungen. Waren es wirklich zwanzig Millionen, die 1918 durch die spanische Grippe ums Leben kamen? Windy muss da etwas missverstanden haben bei der Sendung im Discovery Channel. Oder sie übertreibt. Windy übertreibt überhaupt gern, wie alle Dichter und Spekulanten. Wie soll man sich anders behaupten in einer Welt, die nichts als Zumutungen bereithält? In der einer Frau zwei Männer weglaufen, unter den abenteuerlichsten Umständen, so ziemlich ohne Erklärungen? Haarsträubend ist das alles.

Ein Frisiersalon ist ein Umschlagplatz von Informationen und Meinungen, die Windy mit wachem Gehör und rascher Auffassungsgabe transformiert und weitergibt.Wo Politisches hineinspielt, wird ihre Rede umstandslos populistisch: "Junkies und Alkoholiker, na danke, und wenn die Polizei was drauf hätte " Gustafssons Erzählung ist natürlich kein pseudo-dokumentarisches Referat, sondern ein hoch entwickeltes Kunstprodukt; und deshalb darf Windy nicht nur Rilke zitieren, sondern sich auch über Mythen und Wissenschaften auslassen; über Chaostheorie, Quantenphysik und Hirnforschung; sie darf, wie der Untertitel verspricht, von den "Verschwundenen" raunen "und von denen , die noch da sind". Kurz: Sie darf das Sprachrohr von Herrn Gustafsson persönlich sein, mit einer zusätzlichen Lizenz zum Verbreiten von Unsinn.

All dies ist höchst amüsant. Windy sichtet und deutet die Welt sehr subjektiv und doch fremdbestimmt. Lars Gustafsson zeigt beiläufig auf, was der notorische Überschuss an Informationen im Bewusstsein des Einzelnen bewirkt. Die vielen Informationen werden nur bruchstückhaft verarbeitet, sie verharren in einem halb vergorenen Zustand oder gerinnen zu modernen Legenden; sie haben geradezu eine Renaissance des Mythischen zur Folge. So lassen Erkenntnisse der Quantenphysik Windy glauben, dass man mit Toten Kontakt aufnehmen könne. Modernes Schamanentum treibt originelle Blüten, und ihre Exkursionen ins Metaphysische führen Windy buchstäblich in die Unterwelt, von der sie annimmt, dass man sie in der Nähe ihres Campingplatzes durch eine schmale Öffnung am Grund eines Baches betreten könne allerdings ohne Garantie einer Rückkehr.

Besonders die Idee des "Gestaltwechsels" beschäftigt Gustafsson wie schon in seinem wunderbaren Roman "Die Sache mit dem Hund", dessen Protagonist, der Konkursrichter Caldwell, durch Windys Erzählung geistert, als sei s eine Fortsetzungsgeschichte im Fernsehen. Für den Gestaltwechsel findet der Autor hier ein besonders plastisches Bild: Windy berichtet, wie ihr Ex-Mann Seth jahrelang altes Bratfett aus Hamburgerbars gestohlen hat, um das Schweinefett zu kochen, zu destillieren und zu teurer Hautcreme zu verarbeiten. Merke: "Aus dem Niederen kommt das Hohe, bis das Hohe zusammenfällt und wieder das Niedere wird. Nicht wahr?"

Von Ovids Metamorphosen über Dantes Besuche in der Unterwelt bis hin zu den Wiederverwertungstechniken der Konsumgesellschaft finden sich Spuren und Echos in Windys Monolog. Das sind die wundersamen Reflexionen einer jungen Frau, die fasziniert ist von der Idee des Zerfalls und doch weiß, dass alles wiederkommt: abgeschnittene Haare zum Beispiel als Blumenerde. Oder ein Rilke-Vers als Gemeinplatz. Oder eine Gustafsson-Nebenfigur als Gustafsson-Hauptfigur. Und außerdem: Dass das Massieren der Kopfhaut eines älteren Herrn durch zarte Damenfinger eine nicht zu unterschätzende erotische Komponente hat. Und so steht am Ende dieses professionellen Termins eine eher private Verabredung. Wir müssen endlich aufhören, meint Windy, mit den Toten zu sprechen. Also morgen? Fein!

Lars Gustafsson: Windy erzählt. Von ihrem Leben, von den Verschwundenen und von denen, die noch da sind. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Carl Hanser Verlag, München 1999. 132 S. , 26 Mark.