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HINWEISE

Drogengefahr

Arno Widmann

Jeder will Mittelpunkt sein. Zu 99 Prozent kreisen unser aller Gedanken stets um das liebe Selbst. Und es will, dass das ganze Universum es tut. Erziehung ist nichts anderes als der Versuch, den Menschen den Egozentrismus auszutreiben. Sie scheitert immer. Klüger ist der Weg, den Künstler gehen. Sie bekämpfen nicht das Laster, sie frönen ihm. Thomas Mann zum Beispiel schuf eine Welt, die ausschließlich von Mannsbildern bevölkert wird. Das narzisstische Wohlbehagen des Autors teilt sich dem Leser mit. Der genießt es, erkennt in den Spiegeln, die dem Autor immer wieder neu sein eigenes Ich vorführten, sich selbst und bald nichts anderes mehr.

Und so beglückt der konsequente Narzissmus eines verzärtelten Lübecker Patriziersohnes fast die gesamte lesende Menschheit.

Leider gelingt nicht jedem, sein privates Laster zur öffentlichen Tugend zu machen. Aber wenn er sieht, wie der Künstler alles, das ihm zustößt, in sein eigenes Werk verwandelt, dann sieht er seine Träume verwirklicht, scheint endlich einmal sich selbst vergessen zu können und ganz den Erfindungen eines anderen zu folgen. In Wahrheit aber ist er, je selbstvergessener er scheint, desto mehr bei sich. Das ist die Seligkeit der Lektüre. Der Autor erschuf sich die Welt, in der er Mittelpunkt war. Der Leser begreift, dass die Welt des Autors und dieser selbst nur für ihn da ist. Er hat so lächerlich es scheint doch auch Recht damit. Er hat das Buch gekauft. Der Autor könnte nicht leben ohne den Leser, wäre keiner ohne ihn und hört exakt in dem Augenblick auf einer zu sein, da der letzte Leser sich seiner nicht mehr erinnert. Der Leser lebt seinen Machtrausch, und der ist überwältigend, wenn schon der Autor es war.

In Thomas Mann treffen sich Millionen ohnmächtige Leser und erleben sich endlich ins Zentrum gerückt. Sie können das tun bei der Lektüre seiner Bücher oder fast schöner noch bei der einer Biografie. Vorausgesetzt, sie lebt den Künstlerwahn aus, man könne sich die Erde, die Welt und ihre Widrigkeiten untertan machen. Sie muss den Märchen des Zauberers glauben und nicht nur die von ihm erfundene Welt sorgsam um ihn herum gruppieren, sondern auch alles, was ihm widerfuhr, jeden, der ihm begegnete, nur soweit vorkommen lassen, wie er relevant war für ihn und sein Werk. Dann ist die Biografie die Erfüllung des narzisstischen Wunschtraumes: Nichts ist, es sei denn, es sei von mir.

Achtung, das ist kein Einwand, sondern eine Warnung: Kurzkes Biografie ist eine Droge. Sie schadet dem gesunden Menschenverstand. (awi)

Hermann Kurzke, Thomas Mann Das Leben als Kunstwerk, C.H. Beck-Verlag, München 1999. 672 Seiten, 68 Mark.

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