Eines Nachmittags führte uns unsere Route an einer seltsamen Stadt vorbei. Die Straßen waren verödet, die Bäume nackt, Türen und Fenster geschlossen wie Lider über die Augen gesenkt. Stille lastete über der Stadt, düsteres Schweigen, der Hauch von Tod."
Die verfallene Stadt, die den jungen Historiker Merinum von einem Nilschiff aus in ihren Bann zieht, heißt Achetaton. Es ist die Stadt des ägyptischen Pharaos Echnaton, "des Ketzers", wie Merinums Vater ihn nennt. Das "Ketzerweib" Nofretete lebe dort in Gefangenschaft.
Nagib Machfus Roman "Echnaton - Der in der Wahrheit lebt" spielt wenige Jahrzehnte nach Echnatons Tod im Jahre 1347 vor Christi. In den 17 Jahren seiner Regierungszeit war ein Sturm durch das ägyptische Reich gefegt. König Echnaton hatte den Glauben an einen einzigen Gott verkündet, an Aton, den Gott der Sonne, des Lichts. Im polytheistischen Ägypten kam das einer Götterlästerung gleich. Echnaton entmachtete die Priester der alten Götter und ließ ihre Tempel zerstören. Ein Religionskrieg zerriss das Land. Nach Echnatons Tod löschte man seinen Namen aus den Königslisten, seine Bauten und Inschriften wurden vernichtet. Mit ihnen verschwand auch die Erinnerung an diesen ersten großen Religionsstifter der Menschheit aus der Geschichtsschreibung. Erst im 19. Jahrhundert, mit der Entdeckung des vom König selbst verfassten großen Sonnengesanges in einem Pharaonengrab, begannen Wissenschaftler sich mit Echnaton auseinander zu setzen.
Machfus Roman liegt jetzt in einer gelungenen Übersetzung von Doris Kilias auch auf Deutsch vor. In Kairo erschien "Echnaton" bereits 1985. Drei Jahre später, 1988, wurde Machfus als erster arabischer Schriftsteller mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In seiner Dankesrede bezeichnet er sich als Abkömmling zweier Zivilisationen: der pharaonischen und der islamischen. In der pharaonischen Zeit habe sich die Menschheit erstmals der Gottheit zugewandt und ihr Gewissen entdeckt Machfus spielte damit auf die Rolle des "Propheten" Echnaton im Alten Ägypten an. Darin steckte ein Appell an die islamistischen Kräfte in seinem Land, sich auf die multikulturellen Traditionen Ägyptens zurückzubesinnen, das auf ein Jahrtausende altes pharaonisches Erbe zurückblickt. Damals ahnte er wohl noch nicht, dass der lange Arm des Ayatollah Khomeini eines Tages auch ihn erreichen würde. 1994 überlebte er ein Attentat, das auf Grund einer gegen ihn verhängten "Fatwa" verübt wurde.
"Echnaton" ist ein für Machfus eher untypisches Buch. Ungleich der berühmten Kairoer Trilogie aus den frühen 50er-Jahren, in der sich über den Zeitraum von 30 Jahren das sozialkritische Porträt einer Familie und eines Kairoer Viertels entfaltet, kommt das schmale Bändchen nicht in episch-romanesker, sondern in dokumentarisch-monologischer Gestalt daher. Der fiktive Erzähler Merinum, Machfus Alter Ego, begibt sich auf Recherchereise: Heute würde man sagen, er will noch lebende Zeitzeugen interviewen. Und so besteht dieser "Roman" in einer manchmal etwas monoton wirkenden Aneinanderreihung der Erzählungen der Befragten. Freunde, Feinde und Verwandte kommen zu Wort: der Hohe Priester Amuns; der Weise Eje Echnatons Lehrer und seine Frau Tij; der Oberste der Wache, Haremhab; Banto, Echnatons Arzt, und schließlich seine Gemahlin Nofrete.
Das Geschehene wird aus mehreren subjektiven Perspektiven erzählt, und über deren Widersprüche entsteht das fikitive Panorama einer Epoche. Dort, wo die Forschungslage unklar ist, etwa in der Frage der inzestuösen Beziehung Echnatons zu seiner Mutter, legt Machfus diese Behauptung in den hasserfüllten Mund von Nofretetes eifersüchtiger Schwester. War alles nur Verleumdung und üble Nachrede? Banto, der ehemalige Leibarzt, ist dieser Meinung und vermutet, dass der Pharao von seinen Gegnern ermordet wurde. Auch das ist historisch nicht nachweisbar. Es könnte aber so gewesen sein. "Echnaton" ist ein lesenswerter Versuch, sich einer historischen Wahrheit in der Möglichkeitsform anzunähern. Trotz aller Faszination des Autors für die ethischen Forderungen des "Propheten", die man beim Lesen deutlich spürt, ist das Buch auch eine Mahnung. Es zeigt, wohin religiöser Fanatismus führen kann: in den Krieg, in die Einsamkeit und schließlich in den Tod.
Nagib Machfus: Echnaton Der in der Wahrheit lebt, Roman, Unionsverlag Zürich 1999, 186 S. , 38 Mark 38 Mark.