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Schleppende Ermittlungen

Vor der Landtagswahl schweigt man in Thüringen zu den Pannen im Fall Friedhelm Beate

Peter Riesbeck

BERLIN/ERFURT, 1. September. Ein kurzes Klopfen. Er müsse noch mal nach dem Rechten sehen, ruft der Hotelier. Der Gast öffnet seine Zimmertür einen Spalt breit und sieht zwei Herren mit gezogenen Pistolen. Dass die Männer Zivilfahnder der Polizei sind, ist für ihn nicht ersichtlich. Vor Schreck drückt er seine Zimmertür schnell wieder zu. Durch die geschlossene Tür fallen zwei Schüsse; einer durchschlägt die Brust, der zweite Schuss trifft das Herz und tötet Friedhelm Beate. Der Tourist aus Köln, auf Wandertour in Thüringen, wurde Ende Juni Opfer einer Fahndungspanne. Die Polizisten verwechselten ihn mit dem Schwerverbrecher Dieter Zurwehme. Während Zurwehme seit knapp zwei Wochen in Koblenz in Haft sitzt, sind die genauen Umstände des Todes von Beate weiter ungeklärt. Die Witwe stellte mittlerweile bei der zuständigen Staatsanwalt in Erfurt einen Antrag auf Nebenklage.

Bereits unmittelbar nach den tödlichen Schüssen wurden zahlreiche Pannen im Polizeiapparat bekannt. Eigentlich sollten die Zivilfahnder nur die Personalien von Friedhelm Beate überprüfen. Der Tourist aus Köln hatte sich am Nachmittag des 27. Juni im Hotel "Zur Erholung" im thüringischen Heldrungen einquartiert. Nur mit Wanderstab und Rucksack war er in der Pension angekommen. Das machte ihn bereits verdächtig jedenfalls für eine Bedienstete des Hotels. Nach einer Fahndungssendung im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) glaubte sie in Friedhelm Beate den gesuchten Dieter Zurwehme zu erkennen.

Dilettantische Tatortsicherung

Die alarmierten Polizisten in Nordhausen verständigten allerdings nicht das Sondereinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamtes, sondern schickten eigene Zivilfahnder los. Die Beamten gingen mit Schusswaffen vor, obwohl sie wussten, dass in Köln eine Person mit dem Namen Friedhelm Beate gemeldet war. Auf einen Anruf in dessen Kölner Wohnung hatten die Ermittler aus Thüringen verzichtet. "Ein Chaos-Einsatz", urteilt Thomas Wüppesahl von der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten, im Hauptberuf Ermittler beim Landeskriminalamt Hamburg.

Peinliche Fehler unterliefen den Beamten aber nicht nur im Vorfeld, sondern auch bei den Ermittlungen zum Ablauf der tödlichen Verwechslung. "Dilettantische Arbeit", urteilt Wüppesahl. Zum Beispiel bei der Spurensicherung. Anfang Juli gab die Erfurter Staatsanwaltschaft das Hotelzimmer von Friedhelm Beate zunächst frei. Wenige Stunden später rückten die Beamten aber wieder an, um den Tatort erneut zu versiegeln. "Natürlich bin ich in der Zwischenzeit reingegangen, um mir einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Ich musste ja die Handwerker bestellen", sagt Claus Unger, der Hotelbesitzer.

"Die zwischenzeitliche Freigabe des Tatortes war ein grober Fehler", sagt der kritische Polizist Wüppesahl. Mit modernen Methoden, etwa zur Faserbestimmung, lasse sich der Tathergang genau rekonstruieren. "Das können Sie natürlich vergessen, wenn fremde Personen erst Mal am Tatort umhergelaufen sind." Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft konzentrieren sich nun darauf, welcher der beiden Zivilfahnder den tödlichen Schuss auf Friedhelm Beate abgab. Einer der beiden Beamten habe bislang keine Angaben zum Tathergang gemacht, sagt Silke Becker, Sprecherin der Erfurter Staatsanwaltschaft. "Der andere sagte, er habe zuerst einen Schuss gehört und dann geschossen." Genauere Aufschlüsse müsse ein kriminaltechnisches Gutachten liefern, sagt Becker.

Innenministerium schweigt

Wann dieses Gutachten vorliegt, ist derzeit noch unklar. Die Schussspuren, die darüber Auskunft geben könnten, welcher der beiden Fahnder den tödlichen Schuss abgab, wurden zunächst nicht ausreichend gesichert. Nur so ist es zu erklären, dass die Beamten die beschlagnahmte Zimmertür und die Frontseite des Hotelbetts, in dem ein Projektil steckte, Mitte August wieder aus der Asservatenkammer holten. Sie schleppten Tür und Bettgiebel wieder ins Hotel "Zur Erholung" zurück und bauten sie im Zimmer, das Friedhelm Beate bewohnte, wieder ein. Dann wurden die Schussspuren von den Ermittlern erneut vermessen.

"Seltsame Ermittlungsmethoden", sagt der kritische Polizist Wüppesahl, der bei den Ermittlungen in Thüringen eine "Vertuschungstaktik" vermutet. So wurden Hotelier Unger beispielsweise während seiner Vernehmung zu dem tödlichen Vorfall alte Passfotos der beiden Zivilfahnder vorgelegt. "So ganz taufrisch waren die nicht mehr", erinnert sich Unger. Erst drei Tage später legte die Staatsanwaltschaft bei einer erneuten Vernehmung aktuelle Fotos der Beamten vor.

In der vergangenen Woche befasste sich erneut der Innenausschuss des Thüringer Landtages mit den Schüssen von Heldrungen. Zum fünften Mal mussten Innenminister Richard Dewes (SPD) und seine Beamten bislang dem Ausschuss in nichtöffentlicher Sitzung unangenehme Fragen beantworten. Mittlerweile ist in die Ermittlungen neben dem Bundeskriminalamt auch die US-Bundespolizei FBI eingeschaltet. Die Kriminalisten sollen eine Computersimulation des Tatablaufs erstellen. Das wird dauern. Und das dürfte den Thüringern auch recht sein. Am 12. September sind Landtagswahlen. Das Innenministerium lehnt zu den tödlichen Schüssen von Heldrungen zurzeit jede Stellungnahme ab.

CHRONIK Fatale Fehler // Am 27. Juni kommt es während der Fahndung nach dem Schwerverbrecher Dieter Zurwehme in Thüringen zu einer tödlichen Verwechslung. Der Urlauber Friedhelm Beate wird in seinem Zimmer in einem Hotel in Thüringen von zwei Zivilfahndern der Polizei erschossen. Bei den Ermittlungen zum Tod von Beate gab es einige Pannen: Am 1. Juli gaben die Behörden den Totort zunächst frei, um ihn wenige Stunden später erneut zu versiegeln. Hotelpersonal könnte wichtige Spuren unbeabsichtigt verwischt haben.

Am 11. August versiegelten die Ermittler den Tatort ein zweites Mal. Sie bauten die beschlagnahmte Tür und den Bettgiebel erneut in Beates Hotelzimmer ein, um Schussspuren nochmals zu vermessen.

Kritiker sprechen von einer "dilettantischen Ermittlungsarbeit" und "Vertuschungstaktik".