Textarchiv

Der Flaneur als Stadtneurotiker

Geoff Nicholson erwandert sich systematisch sein "London, London"

Jens Balzer

Stuart London heißt nicht nur wie die Stadt, in der er lebt. Er ist ein idealer Metropolenbewohner aus dem Lehrbuch des Modernismus: Nur wenn er mit schweifendem Blick durch die Straßen flaniert, fühlt Herr London sich ganz bei sich selbst. Noch während des Studiums ist es ihm gelungen, seine Leidenschaft beruflich zu nutzen: in einer inzwischen prosperierenden Firma, die originelle Themen-Sightseeings für Hauptstadttouristen plant. Zehn Jahre lang hat Stuart seine Kunden "auf den Spuren von Jack the Ripper" umhergeführt oder "an die Orte des Großen Brandes" gebracht. Nun kann er bequem von den Zinsen leben und sich einer letzten großen Herausforderung stellen. Fast vier Jahre lang durchwandert er, eine nach der anderen, jede einzelne Londoner Straße. Auf einem Stadtplan streicht er die Orte aus, an denen er bereits vorbeispaziert ist. Wenn die Karte gänzlich geschwärzt ist, will Stuart sterben.

Geoff Nicholsons Roman von den beiden Londons umkreist eine Phänomenologie des flanierenden Schauens. Kernstück der Geschichte sind die Tagebuchnotizen, die Stuart nach seinen täglichen Ausflügen verfertigt. Es sind eher aphoristische Sprengsel als nachvollziehbare Beschreibungen der erwanderten Orte. Doch gerade darum imitieren sie treffend das Pathos, das man aus vielen literarischen Stadtspaziergängen kennt. Je angestrengter sich der schweifende Blick um ein "vollständiges" Bild der Gegend bemüht, desto verlässlicher nimmt er deren Skurrilitäten wahr und die Zeichen des urbanen Verfalls. Letztlich rührt die Melancholie des Flaneurs aus der planvollen Flüchtigkeit seines Schauens. Er gestattet sich am Gesehenen gerade so viel Interesse, wie es ihm Anlass zum Staunen und Schaudern gibt. Vor jedem näheren Kontakt, der die Aura des Unverständlichen zerstörte, schreckt er zurück.

Ist die Lust am Flanieren eine Kontrollneurose? Wenn Stuart nicht durch die Straßen streift, hat er jedenfalls masochistischen Sex mit einer Halbjapanerin namens Judy; diese will "ihren Körper" mit der Metropole vereinen, indem sie "an jedem Ort" einmal geschlechtlich verkehrt. Den Erfolg bespricht sie wöchentlich mit ihrer Therapeutin. Je gründlicher ihr persönliches Kopulationsprofil das Londoner Stadtgebiet überdeckt, desto sachgemäßer gruppiert sich auch ihre Libido um. Längst hat sie ihren erogenen Zonen die Namen von Stadtteilen gegeben. Und ahmen die neckischen Male, die sich über ihre Lendengegend verbreiten, nicht allmählich das Flussbett der Themse nach?

Nicholson ist ein origineller Erfinder von Obsessionen. Auch hat er gründlich darüber nachgedacht, wie seine Ausgangsidee sich in motivische Reihen erweitern lässt. In jedem einzelnen Schlenker, den seine Handlung nimmt, lässt sich eine Variation des Themas erkennen. Dabei wechseln grelle Überdeutlichkeiten mit sublimierten, gelegentlich nur am Stilwechsel erkennbaren geistesgeschichtlichen Anspielungen ab. Als wolle er sich in dieser Manie seinen Figuren verwandt mit einem Bewegungsprofil in die Karte der Stadtliteratur einschreiben, wird deren gesamter Kanon herbeizitiert, vom britischen Klassizismus eines Dr. Johnson bis zu Benjamins "Einbahnstraße". Die Emphase des Flaneurs beispielsweise, dem an jeder Straßenecke sedimentierte Geschichte begegnet, soll an William Carlos Williams erinnern. Der fetischisierte Stadtplan und der Glaube, man könne durch das Erwandern von Mustern eine psychologische Einheit mit der abgebildeten Welt erlangen, sind aus den New-York-Romanen Paul Austers entliehen.

Aber im Vergleich mit dem geistesverwandten Auster erhellt sich auch das Unbehagen, das man beim Lesen des Buches verspürt. Zwar ist Nicholson weit weniger prätentiös. Er will mit seinen literarischen Kenntnissen und der Fähigkeit, verschiedene historische Schreibstile zu imitieren, nicht angeben, sondern vor allem amüsieren. Doch scheint er, wie auch Auster, zu glauben, die Weigerung gegen schlüssiges Geschichten erzählen bezeuge besondere literarische Sensibilität. Von den denkbaren Peripetien, auf die seine Handlungsstränge hinstreben, tritt letztlich keine Einzige ein. So liebevoll erst die Ticks der handelnden Figuren beschrieben sind, so gleichmütig wird ihr Schicksal am Ende wieder ins Chaos der vielen Geschichten versenkt, die eine große Stadt nun mal zu erzählen hat.

Nicholson lässt keinen Zweifel daran, dass er das Enttäuschen von Lektüre-Erwartungen für eine erkenntnisfördernde Abstraktionsleistung hält. In seinen ersten zwei Dritteln ist "London, London" ein lustiges, am Schluss wenigstens noch ein lehrreiches Buch. Witz und Blindheit des postmodernen Erzählens sind hier untrennbar miteinander verbunden.

Geoff Nicholson: London, London. Roman. Aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski. Haffmans Verlag, Zürich 1999. 447 S., 39 Mark.