War Freud ein deutscher Denker? Hätte das "Unbewusste" in Frankreich nicht erfunden werden können? Die Antwort von Georges-Arthur Goldschmidt auf diese Fragen ist so einfach wie brillant, denn er findet die Bedingungen der Psychoanalyse in der Struktur der Sprache. Freud hat demnach nichts anderes getan, als dem Deutschen nachzuhören, seinen Wendungen, Kurven und unterirdischen Gängen zu folgen, kurzum nichts anderes, als der Sprache das Unbewusste abzulauschen. Das Deutsche komme dabei Freuds Projekt entgegen. Es habe so Goldschmidt eine wesentlich größere Affinität zum Unbewussten als das Französische. Das Verdrängte gleitet hier sozusagen nur wenig unterhalb der Oberfläche entlang, so dass sich das Netz des psychoanalytischen Vokabulars wie von selbst ergibt, hört man nur aufmerksam zu. Daran könnte freilich bereits der Originaltitel der 1988 erstmals erschienenen Studie zweifeln lassen. "Quand Freud voit la mer" "la mer" (das Meer) und "la mère" (die Mutter) finden nur im Französischen sprachlich zusammen.
Das große Projekt Goldschmidts zielt aber über eine Erklärung der Psychoanalyse hinaus auf die großen Fragen dieses Jahrhunderts. Der geringe Abstand zwischen Oberfläche und Grund in der deutschen Sprache bietet ihm beispielsweise ein Modell für die Zerbrechlichkeit des normativen Gefüges im Politischen: "Der Gebrauch der deutschen Sprache hat den Zugang zu den überdeckten Bereichen des Seelenlebens vielleicht erleichtert, wenn nicht gefördert", so dass man von hier aus der "psychoanalytischen Erhellung des absoluten Verbrechens den Weg" weisen könnte. Bereits in der Sprache zeige sich jene Ich-Schwäche der Deutschen, die als Begründung für deutsche Gewaltbereitschaft herhalten muß, seit die Frankfurter Schule die "autoritäre Persönlichkeit" untersuchte.
Goldschmidts Analyse ist ein Essay über die sprachlichen Unterschiede der beiden Nachbarländer, ausgehend von den Schwierigkeiten beim Übersetzen der Freudschen Schriften. Das Deutsche ist körperlich, das Französische abstrakter. Die etymologischen Bezüge des Deutschen liegen offen zu Tage, die des Französischen sind versteckter. Der "Deutsche schleppt an seiner Seele", wohingegen dem Französischen diese Seelenschwere bereits sprachlich fremd bleiben muss denn es bildet kein Adjektiv zu "Seele", wohingegen das Deutsche jedem Abgrund ein "seelisch" voranstellen kann.
Entscheidend sind nun weniger solche Pauschalurteile als vielmehr die Exerzitien der Sprachbetrachtung, die alles tief in der jeweiligen Grammatik und Semantik versenken. Die Schwierigkeiten beginnen bereits beim Neutrum. Das Französische kennt nur zwei Genera, so dass es das Unbewusste als "l inconscient" männlich, vor allem aber aktiv und damit bewusster setzt. "Être conscient" bezeichnet eine Aktivität, einen Zustand der Wachheit, der in "ich bin bei Bewusstsein", "ich bin mir bewusst" oder "es ist mir bewusst" vollkommen fehlt. "Das Bewusstsein führt sich im Deutschen nicht als ein Tun ins Denken ein". Das Deutsche nähert sich gewissermaßen eigenständig dem Es.
Nun könnte man sicher an der einen oder anderen Bezüglichkeit zweifeln, die Goldschmidt herstellt. Zweifeln könnte man besonders an der Verabsolutierung eines Sprachverständnisses, dem jede historische Perspektivierung fehlt. Mit Goldschmidt gesagt: "Alles hat in der Sprache vor Freud schon gesprochen, und er beschränkte sich listig darauf, ihr das Wort zu erteilen." Aber wann wird die Sprache wirklich zu jenem "Meer", das Freud gesehen hat? Ist das nicht selbst eine Erfindung des psychoanalytischen Zeitalters? Die Sprache, seit sie gedruckt wird, gleicht womöglich eher einem Setzkasten. Hier gibt es weniger fließende Übergänge als vielmehr ein kalkulierbares Nebeneinander. So, wie die beweglichen Lettern Gutenbergs kombiniert werden, einer neben der anderen, so sind auch Buchstaben, Silben, Wörter ja ganze Sinnabschnitte als Textbausteine kombinierbar, verwendbar, handhabbar. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Freud der Sprache das ablauschen konnte, was die Sprache erst zu einem belauschbaren, tiefgründigen Ereignis machte?
Hier liegt zugegebenermaßen nicht das Problem der Studie, solche Fragen können aber das Vertrauen in jene Sprache schmälern, auf der die ganze Analyse fußt. Für Goldschmidt wird die Sprache an sich zu einer Art großem Gedicht. Nicht umsonst schreibt sich sein Sprachverständnis aus dem frühen 19. Jahrhundert her, insbesondere von Wilhelm von Humboldt. Die Poetisierung der Welt, jenes von der Romantik bis in unser Jahrhundert reichende Projekt der Literatur, wird von Goldschmidt aufs Subtilste realisiert. Er schreibt auf diese Weise ebenso sehr ein Buch über das Unbewusste der Psychoanalyse wie über das Unbewusste der deutschen Sprache, über die Missverständnisse zwischen Deutschland und Frankreich wie über die Möglichkeiten der wechselseitigen Ergänzung beider Sprachen.
Der Übersetzer der Werke von Goethe, Nietzsche, Kafka und Handke führt hier vor, was Walter Benjamin in seinem Essay über "Die Aufgabe des Übersetzers" nur proklamiert hatte: "So ist die Übersetzung zuletzt zweckmäßig für den Ausdruck des innersten Verhältnisses der Sprachen zueinander. Sie kann dieses verborgene Verhältnis selbst unmöglich offenbaren, unmöglich herstellen; aber darstellen, indem sie es keimhaft oder intensiv verwirklicht, kann sie es."
Georges-Arthur Goldschmidt: Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Ammann Verlag, Zürich 1999. 192 S., 38 Mark