Die Literatur ist wie ein bockiger Schüler. Man kann ihr noch so genau sagen, was sie tun soll (realistischer erzählen oder den großen Wenderoman schreiben), sie zuckt die Schultern und macht, was sie will. Nun glaubt natürlich keiner im Ernst, daß es um die Literatur besser stünde, wären die Autoren Musterschüler, die alles prompt ausführten, was man von ihnen verlangt. Zum Beispiel: sauberes Handwerk. Wann immer die deutsche Gegenwartsliteratur für ihren Mangel an Lesefreundlichkeit gescholten wird, kommt der Verweis auf Amerika und den Lesespaß, der dort schon deshalb größer sei, weil die transatlantischen Autoren ihr Metier beherrschten. Irgendwie stimmt das ja auch: Elfriede Jelinek als Leiterin eines creative-writing-Seminars ist nicht unbedingt Idealbesetzung. Aber einen Kandidaten hätten wir schon: Hanns-Josef Ortheil. Der schreibt so, wie andere Leute ihre Hemden bügeln. Immer mit den gleichen sicheren Handgriffen, dann und wann ein wenig heißer Dampf, und am Ende sind die Seiten geschmeidig faltenfrei und jedes Kapitel mit einem vorbildlich akkuraten Kragen versehen. Voraussetzung ist nur, daß der Stoff edel ist.
Für den ersten Teil seiner Italien-Trilogie, "Faustinas Küsse", wählte Ortheil Goethe und dessen erotische Initiation auf klassischem Boden, zwanglos kombiniert mit dem Muster der Detektivgeschichte. Für seinen neuen Roman "Im Licht der Lagune" hat Or-theil die römische Kulisse durch eine venezianische ersetzt, sich sonst aber ganz an sein bewährtes Rezept gehalten: Ausnahmepersönlichkeiten bewegen sich durch eine historische Landschaft, die mit viel Lokalkolorit und Liebe zum Detail ausgemalt ist. Es gibt ein bißchen Spannung und unerhörtes Ereignis. Viel hohes Künstlertum und ekstatische Liebespassion. War der Grundtenor von "Faustinas Küsse" eher römisch-burlesk, wählt Ortheil nun im Sinne der Gondeln, die Trauer tragen, eine schwer melancholische Tonart, sehr todessehnsüchtig.
Held von "Im Licht der Lagune" ist Andrea, ein junger Mann, den der Conte Paolo di Barbaro im Jahre 1786 bei der Entenjagd nackt und ohnmächtig in einem Ruderboot findet. Ein seltsames Geschöpf, halb reiner Tor und Naturkind, halb unbeirrbar fanatischer Künstler mit vor Inspiration geröteten Augen. Erst hält man ihn für einen Heiligen, dann für ein Genie, denn er malt so großartig, daß jedes seiner Bilder zu einer Offenbarung wird. Sein Geheimrezept: Fischöl als Bindemittel. Sein Credo: die Natur so malen, wie sie ist. O unvergleichliches Schöpfertum: Das naturwüchsige Originalgenie Andrea, das nie eine Akademie von innen gesehen hat, malt, daß alle Canalettos und Guardis wie verhuschte Dilettanten dastehen. Der dramatische Knoten schürzt sich, als die schöne Caterina, Schwägerin des Conte, ihr Herz an den malenden Jungsiegfried verliert. Kurz, es wird wild gemalt und standesübergreifend geliebt. Über allem aber schwebt bedeutungsvoll die Frage, wo der Zauber herrührt, mit dem das Findelkind, das sich an seine Vergangenheit nicht erinnern kann, die Welt in Atem schlägt. Das klärt Ortheil pünktlich auf den letzten Seiten des Romans.
Aber es ist nicht dieser mittelmäßige Drehbuchplot, der verdrießt, sondern die Glätte und Vorschriftsmäßigkeit, mit der er exekutiert wird. Da gibt es keine Unstimmigkeiten, keine Überdrehtheiten, kein Stolpern, aber auch keine Spannung, die erst aus dem Kampf mit der Form entsteht. Atmosphäre ist für Ortheil etwas, das durch seltene Adjektive erzeugt wird. Geheimnis das, was entsteht, wenn man dem Leser Informationen vorenthält. Und Stil der geballte Einsatz von feinfühligen Konjunktiven: "Beinahe hatte es den Anschein, als nehme er sie kaum zur Kenntnis." In ebenmäßiger Syntax arbeitet sich Diplomautor Ortheil von Kapitel zu Kapitel, deren jedes mit so regelpoetischen Mustersätzen beginnt wie: "Am frühen Abend stand der Conte am Fenster seiner Bibliothek". Im Tonfall irgendwo zwischen Franz Werfel und den Brüdern Lucentini schreibt Ortheil so grundsolide und kunsthandwerklich meistersingerlich, daß jeder seiner Sätze die Expressivität einer feierabendlichen Holzschnitzarbeit hat.
Nun will "Im Licht der Lagune" auch ein Roman der Sinne sein, aber obwohl Ortheil jedes Düftchen, jede Farbschattierung, jeden Klang und jedes Aroma akribisch mit einem ganzen Karteikasten erlesener Vokabeln belegt, hat sein Buch die Sinnlichkeit einer empfindsam beschrifteten Hochglanzbroschüre. Da riechen Kleider nach "Sandelholz und Mandelöl", der "salzige Atem der Lagune" schlägt einem entgegen, und Kerzen brennen in den Augen "wie eine Garbe gleißenden Sonnenlichts". Die Sonne geht hinter glühenden Alpen unter, und Rialto erscheint im Weichzeichner. Jede Seite eine pittoreske Postkarte. "Schwere Damaststoffe" und die "Falten des roten Brokatrocks" illuminieren den morbiden Schmelz der dekadenten Republik zehn Jahre vor ihrem Untergang. Alles ist von einem Ausstattungsfuror, gegen den sich jeder Historienfilm als puristische Askeseübung ausnimmt. Über Guardis Bilder sagt Andrea: "Die Manier ist keine Kunst." Das stimmt zwar nicht, als Selbstbeschreibung von Ortheils preziösem Genreroman kann man es aber durchgehen lassen.
Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 1999. 329 S., 42 Mark.