Textarchiv

Der Wassergeist

Schnittpunkt zwischen Ost und West: Dem japanischen Literaturnobelpreisträger Yasunari Kawabata zum 100. Geburtstag

Manuela Reichart

Als er 1972 Selbstmord beging, waren alle ratlos: Kein Abschiedsbrief, keine Erklärung, kurze Zeit vorher war er mit Freunden zusammengewesen, er hatte Verabredungen, Pläne gehabt. Man fand ihn an einem Sonntag abend in seinem Arbeitsapartment, das der 72jährige erst wenige Monate zuvor gekauft hatte, im benachbarten Sommerbadeort seiner Heimatstadt Kamakura. Yasunari Kawabata brachte sich durch das Einatmen von Leuchtgas um.

In den Nachrufen auf den Literaturnobelpreisträger von 1968 (für seine "erzählerische Meisterschaft, die mit großer Empfindsamkeit das Wesen des japanischen Geistes ausdrückt", hatte die Schwedische Akademie formuliert) erinnerte man sich an die lebenssatte Müdigkeit einer Figur in einem seiner Hauptwerke "Ein Kirschbaum im Winter". Da spürt das Oberhaupt einer kleinen Familie, wie das Alter von ihm Besitz ergreift und die Kräfte nachlassen. Sein Gedächtnis läßt ihn im Stich, er versinkt in seinen Erinnerungen, fühlt sich fremd in der modernen Welt. Kawabata beschreibt das alte Ehepaar, den Sohn, der ohne Gewissensbisse seine Frau betrügt und ihr Schmerzen bereitet, die zerbrochene Ehe der Tochter, die erotisch gefärbte, zarte Zuneigung des Alten für die Schwiegertochter. Es gibt keine Höhepunkte, keine dramatischen Ereignisse, die den Erzählfluß bestimmen, statt dessen wird mit großer Sensibilität und Genauigkeit das tägliche Einerlei einer Familie beschrieben, in der jede Harmonie fehlt. Der alte Mann ist bemüht, die Tradition zu bewahren, einen Rest des guten Alten zu retten, die Verbindung zwischen japanischer Vergangenheit und Gegenwart herzustellen. Das ist jedoch ein so schweres Unterfangen, daß er den Tod nicht nur vorausahnt, sondern ihn herbeisehnt.

Die einzelnen Kapitel dieser Familiengeschichte, in der es vor allem um die innere Welt des Protagonisten geht, wurden von 1949 bis 1958 in Zeitschriften veröffentlicht. Wie andere Werke Kawabatas auch, war dies kein Vorabdruck, wie wir ihn kennen, vielmehr entstand der Text von Folge zu Folge, wurde überarbeitet und weitererzählt, bis er schließlich als Buch erschien. Kawabata schrieb keine vorher festgelegte Geschichte, sondern entwikkelte den Stoff über Jahre hinweg aus einem Netzwerk verschiedener kurzer Episoden.

In dem Genre der kleinen Erzählungen, die oft erst in Zeitschriften erschienen, entwickelte Kawabata seine Meisterschaft. 1923 begann er, die "Handtellergeschichten" zu schreiben, kurze Prosatexte in einem lyrischen Ton, Momentaufnahmen eines ganzen Lebens, die auf zwei, drei Seiten von großen Dramen und kleinen Alltäglichkeiten, von Verwicklungen und Geheimnissen erzählen. Da bringt ein Mädchen den blinden Besucher ihrer Schwester immer wieder zum Bahnhof, ist erstaunt darüber, daß er den Standort jeden Geschäfts sich merkt, daß er Dinge weiß, die er nicht sehen kann. Das Mädchen stammt aus einer Familie, die unter einem seltsamen Bann steht; erst als die Mutter stirbt, vertreibt die Schwester den blinden Verehrer. "Ein letztes Mal begleitet O Kayo ihn zur Bahnstation. Als der Zug abfuhr, war ihr so traurig zumute, als wäre ihr Leben damit zu Ende. Sie nahm den nächsten Zug und fuhr ihm nach. Sie hatte keine Ahnung, wo er wohnte, doch meinte sie, den Weg zu wissen, den der Mann, den sie so lange an der Hand geführt hatte, gehen würde."

In diesen Geschichten die so kurz sind, daß sie auf einen Handteller passen würden geht es um stille Empfindungen und irreale Hoffnungen, es sind Miniaturen, hinter denen sich Lebensentwürfe und Lebenslügen, wehmütige Liebessehnsüchte und erotische Obsessionen verbergen. Ein Mann fährt täglich mit dem Zug und beobachtet dabei ein schönes Schulmädchen. Er denkt über sie nach, stattet die Unbekannte in seiner Phantasie mit Herkunft und Geschichte aus, bis er plötzlich Zeuge wird eines Abschieds zwischen ihr und einem älteren Mädchen. Hinter wenigen Zeilen nur verbirgt der Autor eine innige Liebesgeschichte zwischen diesen beiden. In dem Moment der Trennung erkennt man den dauernden Schmerz, der ihr Leben überschatten wird.

Es geht einem mit diesen poetischen kleinen Geschichten wie mit einer filigranen Zeichnung, in der man, je länger man sie betrachtet, immer mehr entdeckt, das dem flüchtigen ersten Blick verschlossen geblieben war. Immer wieder verschmelzen in diesen "Handtellergeschichten" (der erste deutsche Band erschien 1990, ist aber leider vergriffen) Tag und Nacht, Wirklichkeit und Traum. "Der Alte und das junge Mädchen gingen spazieren. An den beiden war allerlei Seltsames. Als hätten sie nicht gespürt, daß zwischen ihnen ein Unterschied von vielleicht sechzig Jahren bestand, hielten sie sich wie Liebende eng aneinander." Die beiden sind tatsächlich ein Liebespaar: Sie ist die jung gestorbene Geliebte und er der endlich für den Tod Bereite, über die Jahre treu Gebliebene. Aus einem Traum wird plötzlich Wirklichkeit, und Mythen und Sagen sind ebenso nachhaltig und real wie die Hoffnungen der Menschen. Daß uns Samurai- oder Wassergeist-Geschichten, japanische Mythen und Traditionen kaum bekannt sind, schmälert den Genuß der Lektüre nicht. Denn die Größe dieses Dichters liegt vor allem in der feinen und genauen Zeichnung dessen, was zwischen den Menschen passiert. Eine Geste, ein falsches Wort genügen, um Empfindungen, erotische Verwicklungen, Abgründe aufscheinen zu lassen. Ein tierliebender Junggeselle, der ebenso vom Tod seiner Vögel und Hunde fasziniert ist wie von ihrer lebensfrohen Existenz, denkt beim Wiedersehen mit einer früheren Geliebten an den Tod eines jungen Mädchens. Er kann nicht lieben, was verfällt, was altert; er liebt Erinnerungen, nicht Gegenwärtiges.

Die Geschichte "Von Vögeln und Tieren" (immer wieder gab es den Vergleich Kawabatas mit Thomas Mann, und tatsächlich fühlt man sich hier an "Tobias Mindernickel", jenen Mann erinnert, der seinen Hund aus Liebe zu Tode quält) ist abgedruckt in einem Band mit längeren Erzählungen, der zum 100. Geburtstag wieder neu aufgelegt wurde. In dieser Sammlung kann man sich nicht zuletzt davon überzeugen, daß Kawabata nicht nur der Traditionalist war, den die europäische Kritik vor allem in ihm sah, sondern auch ein literarischer Neuerer. Er war Mitbegründer einer Gruppe von Neo-Sensualisten, gab 1930 eine literarische Zeitschrift heraus, die sich gegen den realistischen und proletarischen Roman richtete, der damals in Mode war. Kawabata las die europäische Literatur der Moderne, fand so sein langjähriger Übersetzer Siegfried Schaarschmidt den "Schnittpunkt der Linien aus West und Ost".

In der meisterhaften Erzählung "Träume in Kristall", geschrieben 1931, benutzt er eine an James Joyce erinnernde Technik: Eine unglückliche, kinderlose Ehefrau redet im atemlosen inneren Monolog von ihren Träumen, ihrem Leben, ihren Erinnerungen. Yasunari Kawabata: Am 11. Juni wäre er 100 Jahre alt geworden; von 1948 bis 1965 war er Präsident des Japanischen PEN-Zentrums; er war Förderer und Freund von Yukio Mishima. Im Nachwort zum Band "Träume in Kristall" schreibt der inzwischen verstorbene Siegfried Schaarschmidt: "Wer ihn kannte, vergißt diese Augen nicht " Auf allen Fotos sind es die riesengroßen, traurigen Augen des Schriftstellers, die, kontemplativ und in weite Ferne gerichtet, den Betrachter nicht anschauen, sondern durch ihn hindurchzublicken scheinen. In der Ferne suchte der Buddhist Kawabata die Menschen zu erkennen, die von nahem nichts Besonderes an sich hatten.

Yasunari Kawabata: Der Blinde und das Mädchen. Neue Handtellergeschichten. Aus dem Japanischen von Siegfried Schaarschmidt; Hanser Verlag, München 1999. 118 S., 24 Mark.

Träume im Kristall. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Siegfried Schaarschmidt. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1999; 164 S., 22,80 Mark.

Ein Kirschbaum im Winter. Roman. Aus dem Japanischen von Siegfried Schaarschmidt und Misako Kure. dtv, München 1999. 247 S., 16,90 Mark.