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Regierungsgeschäfte in Stundenhotels

Romy Haag phantasiert sich in "Cabaret Berlin" durch ihre erotische Hauptstadt

Berlin ist jetzt Hauptstadt, daran läßt sich seit der feierlichen Eröffnung des Bundestags im Reichstag nichts mehr deuteln. Romy Haags neueste Produktion nimmt die Dinge, die ohnehin nicht mehr zu ändern sind, mit Humor. Die frivole Diva, die vor gut 20 Jahren aus den Niederlanden an die Spree floh, hat in der vergangenen Woche im Tränenpalast ihr "Cabaret Berlin" eröffnet. Schon in den 80ern gab es ihren Nachtclub "Chez Romy", in dem der Legende nach David Bowie und andere Pop-Größen ein- und ausgingen. Bei Romy träumte man schon lange bevor die Berliner Hauptstadtstrategen den Ehrgeiz der Stadtväter anfachten von New York und Paris. Ihre große Sorge gilt deshalb auch nicht dem neuen Status ihrer "geliebten Stadt", sondern dem Hauptstadtpersonal, das in absehbarer Zeit vom Rhein an die Spree übersiedeln wird.

Die Bonner sollen ruhig kommen Romy und ihre Freunde zeigen ihnen, worauf sie sich da einlassen. Mit "Cabaret Berlin" haben sie für all jene, die in erotischer Hinsicht nicht so vielseitig interessiert sind, wie die ihren eigenen Angaben zufolge "homo-, hetero-, bi- und transsexuell" veranlagte Revueprinzessin, einen Wegweiser durch die vermeintliche Hauptstadt des Lasters zusammengestellt.

Also steht die dralle Holländerin, die auch im staatstragend schwarz-rot-goldenen Schößchenkleid eine Aura von Puffmutter umweht, in dem zum barocken Lusttempel umfunktionierten Tränenpalast und bestätigt Ministerialbürokraten und deren Gattinnen ihre schlimmsten Befürchtungen. "Diese Stadt ist Gefahr, wie eine Hure nimmt sie dich aus", trällert sie den Neuankömmlingen mit ihrer rauhen Telefonsex-Stimme ins Ohr. Oder weniger mütterlich besorgt: "Hier findest du den Kick, den du brauchst/ hier gibt es kein Tabu, hier wird die Seele tief ins Fleisch gehaucht/ denn ewig brennt die Lust".

Berlin, so will ihr deftiges Initiationsritual die Zuzügler aus dem "Tal der Ahnungslosen" glauben machen, ist dort, wo sich Wunschträume der Exzentriker und Alpträume der Bürger treffen: Berlin ist ein Sündenpfuhl, oder neudeutsch gesagt "sin city". Das glaubt ihr natürlich niemand, denn jeder weiß, daß man hier wie in anderen Städten ein Leben zwischen Schreibtisch, Anrufbeantworter und gelegentlichem Kinogang führen kann. Aber die Bonner, so hofft die Haag, wissen das nicht. Deshalb müssen sie als fiktive Adressaten für ihre Vision herhalten, die vorerst allerdings nur auf der Bühne Wirklichkeit wird.

In "Cabaret Berlin" phantasiert eine Erotomanin von einer Republik, deren Polizisten Stringtanga tragen und deren Politiker nach jeder Pressekonferenz zu einem Strip aufgelegt sind. Ginge es nach Romy Haag und ihren Freunden, wäre die Deutsche Bank längst ein Spielcasino, in dem der Wirtschaftsminister als Croupier arbeitet und würden die Regierungsgeschäfte von nun an in Studenhotels getätigt, während die Wasserbetten Wogen schlagen. Die Zentrale läge natürlich in dem von ihr noch zu gründenden Club, von wo aus ein wunderschöner Transvestit seine Untergebenen dirigiert. Ihr Vorschlag für das neu zu schaffende Amt: Das Unterhosenmodel Marc Diavolo, der von den Playgirl-Leserinnen zum "schönsten Mann des Jahres" gekürt wurde. Diavolo kann zwar, im Gegensatz zu den anderen Darstellern, weder tanzen noch singen und hat außer seinem Fitness-Center gestählten Körper auch sonst wenig zu bieten. Doch für eine "ironisch-erotische Revue", die ja kein Talentschuppen sein will, reicht das allemal.

Hier dreht sich, wie schon das Programmheft warnte, alles um "Sex, Sex, Sex". Romy Haag und die Stripper und Stripperinnen von David Vilches "New Generation" bedienen die Klischees, wo sie sie finden können. Kein Kalauer ist ihnen zu billig, kein Witz zu dumm, keine Pointe zu billig. Überhaupt scheinen die ohne Sinn fürs Dramaturgische einfach hintereinander gereihten Nummern nur ein mühsam konstruiertes Vorspiel für den obligatorischen Strip am Ende zu sein. Ob nun Diavolo den Latin-Lover mimt, Kathy Fox als Nonne sich gleich mehreren Mönchen an den Hals wirft oder die wunderbar androgyne Lola Lee als Polizistin eine Drogen-Razzia durchführt, sie ziehen sich notwendigerweise immer aus. Das ist eine Zeitlang hübsch anzusehen, doch spätestens nach der Pause wirkt ein knackiger Hintern dann doch wie der andere.