BAJRAM CURRI, 26. April. Der Wind reißt dem Redner fast die Worte vom Mund, so heftig weht es von den Schneebergen herab durch die jungen Birken im Valbonatal. Der Soldat muß das Schulheft mit der säuberlich niedergeschriebenen Leichenrede so fest halten, daß ihm die Fingerknöchel weiß werden. Vier Männer heben den Brettersarg in die Grube. Die Kameraden weiter hinten schießen Salut, zur Weide hin, von wo sich immer wieder Kühe zwischen die frischen Gräber drängen. Das Rindvieh erschrickt und rennt davon.
Die Gesichter der Soldaten auf dem Friedhof von Bajram Curri sind auf den Redner gerichtet; viele Bauernjungen sind darunter, mit roter Haut und schmalen Augen, aber auch Städter. Keiner spricht, keiner schaut beiseite, in allen Gesichtern steht die Angst. Jeden Nachmittag um vier Uhr tragen die Soldaten ihre Toten zu Grabe. "Lavdi!" rufen sie ihnen in die Grube nach, das einzige Wort, das sie hier sprechen dürfen: "Er sei gepriesen!" Krähen kreischen, es ist kalt, und immer wieder ziehen Regenschauer durchs Tal. Die "serbofaschistischen Völkermörder" werden es bezahlen, sagt der Redner.
Frische Hügel
Die jungen Männer hören es mit gesenktem Kopf. Mit jedem toten Kameraden wächst ihre Pflicht, selber das Leben zu geben. Schon vierundneunzig frische Hügel liegen hier: zwei Meter fein geklopfte, rote Erde akkurat aufgehäufelt, das ganze eingefaßt mit weißen Kieselsteinen, eine Reihe Steine auf dem Kamm und an einer Flanke, wiederum mit Steinen der Name. Die Männer, die hier stehen, sind um die Zwanzig; die hier liegen, auch. Ihr Weg ist immer gleich: Sie kommen aus Pristina oder Gjakova, aus Stuttgart, Lüttich oder Zürich, werden im Hafen von Durres ihrer Einheit zugeteilt, fahren dann mit Sammeltaxis einen Tag lang über die mörderischen Straßen Albaniens in die Berge hinein, steigen auf die Fähre über den Drin-Stausee und landen schließlich in Babina. In der Siedlung hat die UCK das Haus der früheren Kooperative besetzt, Stacheldraht um den Garten gezogen und das leere Gemäuer mit Matratzen ausgelegt. In Babina bekommen die Freiheitskämpfer ihre Grundausbildung, ein paar Kilometer weiter in Papaj den zweiten und letzten Schliff. Ein paar Panzerfäuste stehen im Hof, vier Schweizer Militärlaster, ein aufgebockter Lada-Geländewagen. Wer nach der Grundausbildung nach Papaj wechselt, ins "Lager", muß schon einmal durch das Schußfeld der serbischen Artillerie.
Ein paar Tage später gehen sie dann hinüber ins Kosovo, zu Fuß, in Paaren oder kleinen Gruppen und immer über die höchsten Pfade, weil sie steinig sind und niemand dort eine Mine vergraben kann.
Wer zurückkehrt, wird auf den Friedhof oder ins Krankenhaus gebracht. Zum Friedhof werden die getöteten Soldaten geschickt, manchmal nur einer am Tag, manchmal drei oder vier. Im Krankenhaus kommen täglich "zwischen zwei und zehn" Verletzte an, sagt Sokol Hucana, der Pflegeleiter.
Bajram Curri und die umliegende Provinz Tropoja sind in ganz Albanien verrufen. Der Revolver sitzt hier locker, brutale Banden tyrannisieren Fremde und Einheimische. Wer mit den tapferen Soldaten sprechen will, muß einen der Männer allein erwischen. Das ist nicht einfach, da sich auch Guerillas in Bajram Curri grundsätzlich nur zu zweit bewegen. Die Offiziere verraten nicht einmal, wie sie heißen. Nur etwas abseits der einsamen Garnison, auf der Fähre über den Drin, lockert der Raki dem einen oder anderen die Zunge.
Mike, ein junger Schotte, der fünf Jahre lang in der Royal Army gedient haben will, erzählt, er habe "schon siebzehn Serben gekillt" und fährt sich zur Illustration mit dem Finger über die Kehle. Xhelil, ein verletzter Soldat im Krankenhaus von Bajram Curri, berichtet von "achtzigtausend" Kameraden drüben im Kosovo, die gerade eine "Konteroffensive" vorbereiteten. Gekämpft werde vor allem im Drenica-Gebirge und um die Städte Gjakova, Decani und Prizren. Daß die UCK tatsächlich Erfolge hat, wird bei der Nato nicht bezweifelt. Mindestens ein "befreites Gebiet" gebe es, erklärt ein dänischer Militärbeobachter: gleich an der Grenze bis zum Dorf Junik, nicht weit von einer strategisch wichtigen Hauptstraße.
Heute haben sie in Bajram Curri einen guten Mann begraben: Sali Ceku, den stellvertretenden Kommandeur der 134. Brigade. Der 42jährige war Jurist bei der Gemeindeverwaltung von Decani, keine dreißig Kilometer Luftlinie von hier jenseits der Grenze, bis er vor bald zehn Jahren nach Stuttgart ging.
Drüben im Kosovo
Sali Ceku oder Cekaj, wie die Behörden die Familie nannten, brachte es im deutschen Exil zum zweiten Vorsitzenden der dortigen "Demokratischen Liga des Kosovo" unter dem friedfertigen Kosovo-Präsidenten Ibrahim Rugova. Sali Ceku sympathisierte aber auch mit der geheimnisvollen "Befreiungsarmee" des Adem Jashari, und als die Serben im vergangenen Jahr Jashari töteten und die UCK zu zerschlagen versuchten, schloß er sich der Guerilla an, wurde Offizier und ging als einer der ersten zurück in sein Land.
Nicht weit von seinem Heimatdorf, drüben im Kosovo, ist er auch gefallen: "in der ersten Reihe stehend mit der Waffe in der Hand", so preist ihn ein Nachruf. Mit dem gemäßigten Rugova hat Sali Ceku sein Leben lang nicht gebrochen. Seine Division, die sich nach dem albanischen Nationalhelden "Skanderbeg" nennt, erkennt den Dichter noch immer als "Präsidenten" an, anders als die Leute, die weiter südlich ihre Lager unterhalten.
UCK ist nicht gleich UCK. Es existieren zwei "Premierminister", zwei "Verteidigungsminister" und zwei Mobilisierungsbüros in der "Republik Kosova", die es ihrerseits noch gar nicht gibt. Die UCK-Leute wollen über dieses Thema nicht sprechen, weder hier noch in Tirana. Zwar könne jeder eine Regierung ausrufen, aber "die richtige, die Regierung des Volkes", sei die von Hashim Thaci, erklärt Jakup Krasniqi, ihr Sprecher. Immerhin erkennen beide Fraktionen einen gemeinsamen Generalstab an, und Offiziere aus den Thaci-Brigaden sind tatsächlich in den Lagern von Tropoja gesehen worden. Nach Erkenntnissen westlicher Militärs ist es der UCK gelungen, durch zwei Korridore 15 000 und mehr Kämpfer ins Kosovo einzuschleusen. Wer sich melde, lande rasch an der Front. Zwar hätten die Guerillas keine Panzerfahrzeuge und kaum Autos, meinen Nato-Offiziere in Albanien, aber sie schützen offenbar Zehntausende Flüchtlinge, die sich in Tälern vor der serbischen Armee versteckt hielten, um das Land nicht verlassen zu müssen.
Bajram Curri ist auf den ersten Blick weit weg von der großen Politik eine Kleinstadt aus sechsstökkigen Ziegelhäusern, gebaut an einen Hang der prachtvollen albanischen Alpen und umgeben von einer bukolischen Landschaft mit Olivenbäumen und Bruchsteinmauern. Alle Hilfsorganisationen, dreizehn an der Zahl, haben sich aus der Stadt zurückgezogen. "Ständig wurde in die Lager eingebrochen", erzählt Andrea Schultz, eine Deutsche im Büro der OSZE, das rund um die Uhr von zwei Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag bewacht wird. In Durres oder Tirana sind kaum noch Lkw-Fahrer zu finden, die bereit sind, Hilfsgüter nach Bajram Curri zu bringen.
Das Gesetz des Clans
Sabri Pepshi, ein Flüchtling aus Junik im Kosovo, ist schon seit dem letzten Sommer hier, aber seinen 14jährigen Sohn mag er nicht zur Schule schicken: "Da haben alle Jungs eine chinesische TT-Pistole oder eine Handgranate dabei." Durch die Straßen der Stadt fahren ständig Geländewagen mit dunklen Scheiben, Männer mit Sonnenbrillen stehen überall in der Stadt und beobachten die Straßen. Über den verlassenen Gebäuden der Präfektur und der Partei am Hauptplatz thronen wie Adlerhorste die Stützpunkte von Polizei und Armee. Kosovo-Flüchtlinge, die hier ankommen, werden von der Polizei sofort in Busse gesetzt, die die Stadt schnell verlassen.
Die Macht über die 11 000 Menschen in Bajram Curri besitzt nicht der Staat und nicht die UCK, sondern die Familie Haklaj. Sohn Ylli, um die 30 Jahre alt, läßt sich im schwarzen Mercedes-Cabrio durch die Stadt kutschieren, hält gelegentlich an und macht Besuchern Angebote, die sie nicht ablehnen können. Wer seinen Schutz verschmäht, muß damit rechnen, daß ihm auf dem Rückweg zur Fähre ein maskierter Räuber auflauert und effektvoll das Magazin seiner MP entleert.
In UCK-Uniform
Yllis Vater Fatmir war Polizeichef, bis er im vorigen Jahr seinen Abschied nahm, um neun Angehörige des Präfekten zu erschießen, der zur Hoxha-Familie gehört, einem von vier weiteren Clans, die in Bajram Curri Autorität ausüben. Es mußten neun Opfer sein, denn Fatmirs Bruder war von einem Hoxha mit neun Kugeln erschossen worden. Hier, in Tropoja, wird nach alten Regeln geraubt und gemordet: Wichtiger als die Gesetze des Staates ist der "Kanun", ein Kodex aus der Raubritterzeit, der die Händel zwischen den Hirtenstämmen im Gebirge regelt. Tirana ist weit, und der Weg von dort nach Bajram Curri führt stundenlang durch die Berge.
Politisch gehört die Provinz zum Reich der Demokratischen Partei des früheren albanischen Präsidenten Sali Berisha, die auch den Bürgermeister stellt. Berisha selber wuchs in einem Weiler beim Dorf Tropoja auf. Er unterstützt die gemäßigte UCK-Fraktion, die sich hier niedergelassen hat. Auch personell sind die Bande zwischen der Berisha-Partei und den Rugova-Soldaten eng.
Im Hotelrestaurant in Bajram Curri empfängt Izet Haxhia in UCK-Uniform immer neue Besucher und unterhält sich flüsternd mit ihnen. Der einstige Leibwächter Berishas war in Tirana zu dessen Zeiten eine berüchtigte Figur. Bei einem Putschversuch des Ex-Präsidenten im vergangenen September organisierte Haxhia die Gruppen, die von Ministerium zu Ministerium zogen und sich mit der MP Eintritt verschafften. Die Waffe hat er noch, nur die Kleidung hat gewechselt.
Als Zeichen der demokratischen Waffenbrüderschaft trägt auch Gangsterboß Ylli Haklaj in seinem Cabrio das Ehrenkleid der Befreiungsarmee; nur wenn es gegen die gewählten Autoritäten geht, ist seine Familie "sozialistisch".
Was fern in Tirana noch wie ein politischer Dissens zwischen Parteien aussieht, ist hier in Bajram Curri ein brutaler Machtkampf. Die Nato solle die UCK "formell zum Alliierten erklären", sagt ihr Sprecher Jakup Krasniqi, schließlich kämpfe man gegen Milosevic "gegen einen gemeinsamen Feind". Bisher hat die Nato sich zurückgehalten.