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Verhänge die Fenster. Salute, Barbaren!

Private Düsternis und düstere Furcht vor dem Privaten in den neuen Gedichten von Volker Braun und Günter Kunert

Jens Bisky

Zweimal geht es um Niederlagen, aber dennoch paßt das nicht zusammen. Auch ein Leser mit läßlicher Systematisierungswut würde diese beiden Bücher kaum nebeneinander stellen: Gegensätzlicher können Gedichtbände kaum gedacht werden als "Nachtvorstellung" von Günter Kunert und "Tumulus" von Volker Braun. Ob man die Türen und Fenster verschließt, um alle Beschränkungen hinter sich zu lassen, oder ob man sich noch in weiter Landschaft mit Panoramablick beengt fühlt das ist mehr als ein kleiner Unterschied. Wie vor vierzig Jahren Brecht und Benn, stehen heute Kunert, der vor kurzem siebzig wurde, und Braun, der in wenigen Wochen sechzig werden wird, für unterschiedliche Möglichkeiten der Lyrik. Nur das Thema scheint sie zu verbinden.

"Vergeblichkeit" heißt das abschließende Gedicht Kunerts: "Komm, wir spinnen uns ein. / Wir kappen die Drähte. Die Welt / ist ein Fall für Psychiater Komm wir wollen so tun als ob Als sei uns Freiheit beschieden. / Verhänge die Fenster. Vernagle die Tür. / Warte nur balde dringet / durch Ritzen und Spalten / die Terra cognita mächtig ins Haus." Die Situation ist so vertraut wie die Pointe. Aber Kunert hat beidem die Schwere genommen. Das Pathos hat sich in knappe, spruchartige Zeilen verflüchtigt. Der Wahnsinn draußen, Alter und Sterblichkeit, die Kürze freier Momente beim Lieben oder Dichten, sie werden in friedvoller Verachtung beschrieben: "Morgen sind wir bloß noch Knochen, / darum rasch ins Bett gekrochen." Mißtrauen gegen das Aufgeregte, Laute, Routinierte bestimmt den Ton. Die Pointen seiner Gedichte gewinnt Kunert auf doppelte Weise. Den Versprechungen der Zivilisation hält er ihre Vergänglichkeit vor, den vielfach verheißenen Auswegen ihre Nichtigkeit. In "Hymnen an die Nacht" beschwört er nächtliche Städte, in "Ländlichen Elegien" dörfliche Landschaft, aber die beiden klassischen Fluchtorte wirken verkommen wie ein "Stiller Sumpf trüber Tage". Das ist ein sehr privater, schwarz getönter Blick, aufmerksam vor allem auf die Leere der Gesten, auch der eigenen. Was Tand ist, nennt Kunert Tand.

Ganz anders Volker Braun, der den blendenden Schein und den Glasperlenglanz ernst nimmt, die hohlen Worte wiederholt, durchbricht und erst in der Überblendung von Stimmen der Gegenwart den Prozeß macht. Bescheiden ist das nicht. "Lagerfeld" heißt das letzte der Gedichte des neuen Bandes und Lager wie auch der Modeschöpfer sind damit gemeint. Er wird für Braun zur Signatur einer Zeit, die ihm, auch das klingt vertraut, als eine Art Spätantike erscheint. "Warum soll ich Mode werden / In der Wegwerfgesellschaft / Das Stadion voll letzter Schreie Ideen / Roms letzte Epoche des Unernsts / Sehn Sie nun das Finale ICH ODER ICH / Salute, Barbaren". Die Furcht, ausschließlich Privatmann zu sein, nur noch "Ich", liefert die Energie zum Schreiben, bestimmt die Form der Gedichte und die Komposition des Bandes. Wenn Braun so häufig zitiert, sich auf Brecht und Büchner, Plinius, Kafka und Rimbaud beruft, wenn er Losungen, fremde Verse, verbreitete Bilder fast pur benutzt, dann hängt dies mit der Absicht zusammen, schreibend die Begrenzung aufs Private zu überwinden. Am besten gelingt dies, wo die Furcht vor der Begrenzung, die Angst vor dem Vorbei und Vorüber dominieren. Im großartigen "Nachleben" erzählt Braun, wie ihm eine Totenmaske abgenommen wurde, wie sein Gesicht unter Gips verschwand, wie er träumend "die lange Zeit nach mir" erlebte, bis er die starre Maske in der Hand hielt.

"Tumulus" und "Nachtvorstellung" sind zwei noch in ihren Schwächen vollendete Bände, noch an den Stellen, wo man merkt, daß sie zu leicht fielen: streng komponiert, überlegen formuliert, ohne Ressentiment und Sentimentalität. Zwei kulturkritische Diagnosen stehen einander unvereinbar gegenüber. Kunert setzt seine Gleichnisse gegen die Enteignung des Ich, das in der bekannten, vermessenen Welt verloren zu gehen scheint. Braun schreibt gegen ein Ich, das ihm ohne Hoffnung auf Veränderung beschränkt und barbarisch erscheint. Unter den gelassenen, skeptischen, oft parodistischen Gedichten Kunerts findet sich auch ein heftiges "An einen ostalgischen Dichter", an einen "Expropriateur großer Gesten", der eine "längst verrottete Sprache" spricht. Braun entspricht dem bösen Bild an keiner Stelle. Gewiß, sein geschichtsphilosophischer Trotz wirkt wenig entspannt, selten heiter. Aber aus der Spannung entsteht eine Sprache, in der er vom Abstrakten der Märkte und Kriege zur individuellen Biographie wechseln und so Brüche beschreiben kann wie zur Zeit kein zweiter.

Man wundert sich, wie gern man Braun und Kunert akzeptiert, plausibel findet und mit einer Freude liest, die sich immer dann einstellt, wenn statt der schnellen Sprache eine kurze, treffende gesprochen wird. Kein Leser muß die Geschichtsphilosophie der Autoren teilen. Aber gerade dann, wenn er heftig widersprechen will, wenn ihm der Rückzug auf den Augenblick und das widerkehrend Menschliche oder die angestrengte Beschwörung des Veränderungswillens unangemessen scheinen, wird er die Gedichte in sich stimmig und überzeugend finden. Obwohl die sehr private "Nachtvorstellung" und Brauns heroischer Blick vom Totenhügel nicht in Deckung zu bringen sind, sollte man sie doch nebeneinanderstellen. Vielleicht entgeht man so dem von Volker Braun beschriebenen Gefühl, "daß sich das Leben in Pornografie verwandelt, oder was ist das, wenn keine Kämpfe mehr stattfinden".

Volker Braun: Tumulus. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1999, 43 S., 24 Mark.

Günter Kunert: Nachtvorstellung. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1999, 90 S., 24 Mark.