Youssef Chahine ist einer der bedeutendsten Filmemacher der arabischen Welt. Das Werk des 73jährigen umfaßt mittlerweile 33 Filme, darunter sind Western und Musicals, aber auch realistische Milieustudien. Sein neuer Film "Das Schicksal" über den arabischen Aufklärer Averroes im maurischen Andalusien des 12. Jahrhunderts, ein flammendes Plädoyer für Toleranz, Lebensmut und Sinnenfreude, ist gerade in den deutschen Kinos angelaufen, sein vorheriges Werk "L Emigré" wurde auf Betreiben der Islamisten in Ägypten verboten. Eberhard Spreng hat in Berlin mit Youssef Chahine gesprochen.
In "Das Schicksal" steht der arabische Gelehrte Averroes im Mittelpunkt, eine emblematische Figur, an die sich europäische und arabische Intellektuelle gern erinnern, wenn sie einen spirituellen Treffpunkt suchen. Was bedeutet er für sie?
Es ist immer wichtig, über Intelligenz, Verständnis und Verständigung zu sprechen, vor allem wenn es davon zu wenig gibt, aber erst recht, wenn es davon zuviel gibt: Zuviel Kommunikation, bei der man vergißt, daß man von der Intelligenz der anderen konditioniert wird und also auch von deren Interessen. Das Glück liegt weder in der Macht noch im Geld. Und vom Geld muß die Rede sein, wenn man von der Globalisierung spricht. Glück ist auch nicht dort, wo es um "Toleranz" geht: Ich toleriere den anderen von obenherab. Nein, ich liebe den anderen.
Im "Schicksal" gerät der Kalifensohn Abdallah in den Einfluß der Islamisten, weil er bei seinem Vater kein Verständnis findet
Diese Figur ist in einem sehr delikaten Alter, in dem das Gefühl der Einsamkeit eine große Rolle spielt. Einsamkeit entsteht, wo die Fähigkeit zur Kommunikation nicht gelernt wurde. Dann wird der andere zur Gefahr, vor der man Angst hat. Diktatoren, Regierungen und Politiker operieren mit dieser "Philosophie der Angst".
In Ägypten ist Ihr vorheriger Film "Der Emigrant", eine Paraphrase der biblischen Josephsgeschichte, verboten worden. Ihr "Schicksal", in dem am Ende infolge einer ideologischen Intrige Averroes Schriften verbrannt werden, wirkt wie eine persönliche Reaktion. Mußten Sie nicht befürchten, daß dieser Film wiederum verboten wird?
Die Verhältnisse waren damals anders. Es war die Zeit der Terroranschläge. Sie müssen sehen, daß ägyptische Lehrer auf der gesamten arabischen Halbinsel unterrichteten; sie konnten dort mehr Geld verdienen. Einige fanden heraus, daß sie noch mehr Geld verdienen konnten, wenn sie den umgekehrten Weg gingen und nicht ägyptische Kultur nach Arabien, sondern den arabischen Islamismus nach Ägypten brachten. Es wurde mit Angst operiert; die Fundamentalisten schienen der Macht nahe.
Sehen Sie eine Chance, daß "Der Emigrant" doch noch in Ägypten auf die Leinwand kommen kann?
Die Richter wissen nicht recht, was tun. Ich habe die Berufung gewonnen, außerdem kann man den Film nicht wirkungsvoll verbieten, da er in den Satellitenprogrammen anderer arabischer Länder ausgestrahlt wurde. Übrigens bitten mich sehr einflußreiche Saudis um eine Video-Kopie, damit sie den Film ohne Werbeeinblendungen sehen können. Aber ökonomisch tut mir das ägyptische Kinoverbot natürlich sehr weh.
Sie haben in den USA studiert und in Ägypten zahlreiche Filme realisiert, die international Erfolg hatten und viele Preise erhielten. Aber einen durchgängigen "Chahine-Stil" scheint es nicht zu geben.
Formen interessieren mich nicht besonders, wenn ich eine Geschichte erzählen will. Ich stamme aus Alexandria. Das ist eine ausgesprochen kosmopolitische Stadt, in der es die verschiedensten Leute gibt, diverse Kulturen, Lebensgeschichten, Rassen, Religionen Dort lernt man schnell folgendes: In einem einzigen Leben, auch an einem einzigen Tag, haben Sie Freudentränen oder Tränen der Trauer in den Augen, Sie lachen wie verrückt, oder haben schreckliche Angst. Sie hören Musik, und fünf Minuten später leiden Sie schrecklich. Das zu vereinen, ist unser Metier. Habe ich einen Stil? Ich weiß es nicht.
Die Länder der arabischen Welt müssen sich kulturell definieren in einer Spannung zwischen den reichen Saudis und der amerikanischen Vorherrschaft.
Es gibt eine arabo-islamische Bewegung, von der man annimmt, daß sie vom saudi-arabischen Reichtum unterstützt wird. Aber sie hat auch eine Gegenbewegung provoziert, zurück zum Kosmopolitismus. Der Mittelmeerraum hat ja eine Lebensform hervorgebracht, die auf sehr entwickelten Kulturen fußt. Die Stammesmentalität, die in Saudi-Arabien noch sehr verbreitet ist, liegt Ägypten fern. Die neuen Filme aus Tunesien, Marokko, oder dem Libanon sind Beispiele für diese Gegenbewegung.
Ihr neuer Film heißt "L Autre" Der Andere. Wovon erzählt er?
Es geht wieder um Gehirnwäsche, aber diesmal um eine zeitgenössische Form: Sie heißt Globalisierung. Wie können wir dem Okzident gleichen, der viel reicher ist als wir, und der das Marketing beherrscht? Was bewirkt eine kinematographische Hegemonie des gesamten Erdballs, mit gut bezahlten Protagonisten, die ihre Muskeln vorzeigen? Im Kern steht die Frage, was mit der Liebe geschieht, wenn die Globalisierung sich so durchsetzt, wie sie derzeit verstanden wird, als Verlust der Identität. Sollte man nicht doch den anderen wahrnehmen, wie er ist, seine Identität und seine Besonderheit wahren? Die Liebe, die wohl wichtigste Kraft der Menschen, ist in Gefahr, wenn wir weiter an einer wilden Globalisierung arbeiten.