Daß Brigitte Reimanns Tagebücher hoch gelobt wurden, spricht für das Interesse am authentischen Bericht über das Leben in der DDR und an ungeschminkter Zeitgeschichte der 50er und 60er Jahre, birgt aber auch die Gefahr, daß die Belletristik der Reimann im Westen weiter übersehen wird und im Osten in Vergessenheit gerät. Wenn die Tagebücher der "eigentliche Roman" sind, ignoriert man den real existierenden leicht. Dabei liegt er erst jetzt zum ersten Mal ungekürzt vor: "Franziska Linkerhand". Ein neues Buch? Oder nur die längere Form des Werks, das 1974 bei seinem Erscheinen im Verlag Neues Leben mit "wenigen vorsichtigen Kürzungen" versehen, sonst "unverändert" zum Druck gegeben worden war, wie der Lektor schrieb?
Ein neues, anderes ist das jetzt vorgelegte Buch sicher nicht. Vergleicht man beide Ausgaben Seite für Seite, zeigt sich allerdings, daß kaum eine Kürzung geringfügig war. Auch wenn es an manchen Stellen nur wenige Worte sind, die fehlen, ändern sie fast immer Wesentliches wenn nicht den Sinn, so doch die Schärfe der Aussagen, und mildern die Schonungslosigkeit der Autorin. Withold Bonner berechnet in seinem Nachwort, daß vier Prozent des Originalmanuskripts gestrichen wurden. Das ist schon quantitativ nicht wenig. Betrachtet man genau, worum es inhaltlich geht, kommt das alte Unwohlsein auf: So vieles korrigierten Verlag und Zensurbehörde. (Bonner nennt in seiner Analyse das Gutachten von Renate Drenkow, nach dem wahrscheinlich beim Streichen verfahren wurde.) So vieles ist den Lesern vorenthalten worden.
Unvollendet blieb das damals lange erwartete Buch durch den frühen Tod der Autorin. Von ihren frühen Arbeiten hatte die Schriftstellerin sich längst distanziert. Zehn Jahre lang arbeitete sie an ihrem wichtigsten Werk, das sie trotz der Krankheit beenden wollte, das bleiben sollte. Fragment oder nicht die Frage wird beim Lesen unwichtig. Daß Brigitte Reimann manche Passage nicht mehr überarbeiten konnte, daß eine spät eingeführte, wichtige Figur Klischee bleiben mußte, mag man bedauern. Die Brüche im Text, die abrupten Wechsel der Perspektive sind gewollt, sie und das plötzliche Abbrechen des Buches machen die Modernität des Textes aus. So ist am Schluß nicht alles gesagt, das muß der Leser aushalten. Open End ohne Trost und Hoffnung, auch ohne die positive Aussicht, die damals die Gutachter in der DDR verlangt hatten.
Der Roman erzählt die Geschichte der Architektin Franziska Linkerhand, eines Mädchens aus großbürgerlichem Haus. Es beginnt in der Kindheit, bei Kriegsende, führt die "unheldische Heldin" (Reimann im Originalmanuskript) über das Studium bei einem verehrten Professor ausgerechnet nach Neustadt, die auf dem Reißbrett entworfene, als sozialistisch gedachte Siedlung neben einem Großbetrieb. Modell für Neustadt war Hoyerswerda, wo Brigitte Reimann jahrelang wohnte, zunehmend desillusioniert. Billige Wohnhäuser soll Franziska bauen. Monotonie statt Architektur. Sie nimmt den Kampf auf, gegen Enge und Bürokratie, für die Synthese von Sparsamkeit, Funktionalität und menschlichem Maß, von Schöheit. Die Ungeduldige will eine lebendige Stadt, die ihre Bewohner atmen und leben läßt. Und sie will sie jetzt.
Ursprünglich als eine Art Entwicklungsroman gedacht, sprengte der Roman im Laufe des Schreibens diese Kategorie. Ohne traditionelle Fabel erzählt Brigitte Reimann, wechselnd zwischen Monolog (Franziskas Brief an den Geliebten) und Abschnitten, in denen die Erzählerin berichtet. Das Buch ist reich an literarischen Zitaten, biblische und andere Mythen klingen an, Märchen. Die kleine Seejungfrau, Theseus ohne den Faden der Ariadne, der brennende Dornbusch. Einen neuen Mythos schafft Franziska Linkerhand sich, den steinernen Engel auf dem Friedhof, den sie auf dem Weg zur Arbeit überquert. Aber der eigentliche Mythos der Geschichte ist der Geliebte, den sie erfindet und der sie an den Bruder erinnert. Der Mann, der nicht sein kann, was sie in ihm sieht, Bejamin genannt, Kipperfahrer. Er schreibt an einem Manuskript, in dem er sich selbst Jon nennt. Jon, der Name, den Brigitte Reimann im Leben dem Mann gab, den sie liebte: Verwirrung der Ebenen Roman und Wirklichkeit. Im Tagebuch fragt die Schriftstellerin sich: Habe ich eine literarische Figur geliebt?
Ihr Buch quillt über, so reich ist es an Geschichten. Jede Nebenfigur hat ihr Schicksal. Die Fülle der Episoden beginnt mit Erfahrungen aus der Nazizeit, setzt sich fort bis zum harten Alltag im sozialistischen Neustadt. Die Reimann erzählt ein Leben in einem Absatz. In der Menge Stoff, die bewältigt wird, und in der Genauigkeit der Beobachtungen steckt die Geschichte der 60er Jahre in der DDR und mehr, deutsche Lebensgeschichten des Jahrhunderts. Aber wo, fragte man sich beim ersten Erscheinen des Romans, blieb der Wagemut, auf den die Leser gehofft hatten? Er fehlte, jedenfalls im Sinne von konkreten Einzelheiten. Was war es dann, was dieses Buch in der DDR-Literatur so besonders machte? Der Ton, die konsequente Subjektivität. Der Zweifel, die Trauer, die über der Geschichte lagen, das Gefühl: Dies geht nicht gut aus. Die Frechheit, mit der die Hauptfigur ihre Ansprüche vertrat, sich nicht duckte, wie sie litt. Und da waren sie dann doch, die gebrochenen Tabus, sie hingen mit Leiden zusammen, mit Enttäuschung und einem Unglück, das es so nicht geben durfte in dieser Gesellschaft. Wagemut steckte selbst in der Art, wie Paris erwähnt wurde. Ein Tabubruch lag in der Freiheit, mit der die Autorin den Stoff behanelte, rücksichtslos gegenüber Forderungen nach Fabel und ordentlicher Geschichte. Die Geschichten verliefen eben nicht mehr geradlinig, sondern brüchig.
Brigite Reimanns Wissen vom schnellen Vergehen der Zeit ist im Buch immer gegenwärtig. Daher rührt Franziskas Unruhe. Ganz am Anfang sagt sie: "Früher dachte ich an mein unbemessenes Leben wie an den Hirsetopf im Märchen " Bald weiß sie: "Du hast nicht alle Zeit der Welt." Die hastig erzählte Geschichte dieser spröden, eigensinnigen Frau zu lesen, war wie ein Rausch. Jetzt finden sich im kompletten Buch die damals vermißten oder nur angedeuteten Tabubrüche. Es sind wenige Themen, und es sind genau jene, die Funktionäre in der DDR am meisten fürchteten: Die Erwähnung der Plünderungen und Vergewaltigungen beim Einmarsch der Roten Armee, nach dem Tag der Befreiung. Der Verbrechen der Stalin-Ära, von allem, was in der DDR mit dem Begriff "Personenkult" umschrieben wurde. Er taucht nun auch in der Ur-Ausgabe der "Franziska Linkerhand" auf im Originalmanuskript steht nichts davon. In diesen Zusammenhang gehört die Geschichte von Ben und seiner Vergangenheit als politischer Häftling. Orientiert am Schicksal von Erich Loest und Reiner Kunze schrieb Reimann sie in das schwierige 13. Kapitel des Buches, das Kapitel, in dem am meisten gestrichen wurde.
Die Tatsache, daß die DDR in der internationalen Suizid-Statistik weit vorn lag, war eines der bestgehüteten Geheimnisse des Landes. Die Problematik der Verzweiflung bis zum Selbstmord zieht sich durch den Roman. Sorgfältig sind immer wieder Zeilen getilgt worden, die davon sprechen, es blieb nur das Harmlose. Dabei fühlt Franziska sich als Architektin für den Freitod von Menschen verantwortlich. Genauso empfindet sie, als ein Mädchen in Neustadt vergewaltigt wird. Ein langer Abschnitt im Monolog berichtet von der Reaktion der Bewohner und von Franziskas Entsetzen. Gestrichen. Auch Bezüge auf die Allgegenwärtigkeit von Stasispitzeln fehlen in den früheren Ausgaben, wie die meisten Hinweise darauf, daß dieses Land doch nicht das Paradies war. Es ist schon lächerlich, wie dafür selbst kleinste Passagen gestrichen wurden. Daß Nähseide teurer werden könnte weggelassen. Selbst das Wort "Mauer" wird einmal durch "Wand" ersetzt, dabei war es an der Stelle gar nicht metaphorisch gemeint.
Eine alte mit der neuen Ausgabe von "Franziska Linkerhand" zu vergleichen, wird zu einem Lehrstück über Zensur. Wichtiger ist, den Roman einfach zu lesen, diese Geschichte eines Abschieds von Träumen, von einer Liebe, vom Leben, wie die Leser schon 1974 wußten. Was wir heute mitlesen: die Geschichte des Abschieds von einem Land.
Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. Roman. Ungekürzte Ausgabe. Aufbau-Verlag, Berlin 1998, 640 S., 46 Mark