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Arbeiter an der eigenen Krankheit

Berühren verboten: "Hautnah" von Patrick Marber im Studio des Maxim-Gorki-Theaters

Roland Koberg

So clean war das neue englische Theater nie. Patrick Marber aus London, Jahrgang 1964, Autor, Regisseur und Stand-up-comedian, hat mit "Hautnah" ein Stück geschrieben, das mit der next british generation, wie sie derzeit bei den Berliner Festwochen vorgeführt wird, erstaunlich wenig gemein hat. Ganz ohne Sperma, Schweiß und Tränen, fast ganz ohne Blut, besteht die Leistung des Stücks ganz im Logistischen. Zwei männliche und zwei weibliche Singles, jung, urban und britisch, werden nach den Regeln der Heterosexualität kombiniert. Ihr Beziehungsleben wird in allen möglichen Varianten durchgerechnet, alle paar Monate zieht das Stück eine Zwischensumme, in der Endabrechnung nach vier Jahren fehlt eine: Alice, die junge Stripperin mit den großen Gefühlen, soll in New York unter ein Auto gekommen sein.

Ein bißchen mit dem Hammer wird die Message des Stücks verdeutlicht. Niemand kommt sich heute näher als sein muß, wie ausgerechnet an vier Personen zu sehen ist, die alle in der einen oder anderen Form im Menschengewerbe tätig sind. Dan (Frank Seppeler) paßt als Nachrufschreiber die Toten ab, Alice (Regine Zimmermann) läßt Männer ihr zwischen die Beine schauen, Anna (Karina Fallenstein) fotografiert künstlerisch erfolgreich lebensechte Schicksale, und Larry (Uwe-Eric Laufenberg) hat als Hautarzt mit den äußersten menschlichen Hüllen zu tun.

Es sind Leute ohne große Probleme außer Sex. Zwischen ihnen fallen eine große Menge von Worten, aber berühren dürfen sich die armen Menschlein im Stück nicht. Teils aus professioneller Einstellung etwa wenn Larry sich als Kunde bei Alice einschleicht , teils aus gewachsenem Unbehagen aneinander man sieht die Paare öfter im abgekämpften Endzustand , teils aus der neuen, verschwitzten Lust am Anonymen wenn Larry und Dan im Netzbereich "London fickt" Schweinereien hin und her chatten. Übrigens die hübscheste Szene des Abends: Dan, seiner Alice überdrüssig, gibt sich den Decknamen Anna, und macht seinen Widerpart mächtig an. Man sieht die beiden vor ihren Computern, Dan lümmelnd, Larry aufgestört, und liest die rudimentäre Pornoprosa auf der Leinwand mit, bis zum virtuellen Höhepunkt, wenn Dan gelangweilt die Finger über den Tasten ausgleiten.

"Hautnah", ein Erfolg bei der Uraufführung im Mai vorigen Jahres in London, ein Erfolg auch bei der deutschen Erstaufführung in München und nun überall nachgespielt, macht Freude durch Scharfsinn und Kalkül. Allerdings verlangt es von den Schauspielern mehr als die des Maxim-Gorki-Theaters zeigen. Der Inszenierung von Uwe-Eric Laufenberg, der sich mit rührend schlichten darstellerischen Mitteln auch als Arzt am Scheideweg versucht, eignet eine gewisse Behäbigkeit. Wie im gediegenen Kellertheater der Achtziger werden während nicht zu knapp bemessener Umbaupausen, zu einem abwechslungsreichen Soundmix der Neunziger, Möbel rein- und rausgeschoben, sozusagen das informell Notwendigste. Betont schlicht, mehr nicht.

Die Dialoge, so hat man den Eindruck, finden bei den vier sympathischen Darstellern in einer Weise Gefallen, daß ihnen jede deutende Zutat übertrieben vorkommt. Regine Zimmermann nölt nach Lolita-Art, Karina Fallenstein gefällt sich im Souveränen, Frank Seppeler ist gemessen getrieben. Neurosen müssen leider draußen bleiben. Das "Arbeiten an der eigenen Krankheit", wie es im Text heißt, ist hier ein Nine-to-Five-Job. Daß von der Wahrheit, der zweitschlechtesten Möglichkeit nach der Lüge, Gefahr für die Seele ausginge, bleibt bloße Behauptung. Eine gepflegte Zurückhaltung greift Raum, und man gewinnt schon wieder den Expressionismus lieb, mit dem in der Baracke den nahen Zuschauern ins Gesicht gesprungen wird.

Das Stück hält das aus. Man bekommt alle Informationen, die man zum genaueren Verständnis braucht, zur rechten Zeit, und beobachtet das Ganze nun ebenso hautnah, wie vom Autor gemeint. Nah dran, aber unangerührt.