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Paradies mit Höllenhunden

In "Ibadan. Streunerjahre" erinnert sich der afrikanische Nobelpreisträger Wole Soyinka an seinen abenteuerlichen Weg zum erwachsenen Mann

Regine Sylvester

Wenn Wole Soyinka reist, dann braucht er Schutz und einen falschen Namen. Seine Adresse ist geheim. Den Reisepaß zog das nigerianische Militärregime 1994 ein, danach flüchtete Soyinka über die grüne Grenze. Der prominenteste Dissident Nigerias und einzige Literatur-Nobelpreisträger Afrikas lebt im Exil in den USA. In Nigeria ist er zur Fahndung ausgeschrieben, ihm droht die Todesstrafe wegen Hochverrats. Es ist gefährlich, ihn zu kennen: Seit November 1997 sitzt der nigerianische Lyriker Ifowodo in Haft, weil er auf Fotos zusammen mit Soyinka zu sehen war.

Mit den Erinnerungen "Ibadan. Streunerjahre" wird Wole Soyinka seine Lage in Nigeria nicht verbessern. Aber das will er auch gar nicht. Er ist 63 Jahre und ein sehr zorniger Mann. Sein neues Buch erzählt von den zwanzig Jahren seines Lebens, in denen diese Wut entstand: Sie beginnen mit einem elfjährigen Jungen, der 1946 auf der Bahnstation von Ibadan ankommt und mit einer Holzkiste auf dem Kopf zum Internat des Gymnasiums läuft. Die zwanzig Jahre enden 1965 mit der Inhaftierung des erwachsenen Mannes nach dem Überfall auf einen Rundfunksender da hatte er eine Botschaft gegen den nigerianischen Premierminister verlesen "Akintola, hau ab!".

Ibadan ist eine kleine Stadt in Westnigeria. Das Land stand bis zu seiner Unabhängigkeit 1960 unter britischer Verwaltung. Ibadan ist Soyinkas Ort des Erwachsenwerdens und der Ausgangspunkt seiner künstlerischen und politischen Expeditionen.

Der Held des Buches heißt Maren. Eigentlich hat er noch viel mehr Namen, denn bei seinem Stamm, den Yoruba, geben Eltern und Paten den Kindern verschiedene Namen als Glücksbringer. Maren heißt "Der Herr ist dein Hirte", denn Soyinkas Eltern sind überzeugte Christen. Was die Familie aber nicht hindert, von Zeit zu Zeit mit den Fingern um den Kopf zu schnipsen, um böse Geister zu vertreiben, auf Ofé, den magischen Wind, zu lauschen oder einen Hammel zu schlachten, um nach einer guten Wendung sicherheitshalber auch den anderen Göttern zu danken.

Im volkreichsten Land Afrikas leben 400 Stämme. Die 88 Millionen Einwohner sind Muslime, Christen und Anhänger von Naturreligionen. Zwischen Stammestraditionen, Kolonialstrukturen und Befreiungsbewegungen versucht ein Kind, die Welt zu verstehen. Maren ist Wole Soyinka.

Der Verlust der Unschuld

Der Junge geht allein auf einer staubigen Straße zur Schule, zum ersehnten Paradies. Einen älteren Begleiter konnte er abschütteln. Denn es ist der Traum des Jungen, allein in der Schule anzukommen. Ein "in die Freiheit entlassenes Küken", endlich ohne die lästige Bevormundung des Familienclans. Selbständig will er durch die Tore des Gouvernment College gehen. Ein Auto hält an und nimmt den Jungen mit. Der weiße Fahrer beginnt ein verwirrendes Gespräch. Er stellt dem Jungen Fallen. An der Schule steigt Maren gedemütigt aus. "Er betrachtet diesen Zeitpunkt als den seines förmlichen Eintritts in die trügerische Welt der Erwachsenen, noch dazu fremdländischer. Die Unschuld ging mindestens eine Meile vor den Toren des Paradieses verloren."

Im Paradies erwarten ihn Höllenhunde. Der dünne Junge wird nicht ihr Opfer, sondern ein listiger Kämpfer. Auf dieses Kind, das er einmal war, sieht Soyinka mit Liebe und Staunen. Ein kleiner David gegen stämmige Goliaths mit Befehlsgewalt. Maren wehrt sich mit Bildung. Die Bibliothek wird sein heiliger Ort, und noch viele Jahre später da wird gerade sein drittes Kind geboren, und die Großfamilie zieht bei ihm ein flüchtet er in ein Nebengebäude, "wo die von ihm bevorzugte Großfamilie der Bücher auf improvisierten Regalen saß".

Das Kind lernt, was der erwachsene Mann brauchen wird: vor allem Furchtlosigkeit. Es fürchtet sich nicht vor Zeichen wie dem Blitz, der in die Verteilerbox in der Schulklasse einschlägt, die bloßliegenden Leitungen entlangläuft und den Schalter neben seinem Kopf sprengt. Es fürchtet sich nicht vor Autoritäten, es folgt einem unerschütterlichen Gerechtigkeitsgefühl. Wie bei allen entschiedenen Charakteren umweht den Jungen eine Aura der Einsamkeit.

Soyinka erzählt chronologisch, aber mit Rückblenden und Einschüben. Sein Erzählton wechselt brüsk. Dem in Sachen Nigeria unerfahrenen Leser mutet er seitenlangen trockenen Lehrstoff zu: Parteienklüngeleien, Wahlmanöver, Machtkämpfe, die Nigeria auf dem Weg zur Unabhängigkeit und danach begleiten. Er weiß, daß wir nichts wissen. Daß die afrikanischen Namen der Politiker lang sind und die Abkürzungen der Parteien ähnlich klingen. Daß Richtungskämpfe ermüdend sind. Er zwingt in diesen Passagen zu einer langsamen Lesegeschwindigkeit. Das muß jetzt sein, sonst versteht ihr nicht, wie alles kam, scheint er uns aus dem Schatten seines Vaters zu bedeuten, der ein Lehrer an der Volksschule war und seinen Jungen bereits unterrichtete, als der vier Jahre alt war.

Bei den Episoden seines Streunerlebens dagegen beschleunigt Soyinka furios. Ein Spötter, ein sarkastischer Wortfunkler, ein Komiker, mit einem untrüglichen Instinkt für die Zahl der Wörter, die eine Situation braucht, um ausgereizt zu sein. Sein Witz kommt aus der Fähigkeit zur Selbstironie. Er erläßt dem jungen Mann, der in England studiert, Stücke schreibt, beinahe ein Folksänger zur Gitarre in Paris wird, kein Fiasko. Die wachsende Berühmtheit des Künstlers So-yinka steht eher beiläufig neben der Karriere des politischen Kämpfers, der seinen Radius vergrößert. Zunächst geht es um die Freiheit der Universitäten, dann um das ganze Land. Aber eigentlich geht es um die Welt.

Alles kommt anders

Der Mann lebt in einer Männergesellschaft. Viele Freunde, viele Feinde. Sein Foto auf dem Buchumschlag zeigt heute einen graubärtigen Intellektuellen. Ein Gesicht mit der Ausstrahlung von Distanz. Mit Ausnahme seiner herzlichen Beziehung zu den Mitkämpfern ist Distanz eine emotionale Konstante des Buches. Dieser Mann schützt sich vor Gefühlen. Seine Beziehung zu Frauen behandelt er so wortkarg, daß sie in die Nähe der Unwichtigkeit gerät. Er will nicht zum "pharisäerhaften Stamm der Monogamisten" gehören und läßt durchblikken, daß er bei aller Diskretion durchaus ein toller Hecht war. Die drei Mütter seiner Kinder haben keine Namen und keine Geschichte. Mit drastischer Komik schreibt er über seine Abneigung gegen schreiende Babys "Er staunte über andere Männer aus seiner Bekanntschaft, die es tatsächlich genossen, mit diesen Babys genannten Monstern zusammenzuleben." Natürlich ist Ironie dabei, aber das Buch erzählt auch von einem männlichen Politaktivisten, der lieber in "arktischen Wüsten unter Pinguinen und Walen" leben würde, als ohne den alltäglichen Beistand einer Großfamilie freiwillig ein Kind in die Welt zu setzen.

Er will die wichtigen Dinge machen. Er will auf Kommendes vorbereitet sein. Diese frühe Umsicht zeigt er schon beim Abgang von der Schule, als er sich einen Rasierapparat kauft. "Zu dem Zeitpunkt hatte das ihm eingeleuchtet jedenfalls ihm, wenn auch niemandem sonst. Man verließ die Schule, war mithin erwachsen." Noch drei Jahre schaut er bartlos in den Spiegel und verschenkt den Rasierer, kurz bevor er ihn dann doch selber brauchen würde. Er schreibt das Stück "Tanz der Wälder" für die Feiern zur Unabhängigkeit Nigerias, das im letzten Moment aus dem Programm geworfen wird. Er plant mit Joan Littlewood in London eine Verfilmung seines Romans "Der Löwe und die Perle", bereitet sich sorgfältig vor und schlingert ohne jedes Ergebnis zwischen dem "rhetorischen Wirbelwind" Littlewood und anderen uneingelösten Versprechen. Er arbeitet an demokratischen Reformen mit, aber die Herrschenden in Nigeria wollen lebenslänglich auf ihren Posten bleiben. "Diese Klasse lebte nur für den Genuß der von den Kolonialherren hinterlassenen Privilegien." Seit er 1960 von seinen Studien in England und seiner Arbeit als Dramaturg am Royal Court Theater zurückkehrte, rieb sich Marens Leben an der Erkenntnis: "Alles war ganz anders gekommen, als er es sich vorgestellt hatte."

Die Erinnerungen in "Ibadan" enden mit seiner ersten Inhaftierung. Zwei Jahre später kam Soyinka für 22 Monate in Isolationshaft und entging knapp der Liquidierung. 1969 wurde er nach einer Amnestie freigelassen, er arbeitete als Dichter, Dramatiker, Schauspieler, Regisseur, Essayist und Dozent. 1986 schützte ihn der Nobelpreis vorläufig vor Verfolgungen. 1994 reichte Soyinka eine Klage ein, das Regime von General Abacha für illegal zu erklären. Seitdem ist er Exilant. Die Sehnsucht nach Nigeria steht ohne Worte auf allen Seiten seines Buchs.

Wole Soyinka: Ibadan. Streunerjahre 1946 1965. Aus d. Englischen v. Irmgard Hölscher u. a. Ammann Verlag Zürich 1998, 499 S., 49,80 Mark.