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Plauder, Erinnerung, plauder

Einmaliges Melken ist zuwenig: Tschingis Aitmatows redselige Memoiren enthalten dem Leser das Beste vor, nicht zuletzt den Singsang seiner Sprache

Gregor Ziolkowski

Verschollengeglaubte Texte von Tschingis Aitmatow stehen als Höhepunkt dieses Erinnerungsbändchens ganz an dessen Ende. Sie lagerten bei der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften und sind auf das Jahr 1955 datiert. Die Prosa ist ein bißchen nüchtern, sie stammt auch nicht aus der Zeit, die den Erinnerungen ihren Titel gab, aber doch erlaubt sie einen Blick auf die vorliterarische Karriere des Autors. "Erfahrungen in der Versuchsfarm" oder "Genügt dreimaliges Melken?" heißen die Berichte des Zootechnikers und Oberviehzüchters Aitmatow.

Bei der letzten Frage müssen sie in der Schweiz hellhörig geworden sein. Auf das Melken versteht man sich dort. Natürlich stellt sich die Frage im Verlagsgeschäft anders. Nach dreimaligem Melken kann ein Autor meist gerade mal als durchgesetzt gelten, unklar bleibt dennoch, ob der nächste Versuch genug Ertrag bringt. Aitmatow aber ist ein weltberühmter Autor, es gab Zeiten, da wurde sein Name im Zusammenhang mit dem Nobelpreis genannt.

Und so schickten die eifrigen Schweizer Verlagsleute Aitmatow mit seinem Übersetzer Friedrich Hitzer nach einer Lesereise in Klausur. "Aitmatow begann zu erzählen, ich zeichnete das gesprochene Wort auf", gibt der zum Herausgeber avancierte Übersetzer zu Protokoll. Es waren gewiß angenehme Plauderstunden. Fanden die Sitzungen in Brüssel statt, wo der Schriftsteller als Botschafter Kirgistans bei der EU fungiert? Oder gar am Issyk-Kul, wo er einmal ein aufsehenerregendes Forum organisiert hat, das als pazifistisch-ökologische Versammlung ideologische Verkrustungen bekämpfte? Aber die Zeiten, in denen man weltweit das Wort Perestroika buchstabierte, sind längst vorbei, ihre Helden stehen vor den Ruinen der von ihnen selbst gestürzten Dogmen und erzählen von ihrer Vergangenheit. Daß bei Aitmatow der Plauderton stark durchschlägt, hat auch Hitzer gemerkt und die Beiläufigkeit zum Programm erhoben. Es sollte sein wie bei echten Begegnungen mit Lesern.

Es ist prinzipiell nichts einzuwenden gegen ein derartiges Verfahren. Auch die vorzüglichen Memoiren Luis Buñuels sind im Gespräch entstanden. Nicht zu reden von Eckermann! Aber es muß einer wohl wirklich etwas erzählen wollen und anschließend beim Redigieren ein paar Vertiefungen einfügen. Liest man Aitmatows Erinnerungen, wird man den Eindruck nicht los, daß er sich ausschließlich auf seine Popularität verlassen hat. Und auf ein folkloristisches Element, das aus Nomaden und Jurten, Schamanen und weisen Großmüttern, wilden und gezähmten Tieren und dem rauhen Hauch der Steppe zusammengesetzt ist.

Das hält man zunächst für eine geschickte Dramaturige: diese den Blick öffnende Exotik der Schauplätze, darin die Kindheitsepisoden vom ersten Wolf, den der Junge sehr nahe sah, vom ersten Pferd, auf dem er reiten durfte, von den Wundern der Zahnheilkunst, die ein Schamane vollbrachte. Und man lauert auf die wirkliche Selbstergründung des Autors, auf den Durchbruch zu Lebensmaximen oder -bildern, die sich aus den biographischen Details ergeben haben. Aber nichts dergleichen geschieht. Friedrich Hitzer muß immer wieder nach Impulsen gefragt haben, die die Biographie der Literatur verliehen hat, um dem Ganzen Gewicht zu geben. Aber auch da bleibt Aitmatow vage, gibt nichts preis und redet unverfänglich weiter.

Vollends irritiert ist man, wenn nun wirklich der Einbruch des Tragischen in dieses Kinderleben berichtet wird, die Verhaftung des Vaters Torekul, der ein sowjetischer Kader mit Parteistudium in Moskau war und eine schnelle Karriere machte. Sie brach ab, als er verhaftet und später getötet wurde. "Es begann 1937, die Repression erfaßte auch den Vater " Das ist beinahe alles, was als Resümee dieser Angelegenheit gewidmet wird, und die Steifbeinigkeit der Übersetzung unterstreicht die Hartleibigkeit des Gedächtnisses.

Die ersten literarischen Erfolge, mit ihnen die ersten Skandale, ein flüchtiges Andeuten der Mechanismen, wie man trotzdem publizieren konnte, ein paar Gedichte, die papieren bleiben, wenn man Aitmatows faszinierenden Singsang dazu nie gehört hat, schon ist der Höhepunkt des Büchleins erreicht. Diese Erinnerungen werden Aitmatow vielleicht irgendwann daran erinnern, daß er sich erinnern könnte. Der in seiner frühen Prosa formulierte Gedanke, es komme darauf an, gut statt häufig zu melken, dürfte dann hilfreich sein.

Tschingis Aitmatow: Kindheit in Kirgisien. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Friedrich Hitzer. Unionsverlag Zürich 1998. Mit 13 Fotos. 160 S., 28 Mark.