JOHANNESBURG, 4. März "Ich bin der Oberhäuptling der Herero", stellt sich Kuaima Riruako gerne in Deutsch vor. "Ich habe die Sprache von meinem Vater gelernt", erklärt er dann und kommt schnell auf die "alte Zeit" zu sprechen, als das südwestafrikanische Land Namibia eine deutsche Kolonie war.
Die Herero hatten sich 1904 gegen die deutsche Herrschaft erhoben und die Stadt Okahandja besetzt. Auch die Eisenbahnbrücke bei Osona wurde zerstört, galt doch vor allem der ihr Weideland durchschneidende Schienenstrang von der Küste nach Windhuk als "Unheil". Nicht nur, daß die Herero durch die Eisenbahn Land verloren, es wurden durch sie auch immer mehr weiße Siedler angelockt. Mit den Siedlern kamen die Geschäfte. Die Herero hatten kein Geld, mußten ihr Vieh verkaufen und verarmten. Sie begannen mit Überfällen auf deutsche Farmer. Zahlreiche Familien wurden getötet.
Das kaiserliche Deutschland schlug brutal zurück. Der Oberkommandierende, General von Trotha, befahl, keine Gefangenen zu machen: "Jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, ist zu erschießen." Der Krieg gegen die Herero endete damit, daß Zehntausende in die Kalahari-Wüste vertrieben wurden. Von einst 80 000 Herero überlebten damals nur 11 000. Diese Ausrottungspolitik stieß auch im kaiserlichen Deutschland auf Proteste. Von Trotha mußte gehen, bekam aber den Orden "Pour le merite".
Kein Druck der Regierung
Für das Massaker an seinen Vorfahren fordert Riruako seit Jahren von den Deutschen eine Wiedergutmachung. Die Rede ist von knapp zwei Milliarden Mark. Doch Deutschland hat es bislang immer abgelehnt zu zahlen. Nach den Worten von Bundespräsident Roman Herzog, der gestern zum Staatsbesuch in Namibia eintraf, wird es auch keine offizielle Entschuldigung Deutschlands für das Massaker geben. Herzog sagte in Windhuk lediglich: "Wir sind uns natürlich bewußt, daß die Auseinandersetzung zwischen der deutschen Kolonialverwaltung und den Herero nicht in Ordnung war."
Von der namibischen Regierung gibt es keinerlei Druck auf die Deutschen. Präsident Sam Nujoma sagte, daß die Regierung nicht "im Namen bestimmter ethnischer Gruppen aktiv werden" wolle. Nujoma gehört wie die meisten Kabinettsmitglieder der ethnischen Gruppe der Ovambo an, die seit jeher die Herero nicht mögen, da diese ihnen früher die Macht im Lande streitig machten. Roman Herzog hatte schon in Bonn darauf hingewiesen, daß Deutschland besonders viel Entwicklungshilfe an Namibia zahle, jedoch nicht für die Verteilung des Geldes an die verschiedenen Völker des Landes zuständig sei.