Geht denn das, wird der neugierige Leser fragen und vielleicht auch, wozu. Warum ein Roman über Goethes Monate in Rom, wovon der "alte Heide" eine nicht zu überbietende Darstellung hinterlassen hat, worüber Germanisten und Kunsthistoriker seit mehr als hundert Jahren nicht wenig geschrieben haben? Trotz dieser Zweifel würde man Hanns-Josef Ortheils neues Buch gern uneingeschränkt empfehlen. Gerade weil der Autor es verschmähte, auf seine Kühnheit eigens hinzuweisen, wird deutlich, das hier etwas gewagt wurde, wofür es in der neuesten deutschen Literatur kein Gegenstück gibt. Vielleicht mißlang das Wagnis zur Hälfte, weil Ortheil seiner Verwegenheit nicht traute. Daß er sie nicht bemerkte, wird man kaum glauben wollen. Immerhin ist seit Thomas Manns "Lotte in Weimar" kein ähnlich ambitionierter Versuch erschienen, einen Augenblick aus Goethes Leben zu erzählen.
"Darum macht Faustine mein Glück; sie teilet das Lager/ Gerne mit mir " Diese Zeile aus der achtzehnten der "Römischen Elegien", die in der Handschrift "Erotica Romana" überschrieben sind, regte Ortheil an, der Goetheschen Stilisierung seiner römischen Geliebten eine eigene kommentierend an die Seite zu stellen. Das Ineinander von: ROMA und AMOR war für Goethes Italienerlebnis so zentral, daß Ortheil in seiner Erzählung vom römischen Glück wichtige Momente der Wiedergeburt unter südlicher Sonne erneut darstellen muß, will er sich nicht im literaturgeschichtlichen Klatsch verzetteln. So erfährt der Romanleser von Goethes kunsthistorischen und botanischen Studien, von den Begegnungen mit Moritz und Meyer, von den Zeichenversuchen und der Einsicht, daß Talent dazu fehlt, auf diesem Gebiet Vortreffliches zu leisten. Wer die "Italienische Reise" gelesen hat, wird viele Szenen wiedererkennen. Doch erscheinen bei Ortheil die Akteure und ihre Absichten stets kleiner, der Größe der Stadt und ihrem Glücksversprechen unangemessen. Das scheint gewollt.
Ortheil erzählt nicht direkt, sondern aus der Perspektive eines jungen Römers, der Goethe seit seinem Eintreffen an der Piazza del Popolo beobachtet und als Spion des Heiligen Vaters Berichte über das merkwürdige Treiben des "Nordmenschen" verfaßt. Diesem Giovanni Beri fehlt trotz aller Faszination das Verständnis für Goethes Bildungsprogramm, weshalb er ein eigenes entwirft, um dem Minister aus Weimar das sinnliche Rom näher zu bringen.
Der Figur Beris hat Ortheil erkennbare Züge seiner eigenen Biographie verliehen, wenn auch weniger kenntlich als in den vorherigen Romanen. So ist ein Bruder Giovannis nach dem mehrfach beschworenen Tod der Mutter verschwunden und erst am Ende wird sich zeigen, daß seine Stimme immer anwesend war und das Geschehen lenkte. Giovanni beobachtet mit Leidenschaft und glaubt dabei, zu einem Poeten zu werden. Doch als einer, der Wein schätzt, Menschenansammlungen scheut und die besten Aussichtspunkte kennt, wirkt dieser Beri zunächst wie das ins achtzehnte Jahrhundert verbannte Abziehbild eines Toskanadeutschen. Daß ihm die Gespräche vor dem Apoll vom Belvedere so überflüssig scheinen wie die Verslehre des Berliner Professors Moritz, überrascht nicht.
Ortheil hat alle Freunde Goethes erniedrigt, um diesen groß zu zeigen. Dessen Wiedergeburt schildert er im Abglanz der Wandlung Beris. Nachdem Giovanni den "Werther" gelesen hat, findet er seine Lotte ähnelnde Faustina, gewinnt sie, verliert sie an Goethe und wird zum Fremden in der eigenen Stadt, der zuletzt die Porta del Popolo mit Goethes Augen durchschreitet, und sich auf den Weg macht, "die Stadt Rom kennenzulernen".
Ortheil hat, wie leicht zu merken, ein System von Spiegelungen und Anspielungen entworfen, dem man nur deshalb unwillig folgt, weil es allzu explizit und motivisch redundant vorgeführt wird. Nicht dem Leser bleibt es überlassen, in zwei Beschreibungen das Urbild zu entdecken, sondern der Erzähler weist ihn eindringlich darauf hin, als triebe ihn die Sorge, seine Kunstfertigkeit könnte übersehen werden. Wozu aber der ganze Aufwand an Konstruktion und Abschrift, der Ausflug ins Intertextuelle und Abstieg in die Wiederholung? Über Goethe erfährt der Leser nichts Neues und über römisches Leben im achtzehnten Jahrhundert verrät selbst die im Roman verspottete Reisebeschreibung von Moritz mehr als Giovanni Beri je erahnt. Goethe- und Rombild Ortheils folgen gediegenen Klischees. Ihn reize, so hat er vor drei Jahren gesagt, vor allem die Möglichkeit, das eigene "Ich" im Erzählten verschwinden zu lassen. So liefert er nun willentlich ein Traumbild großer Vergangenheit. Es geht um die idyllische Vermählung von Intelligenz und Sinnlichkeit, für die Tischbeins schwebende Figur, die den Schutzumschlag ziert, als Symbol gelten mag. Man muß schon hartgesotten sein, um diesem Versuch, vergangene Wege zum Glück noch einmal aufzurufen, die Berechtigung abzusprechen, zumal Ortheil nicht Erfüllung zeigt, sondern vom Traum träumt.
Und hat man die Exposition der Klischees auf den ersten einhundert Seiten glücklich hinter sich gelassen, entfaltet dieses Traumbild seinen ästhetischen Reiz. Wie nicht anders zu erwarten, erscheint Goethe, den historischen Fakten widersprechend, zunächst als nordischer Grübler, während sein Schatten Beri italienische Sinnlichkeit verkörpern darf. Die Auflösung hat sich Ortheil nicht so einfach gemacht. Goethe widersetzt sich allen Plänen und entdeckt das Glück in Faustinens Armen nicht dank Lenkung, sondern durch Gelegenheit. Beri hingegen lernt, sich von der Borniertheit seiner Sinne zu lösen und dem Hergebrachten ganz fremd zu werden. So gewinnt er in der Bekanntschaft mit Goethe die Hoffnung auf eine freiere Existenz.
Daß "Faustinas Küsse" als fiktiver Kommentar zur "Italienischen Reise" dennoch enttäuscht, liegt nicht am Sujet und nicht an prinzipieller Unmöglichkeit. Dem Buch fehlt ein Gran der Obsessionen, von denen es spricht. Giovanni Beri ist kein Genießer, kein Falstaff und kein Casanova, sondern einer, der farblose Exposés kommender Genüsse entwirft. Nie zeigt der Erzähler, daß Sinnlichkeit oder Intellekt an Gegenstände gebunden sind, sie kreisen leer in sich.
Nun hat Ortheil in seinem autobiographischen Essay "Das Element des Elefanten" (1994) gezeigt, daß er Leidenschaften beschreiben kann. Die wenigen Seiten über Rom in diesem Buch wiegen schwerer als die Passagen bemühter Reiseführerprosa im neuen Roman. Nur wo die Lust am Erzählen in den Vordergrund tritt, gelingen faszinierende Miniaturen. Die Gespräche Beris mit Moritz oder mit seiner Vertrauten Rosina sind von einer fast singspielhaften Leichtigkeit. Sie umkreisen ihre Themen, das Entscheidende kommt scheu und verzögert, ironisiert und gebrochen zur Sprache. Schade, daß sie meist zu früh und mit brachialem Einsatz der Handlung enden.
Ortheil liegt zuviel am Idyllischen, und er scheint mit seinem Sujet zu selbstverständlich vertraut, als daß er überzeugend vergegenwärtigen könnte. Nur ein Bruch, die Erfahrung des Verlusts, verleiht jene Energien, die nötig sind, Unschuld und Tradition literarisch zu beschwören. Der Rest ist Schulfunk, den Ortheil nur selten in der Invention, aber meist durch biegsame Schlichtheit der Sprache überragt. Das immerhin ist buchenswert.
Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Luchterhand Literaturverlag, München 1998. 352 S., 42 Mark.