Mit "Gelächter im Dunkel" und "Verzweiflung" erscheint im Rahmen der neuen Werkausgabe der dritte und letzte Teil von Nabokovs "frühen" Romanen. "Frühe Romane", das klingt ganz unschuldig. Sie sind eben früher als die späteren geschrieben. Aber warum wird fast die Hälfte des Gesamtwerks den "frühen", dagegen nur die beiden Romane nach "Ada" den "späten" Romanen zugeordnet?
"Gelächter im Dunkel" beschreibt die Affäre des allseits mittelmäßigen Kunstkenners Albinus mit der Vorführerin Margot Peters. Bei ihrer ersten Begegnung läuft ein Film, der die späteren Ereignisse vorwegnimmt. Das Plakat zeigt einen Mann, der zu einem Kind am Fenster aufschaut. In einer Szene rast ein Auto über kurvenreiche Bergstraßen, in einer zweiten verfolgt ein Maskierter mit einer Pistole inmitten umgestürzter Möbel ein Mädchen. In der Tat entdeckt Albinus später, daß Margot ihn mit Axel Rex, einem so begabten wie gewissenlosen Künstler, betrügt. Überstürzt verläßt er zusammen mit Margot das Hotel, in dem die drei auf gemeinsamer Südfrankreichtour abgestiegen waren. Aber überhaupt eher lebensunfähig, kann er auch so recht kein Auto lenken, verunglückt und verliert sein Augenlicht. Margot betreut ihn in einem Berghäuschen, hat aber, für Albinus unsichtbar, ihren Lover bei sich, der mit dem Blinden seine Späße treibt. Am Schluß versucht Albinus, Margot zu erschießen und kommt dabei selbst ums Leben.
Im Anhang wird die russische Uhrfassung von "Gelächter im Dunkeln", "Camera obscura", abgedruckt. Man kann also Nabakov beim Überarbeiten beobachten, und der Herausgeber Dieter E. Zimmer tut das auch. Der vorausgreifende Film finde sich in der Urfassung noch nicht (was nicht ganz stimmt, nur die Autoszene findet sich nicht, der später "Maskierte" dagegen tappt hier sogar "blindlings" auf die Frau zu). Diese "nabokovschste" der verschiedenen Änderungen weise "auf jenen rekursiven Zug voraus, der Nabokovs künftige Romane so unverwechselbar machen sollte." Das ist es also. Der eigentliche Nabokov ist der rekursive oder geradezu beim modischen Namen genannt: der selbstreferentielle Nabokov.
Der ästhetische Formalismus eines solchen Urteilens sieht feinsinniger aus als er ist. Wohl liebt es Zimmer, all die Verweisungen hervorzuheben, die "so winzig sind, daß sie leicht überlesen werden könnten". Aber an ihnen ist gar nichts Spektakuläres. Jeder realistische Roman braucht Verweisungen, schlicht um die Stoffmassen zusammenzubinden oder Spannung zu erzeugen. Auch am Anfang von "Effi Briest" umrankt Efeu die Kirchhofsmauer, und Effi schwingt so hoch auf der Schaukel, daß ihrer Mutter bange wird. Im Gegenteil wird die Rekursivität schnell Überdruß erzeugen, wenn den Verweisungen nicht auch eigene Bedeutung zukommt. Sie kann in einem Scherz liegen. So kommentiert der Briefträger die Worte des Hausmeisters, bei seinem Reichtum hätte sich Albinus auch eine rundlichere Geliebte zulegen können, prophetisch mit dem etwas unglücklich wörtlich übersetzten Sprichwort "Liebe ist blind". Aber der Sinn der Filmszene wird gehaltvoller darauf gehen, daß dem einfallslosen Albinus noch der Ausbruch aus der Trivialität zur Wiederholung trivialer Muster gerät. Bei Nabokovs Verehrung für "Madame Bovary" liegt es nahe, an Emmas romantische Lektüren zu denken.
Welt aus Hundeaugen
Am Ende steht hinter dem Lob der Konstruktion immer eine Verachtung des Beobachtens. Der Realismus gilt als mindere Kunstform. Nabokov dagegen hat viel Wert auf die Genaugkeit der Milieustudien gelegt, auf die erdrückende Behaglichkeit von Albinus Familienleben, auf Margots Prostituiertenkarriere, auf den arbeitslosen deutschgesonnenen Bruder Otto. (Auch "Lolita" ist nicht zuletzt ein Amerikaroman.) Und Nabokov hat geradezu mit Artistenehrgeiz Bewußtseinsformen nachgebildet. In "König, Dame, Bube" geht das bis zur Beschreibung der Welt aus der Sicht eines Hundes. Hier interessiert ihn die Blindheit. Draußen klappert das Frühstück, Albinus zieht den Verband hoch, wieso ist es immer noch dunkel? Warum leuchtet die Uhr nicht? Er will ein Streichholz anzünden, verbrennt sich Dann die Übelkeit in der Eisenbahn, weil er die Geräusche nicht mit Bewegungen zusammenbringen kann. Später das schrittweise Sich-Ablösen von der visuellen Orientierung, die Verfeinerung des Gehörs.
"Wenn er sich auf eine Landschaft ins Gedächtnis rief, in der er früher gelebt hatte, konnte er keine einzige Pflanze nennen außer Eichen und Rosen und keinen einzigen Vogel außer Spatzen und Krähen, und selbst die entstammten eher der Heraldik als der Natur." Obwohl Kunstkenner, ist Albinus zutiefst blind. Er lebt in einer Nacht der Konventionen und Klischees. Welche Verarmung das bedeutet, merkt er erst, als es zu spät ist. Das weist auf den aufklärerischen Impuls in Nabokovs Schreiben: Kunst lehrt Sehen.
In einem allerdings hatte Albinus recht gesehen. Margot ist wie Lolita eine Schönheitsgöttin. "Es war etwas herrlich Akrobatisches in ihren Bettgewohnheiten. Und hinterher hüpfte sie dann hinaus, tänzelte im Zimmer auf und ab, schwenkte ihre mädchenhaften Hüften und kaute an einem trockenen Brötchen, das vom Abendessen übriggeblieben war." Die Schönheit ist ein Bild, "ein einsamer Baum vor goldnen Himmeln; Lichtkringel an der Innenbeuge einer Brücke; etwas, das sich nicht fangen läßt." Sie hat die Macht, den Philister aus seinem Schlummer zu wecken, aber wenn er mit ihr nicht umgehen kann, hinterläßt sie "ein oder zwei Tage lang ein hoffnungsloses Gefühl" oder führt geradewegs in die Katastrophe. Umgehen kann mit der Schönheit ganz proustisch nur der Künstler: Er beschreibt sie. (Was nebenbei auf Odette und Swann als Vorlagen für Albinus und Margot führt.)
Nabokov gehört zu Rowohlt, und Nabokov wird immer populärer. Um so ärgerlicher ist die Achtlosigkeit, mit der die Werkausgabe zusammengebracht wird. Die Gedichte wer zahlt schon für Lyrik? fehlen ganz. Innerhalb eines Bandes finden sich verschiedene Satzspiegel. Die Nachworte stehen mal am Ende des Werkes, mal am Ende des Bandes. Manchmal ist die Übersetzung durchgesehen, manchmal nicht. Manchmal gibt es ein Variantenverzeichnis, manchmal nicht. Manche Werke haben einen Stellenkommentar, andere und bei den frühen gar die meisten nicht. Da wüßte man zum Beispiel gern, was Nabokov in "Verzweiflung" mit der offensichtlichen Kontrafaktur von Dostojewskis "Doppelgänger" bezweckt. Statt dessen schildert Zimmer ausführlich den Versicherungsbetrug, der dem Plot zugrundeliegt. Immerhin gibt das Gelegenheit zu der Schlußpointe, wie dialektisch eng doch erzähltechnischer Formalismus und krude Stofflichkeit zusammenhängen.
Vladimir Nabokov: Gesammelte Werke Band III, herausgegeben von Dieter E. Zimmer: Gelächter im Dunkel. Verzweiflung. Camera obscura. Frühe Romane 3, Rowohlt, Reinbek 1997, 813 S., 58 Mark