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Die Gräfin gruselt sich

Mit einem neuen Layout und alter Mannschaft will die Hamburger "Zeit" jüngere Leser finden

Oliver Gehrs

Nichts ist mehr sicher in dieser Zeit. Nicht einmal, was denn nach 16 Jahren Kohl werden soll. In der Konferenz des Politik-Ressorts machen bei Kaffee und Plätzchen allerlei Vorschläge die Runde. Chefredakteur Roger de Weck träumt von einer Allianz der Dissidenten, Redaktionsdirektor Matthias Naß plädiert für eine Große Koalition, und die hochbetagte Marion Gräfin Dönhoff macht Stimmung pro Rot-Grün. Das würde Mitherausgeber Helmut Schmidt wohl gar nicht gern hören, aber der weilt gerade in Berlin und bekakelt mit NATO-Generalsekretär Javier Solana die noch größere Lage.

Nirgendwo wird so schön konferiert wie bei der Hamburger "Zeit". Und nirgendwo so oft: Große Redaktionssitzung, Leitartikelkonferenz, Glossenkonferenz ­ einen Gutteil ihrer Zeit verbringen die Redakteure im holzvertäfelten Sitzungszimmer und besprechen die nächste Ausgabe.

Schaurige Fotos auf dem Titel

In den letzten Monaten sind sogar noch ein paar Konferenzen hinzugekommen. Denn nicht nur die Republik, auch die "Zeit" steht vor großen Veränderungen. Zu lange hat man es wie die Regierung gemacht: Augen zu und durch ­ ohne Rücksicht auf Verluste. Und die waren herb. Seit 1994 verlor das Hamburger Intelligenzblatt fast ein Viertel seiner Leser, 1996 rutschte die Auflage erstmals unter die Schwelle von 450 000 Exemplaren. Zuwenig, befand man beim Holtzbrinck-Konzern, der die "Zeit" 1996 für 140 Millionen Mark übernommen hatte, und zitierte den damaligen Chefredakteur Robert Leicht zum Abschiedsgespräch nach Stuttgart. Der hatte intern bereits resigniert und geklagt: "Seit ·82 denselben Kanzler, seit ·92 dieselbe Rezession ­ wie soll man da eine politische Debatte zuspitzen?"

Für den engagierten Orgelspieler kam der vierundvierzigjährige Schweizer Roger de Weck, der schon einmal als Pariser Korrespondent und Wirtschaftsredakteur für das Wochenblatt gearbeitet hat, bevor er als Chefredakteur zum Züricher "Tages-Anzeiger" ging. Seit September verstößt de Weck gleich in Serie gegen die ehernen Regeln des Hauses. Zunächst ließ er einen gekränkten Theaterkritiker mitleidslos ziehen, dann setzte er ohne die übliche Rücksprache mit der Redaktion den Politikchef ab und immer wieder rückte er schaurige Fotos auf die erste Seite: mal die dunklen Augen von Saddam, mal die Stiernacken von Bundeswehrsoldaten. Dazu so große Schlagzeilen, daß sich nicht nur die Gräfin gruselte, sondern das italienische Magazin "L·Espresso" bereits ehrfürchtig anmerkte, de Wecks Einfälle schockten ganz Deutschland.

Nun findet der organisierte Tabubruch des Schweizers seinen vorläufigen Höhepunkt. Ein letztes Mal erscheint die "Zeit" heute in ihrem alten Layout, von nächster Woche an wird sie sich optisch überarbeitet präsentieren. Monatelang grübelten die hauseigenen Grafiker, wie man jüngere Leser locken kann, ohne die alten aus dem Ohrensessel zu kippen. Und seit Monaten tobt zwischen dem amerikanischen Zeitungsdesigner Mario Garcia und Teilen der "Zeit"-Redaktion ein Glaubenskrieg.

Als Garcias erste Entwürfe die Runde machten, trauten einige Redakteure ihren Augen nicht ­ der Grafik-Guru hatte dem grauen Klassiker Farbe beigemischt. In den heiligen Hallen des Hamburger Pressehauses ist das ungefähr so, als würde die "Bild" zukünftig schwarz-weiß in Taschenbuch-Format gedruckt.

Als in der Redaktion die ersten Protestbärtchen wuchsen, stellte der Verlag dem umstrittenen Farb-Fan einen weiteren Art Director zur Seite. Seinen Heißhunger auf Farben stillte Garcia zwischendurch beim Münchener Boulevardblatt "tz", und Roger de Weck bezeichnet die Farbentwürfe mittlerweile als bunten "Jux".

Abschied von der DDR

Doch auch ohne bunte Bilder werden traditionsbewußte Leser an der renovierten "Zeit" zu schlucken haben: Die neu belebte Garamond-Schrift ist breiter, die Ressort-Überschriften sind größer geworden und haben zudem einen schmucken, roten Anfangsbuchstaben. Der Zeilenabstand wuchs an einigen Stellen so sehr, daß die Texte mitunter arg kurz geraten. "Aus der Möglichkeit zu längeren Stücken darf keine Gewohnheit werden", sagt de Weck, der die entstandenen Weißräume als zusätzliches Gestaltungsmerkmal nutzen will. Vier, fünf oder sechs Spalten ­ in der neuen "Zeit" ist praktisch alles möglich.

"Wer jetzt noch von der alten Tante Zeit spricht, gehört selber zu den alten Tanten", sagt de Weck. Allerdings bestärkt das luftige Layout genau dieses Vorurteil. So wirken manch riesenhafte Lettern auf halbleeren Seiten wie ein Zugeständnis an die Sehschwachen in der Abonnenten-Kartei.

Der Rest der Neuerungen ist weniger augenscheinlich: Neben einem ausführlichen Inhaltsverzeichnis wird es in Zukunft einen eigenen Teil für Stellenannoncen ("Zeit-Chancen") und eine Sachbuchseite geben. Das Bremer Stadtwappen, das schon im Titel keinen Sinn macht (die Stadt Hamburg verweigerte "Zeit"-Gründer Gerd Bucerius einst ihr Signet), schmückt nun jedes Ressort. Außerdem fällt die Medienseite weg, dafür wird der als Fernsehmoderator arbeitslose Friedrich Küppersbusch alle vier Wochen eine pointensatte Kolumne schmieden.

Auch wenn mancher Redakteur argwöhnt, die frisch geschminkte "Zeit" sehe aus "wie eine alte Dame in Leggins", steht der Großteil der Mitarbeiter hinter den Reformen, schließlich haben die meisten mittlerweile erkannt, daß die "Zeit" nicht allein am Kiosk liegt. Nun signalisieren die großen Buchstaben nach innen und außen: Es tut sich was, es geht voran. Groß ist die Erleichterung, daß endlich jemand das Risiko eingeht, den träge gewordenen Tanker auf eine neue Fahrt zu schicken ­ auch wenn niemand so recht weiß, wohin die gehen soll. Oder, wie es ein Redakteur ausdrückt: "Bei der Zeit ist es wie mit der DDR. Zurück will keiner."

Die Stimmung im trutzigen Backsteinbau am Hamburger Speersort hat sich deutlich aufgehellt. "Einer, mit dem man reden kann" sei de Weck und im Vergleich zu seinen Vorgängern "ein Ausbund an Herzlichkeit". Zwar sprechen sich die Mitarbeiter immer noch gediegen mit Vornamen und Sie an, doch was früher verkrampft klang, wirkt heute freundschaftlich.

Zu de Wecks Taktik gehört Herzlichkeit und ein gerüttelt Maß an Bescheidenheit, mit der er über seinen Job doziert. Am liebsten lobt er die Kollegen, in deren Runde er regelmäßig aufblüht. So rutscht er während der Konferenzen zuweilen wie ein großer Junge auf seinem Stuhl herum und freut sich über die eigenen Scherze am meisten. "Ich schaue den Leuten nun mal nicht gern über die Schulter", sagt er mit leicht französischem Akzent, und für den Notizblock des Reporters: "Gute Redakteure, gute Autoren: wir haben alle Trümpfe in der Hand."

Jetzt muß er sie nur noch ausspielen, denn neue Karten gibt es nicht. Auch wenn in der millionenschweren Anzeigenkampagne ("Über die neue Zeit läßt sich streiten") zusätzlich "neue Redakteure" versprochen werden. Doch statt junge Leute einzukaufen, läßt de Weck derzeit die alte Mannschaft rotieren. Joachim Fritz-Vannahme rückt aus der Abteilung "Wissen" in die Politik, die abgelösten Ressortchefs Werner A. Perger, Haug von Kuenheim und Wilfried Herz ziehen gemeinsam ins Berliner Büro um. "Der Eindruck entsteht, daß in Berlin die alte Zeit neu gegründet wird", unkt der "Tagesspiegel", der ebenfalls zum Holtzbrinck-Verlag gehört. "Es spricht für die Redaktion, daß man alle Führungspositionen intern besetzen konnte", lobt hingegen de Weck sein Konzept, das die Jüngeren als "Eigenbluttherapie" belächeln.

Die Zeit nach Helmut

Daß der Generationswechsel bei der "Zeit" nicht wirklich in Gang kommt, liegt an einem unorthodoxen Verfahren: Nur in den seltensten Fällen scheiden altgediente Redakteure aus ­ der Großteil bleibt als Autor beim Blatt und legt auf den Konferenzen weiterhin die Stirn in Falten. "Dabei müßten wir uns allmählich mal an eine Klientel richten, denen der Name Helmut Schmidt nicht mehr so viel sagt", moniert ein Redakteur. "Die jüngeren Leser kennen schließlich nur noch einen Helmut, und das ist Kohl."

Zumindest den will die "Zeit" künftigen Generationen ersparen und im Wahljahr die Partei der Erneuerer ergreifen. Eine zweiköpfige "Reformwerkstatt" soll gegründet werden und weltweit Maßnahmen sammeln, an denen das malade Staatswesen genesen könnte. Denn eins ist auch de Weck klar, ein neues Layout allein wird kaum reichen, um gegen die größer gewordene Konkurrenz zu bestehen. Schließlich haben sich die überregionalen Tageszeitungen unter dem Druck der elektronischen Medien längst auf Hintergrundberichte und ausführliche Analysen verlegt ­ ehedem eine Domäne der "Zeit". Die soll nun als "wöchentliche Monatszeitschrift" zu alter Größe zurückfinden. Roger de Weck: "Sollen sich doch all jene Sorgen machen, die Journalismus mit Inkompetenz verwechseln." Sagt·s und eilt zur Tür hinaus. Vermutlich zur nächsten Konferenz.