von Harald Jähner Nach mehr als siebzig Lebensjahren und sieben Romanen wollte der portugiesische Autor José Saramago einmal sehr grundsätzlich werden. Der achte Roman sollte es ganz besonders in sich haben, eine Parabel, die nicht nur den gesamten Gesellschaftsprozeß erfaßt, sondern mit Fug und Recht das "Wesen unseres Menschseins", wie zu verkünden der Verlagsklappentext sich nicht nehmen läßt. Am Ende soll sich folgender Satz mit tiefem Sinn und bitterer Erkenntnis gefüllt haben: "Wenn der Körper uns mit Schmerzen und Angst überwältigt, dann merkt man, was für kleine Tiere wir doch sind." Wer damit nicht im Peinlichen stranden will, muß über außerordentliches Talent und viel Lebenserfahrung verfügen.
José Saramago blickt auf eine Menge zurück, das ganze Auf und Ab, das man ein reiches Leben nennt. Der gelernte Maschinenschlosser war Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals, kämpfte gegen die Diktatur Salazars und stand später jahrelang dem Gemeinderat Lissabons vor. Er legte sich mit der staatlichen Zensur und der Kirche an, schwamm mal als Chefredakteur ganz oben und schlug sich dann wieder als freier Übersetzer durch. Schon in den fünfziger Jahren begann er mit der Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten und wird seit Jahren als Nobelpreiskandidat gehandelt.
Mit seinem im portugiesischen Original "Essay über die Blindheit" (Ensaio sobre a Cegueira) genannten Roman, begibt sich Saramago in die dünne Luft einer literarisch-abstrakten Versuchsanordnung. Um den Alltag für grundsätzliche Fragen zu öffnen, vollzieht er einen literarisch höchst wirksamen Eingriff: Er läßt die Menschen einen nach dem anderen erblinden.
Den ersten erwischt es gleich auf der ersten Seite. Er erzeugt einen Verkehrsstau, weil er, in seinem Auto sitzend, plötzlich alles weiß sieht, keine Ampel, keine Straße mehr, alles ist weiß. Ein netter Mensch bringt ihn nach Haus und benutzt gleich die günstige Gelegenheit, dessen Auto zu stehlen. Die Freude aber währt nicht lange, auch der Dieb sieht wenig später nur noch weiß. Ein Augenarzt, der beide behandelt, wird binnen Minuten infiziert und steckt all seine Patienten an. Eine rätselhafte Seuche bedroht das Land, sie ist, weil völlig unerklärlich, heimtückischer als Aids, das wohl dem Einfall Nahrung gab. Die Regierung läßt in ihrer Ratlosigkeit alle Infizierten unter rigide Quarantäne stellen und in einem binnen kurzem überfüllten, leerstehenden Irrenhaus internieren. Ein Soldatentrupp bewacht sie und schießt auf jeden, der sich den Ausgängen nähert. Die Kranken bleiben sich selbst überlassen, das Essen wird in einen Vorhof herabgelassen, von wo es die blinde Gesellschaft selbstregulativ abholen und verteilen muß. Doch der Nachschub stockt, das Essen wird knapp. Die ersten Diebstähle geschehen, die Hölle beginnt.
Eine gewalttätige Blindengruppe beschlagnahmt die Essensrationen und teilt nur noch gegen Bezahlung aus. Erst sind die mitgebrachten Wertsachen dran, dann die Frauen. Sie müssen saalweise antreten und den Machthabern zu Willen sein, um ihre Männer mit ein paar Brotkanten versorgen zu können. Geifernde Lüstlinge, brutale Vergewaltigungen, Terror und eine perfide Logik der Angst machen das Lesen streckenweise zur Qual. Dazu denkt sich Saramago mit einer solchen Akribie in die hygienischen Probleme allseitiger Blindheit hinein, daß die allgemeine Niedertracht auf einem barock stinkenden Postament aus Fäkalien, Verfaulung und Verwesung ins Unermeßliche gedeiht.
Saramago hat nichts von dem ausgelassen, was geschehen mag, wenn Massen übereinander stolpernder Blinder die ohnehin verstopften Klos nicht finden, wenn man den herumliegenden Exkrementen nicht mehr ausweichen kann, wenn es längst gleichgültig geworden ist, ob man die Hose zumacht, weil es ohnehin niemand bemerkt. Er spart nicht mit Leichen, die von streunenden Hunden zerrissen werden, nicht mit den blauen Flämmchen, die umhertanzen, wenn bei der Verwesung großer Menschenansammlungen phosphoreszierendes Hydrogenium entsteht.
Um dem Entsetzlichen Farbe geben zu können, hat Saramago eine Sehende in die "Stadt der Blinden" geschmuggelt: die Frau des Arztes, die, um ihren Mann nicht verlassen zu müssen, sich blind stellt und ihn ins Lager begleitet. Sie, unbegreiflicherweise immun, ist "die, die geboren wurde, um den Horror zu sehen". Mehr als einmal wünscht sich die Verschonte angesichts des Brechreiz erzeugenden Geschehens die Blindheit der Übrigen herbei.
Ihre Sehkraft ist jedoch der Segen ihrer Gruppe, ein kleines, vom Schicksal blind zusammengestelltes Fähnlein, das dank der Augen, aber auch dank der aufopfernden Solidarität der Arztfrau durch das Elend zieht, ohne ihm ganz anheimzufallen. Namen haben sie keine, sie sind "die junge Frau mit der dunklen Brille"; die "Frau, von der niemand weiß, wer sie ist"; "der erste Blinde"; der "alte Mann mit der schwarzen Augenklappe"; "der Arzt". Ihnen dient "die Frau des Arztes" als Okular; sie, die sich erst spät und dann nur den Vertrauten offenbart, um nicht zur Sklavin der herzlosen Blinden zu werden, säubert ihre Gruppe, organisiert die Essensreste, führt sie durch die verkommene Stadt, nachdem auch die Wächter des Irrenhauses erblindet sind.
Die Frau des Arztes beginnt ihrer Gruppe abends regelmäßig vorzulesen, in dieser Gesellschaftsparabel trägt sie die Bürde der Kultur. Sollte auch sie eines Tages erblinden, fürchtet ein Zuhörer, "dann wird der Faden, der uns an die Menschheit bindet, zerreißen, es wird sein, als würden wir uns einer vom anderen im Weltraum entfernen, für immer". Die Macht der Literatur, die Saramago hier durchaus glaubwürdig reklamiert, ist nicht die einzige Eitelkeit, die er sich leistet. Schon in den Bereich der Alterstorheiten jenseits des Anrührenden gehört allerdings eine in all dem deprimierenden Schmutz ziemlich süßlich untergebrachte Romanze: die aufregendste und sinnlichste der blinden Frauen verliebt sich in den ältesten Mann, einen schon vor der Seuche schwachsichtigen Greis, der gelassen warten kann, während die blinde Jugend sich in Gier und Panik die Treppen hinabstößt.
Gut und böse sind überhaupt recht ungleich und allzu eindeutig verteilt in diesem Roman. Sei es, daß er dem Leser den ätzenden Pessimismus des Hauptteils nicht ohne Gegengewicht zumuten wollte, sei es, daß Saramago noch immer auf den Nobelpreis wartet, dem man ihm seit Jahren prophezeit, im letzten Drittel gewinnen die ansteckende Güte der Arztfrau, die Aufrichtigkeit der schönen Gelegenheitsprostituierten, die Anmut der zart wiederauferstehenden Gesprächskultur in der kleinen Gruppe die Oberhand. Doch das Plädoyer für Lebensmut und Liebe, der Appell, "die Zerbrechlichkeit des Lebens Tag für Tag in Schutz zu nehmen", erwecken angesichts des zuvor detailfreudig vermittelten Horrors keine rechte Überzeugungskraft. Mit aller Macht scheint der Roman am Ende in Richtung Hoffnung getrimmt, die vorbildliche Humanität der Arztfrau wirkt wie aus der Parteizentrale der Zuversicht in den politisch unzuverlässigen Roman hineinkommandiert. In Saramago, dem ehemaligen Kommunisten, wirken offensichtlich zwei widerstreitende Seelen: eine Georg Lukßcs treu ergebene, die das Leben in Reih und Glied mit den Grundwidersprüchen der Geschichte auf das Gute hin ausrichtet, und eine widerstreitende, die den braven Kampf mit Pessimismus und bitterer Ironie unterläuft. Mag sein, daß Saramago zu Beginn des Schreibens die Erblindung stärker als Metapher für den Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit in modernen Gesellschaften gestalten wollte. Doch der Alptraum entfaltete eine derartige Wucht, daß die gegenständliche Seite der Metapher ihren Symbolgehalt überwältigt.
Saramagos Sprache ist immer dann am schönsten, wenn sie galligen Pessimismus mit großer Eleganz kombiniert, wenn sie scheinbar mühelos in weit ausholenden Satzbögen ihre sarkastischen Volten schlägt. Die Notdurft, von der sie spricht, wird durch die unangestrengte Erhabenheit dieser Sprache wie durch Neon illuminiert. Appetitlicher wird sie dadurch nicht. Andererseits macht Saramago bei allem raffinierten Pessimismus deutlich, daß es keine Alternative zur Hoffnung gibt. Uns bleibt ja nicht einmal der Rückfall in die Barbarei. Von der primitiven Horde unterscheide uns blind und hungrig durch die Städte Irrende, "daß wir nicht ein paar tausend Männer und Frauen in einer riesigen intakten Natur sind, sondern Tausende von Millionen in einer ausgelaugten und verdorrten Welt".