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Die hohe Schule der feinen Nachlässigkeit

Castigliones "Hofmann" und seine europäische Wirkung

Max Grosse

Im Rückblick wird die Grazie vermutlich nicht der hervorstechende Charakterzug der Bonner Republik und ihrer wichtigsten Repräsentanten gewesen sein. Auch die DDR und ihre Prominenz dürften zumindest in dieser Hinsicht das sonst stets angestrebte Weltniveau gelegentlich verfehlt haben Deutschland, einig ungraziöses Vaterland. Wer für die Berliner Zukunft auf mehr Weltläufigkeit hofft, der sollte sich bei einem Spezialisten für ästhetische Lebensführung Rat holen.

Also vielleicht bei Karl Heinz Bohrer oder etwa beim Grafen Ludovico von Canossa: "Ich habe nun des öftern bei mir nachgedacht, woher die Anmut mit Ausnahme der durch die Gunst der Gestirne erhaltenen eigentlich stamme, und eine Regel gefunden, die mir allgemein gültig zu sein scheint bei allen menschlichen Taten und Reden: Man muß jede Ziererei gleich einer spitzigen und gefährlichen Klippe vermeiden und, um eine neue Wendung zu gebrauchen, eine gewisse Nachlässigkeit zur Schau tragen, die die angewandte Mühe verbirgt und alles, was man tut und spricht, als ohne die geringste Kunst und gleichsam absichtslos hervorgebracht erscheinen läßt." Erst wer die Regeln überschreitet, vermag den Gipfel der Virtuosität zu erklimmen. Die höchste Kunst besteht darin, sich diese als zweite Natur so weit anzuverwandeln, daß die Anstrengung verborgen bleibt. Die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Verhalten muß den Zuschauern unsichtbar sein. Dagegen mag man einwenden, daß dann die hierzulande so geschätzte "Authentizität" ganz fern und der Vorwurf der Heuchelei nahe liege.

Das berühmte Paradox der nur scheinbar mühelosen Lässigkeit stammt aus dem Italien der Hochrenaissance. Ein adliger Diplomat hat es einem anderen, Baldassare Castiglione dem Grafen Ludovico in den Mund gelegt. Die "neue Wendung" wird fast entschuldigend eingeführt; der von Castiglione eigens erfundene Begriff der "sprezzatura" deutet eine geringschätzig distanzierte Haltung zu den Regeln der Geselligkeit an. Denn erst der Abstand zur sklavischen Befolgung der Normen ermöglicht die Ästhetisierung des Verhaltens. Zum Inbegriff heiterer Eleganz stilisierte Castiglione in seinem "Buch vom Hofmann" den Hof von Urbino zur Regierungszeit des Herzogs Guidobaldo von Montefeltro. Unter dem Vorsitz von dessen Ehefrau Elisabetta Gonzaga soll sich im Jahre 1506 eine illustre Gesellschaft an vier aufeinander folgenden Abenden die Zeit damit vertrieben haben, die Idealbilder eines vollkommenen Hofmannes und einer anmutigen Palastdame zu entwerfen ­ als Gesellschaftsspiel in Rede und Gegenrede.

Castiglione war zu dieser Zeit in diplomatischer Mission nach England gereist. Als er sein Werk 1528 kokett widerstrebend an das Licht der Öffentlichkeit brachte, weil Abschriften in Umlauf kamen, waren die meisten Gesprächsteilnehmer bereits verstorben. Aus der Distanz der Erinnerung und aus der Schwermut über den Verlust heraus entsteht ein Porträt des Hofes, "nicht von der Hand Raphaels oder Michelangelos, sondern von der eines unwürdigen Malers, der nur die Hauptlinien ziehen kann, ohne die Wahrheit mit gefälligen Farben auszuschmücken oder durch Perspektivkunst das, was nicht ist, erscheinen zu lassen". Diese Bescheidenheitsfloskel aus dem Widmungsbrief ist ebenso zweischneidig wie das Lob der Malerei. Castiglione geht es nicht um Illusionen und Fiktionen, sondern darum, die individuellen Züge der Fürsten und der Mitglieder ihres Kreises über den Tod hinaus für die Nachwelt zu bewahren.

Als literarische Entsprechung für die Kunst der Perspektive, die einige Jahrzehnte zuvor ebenfalls in Urbino von Piero della Francesca vervollkommnet worden war und den Raum aus dem Blickwinkel eines betrachtenden Subjekts erscheinen läßt, dient die Form des Dialogs. Sie ermöglicht die Inszenierung vorbildlicher Geselligkeit in Streit und Versöhnung, gewürzt mit Witz und Schlagfertigkeit, Selbstironie und Galanterie; sie vermittelt die Vielfalt der Ansichten und die individuellen Unterschiede im Urteil. Denn Castiglione schreibt nicht bloß über Eleganz. Im Gegensatz zu den meisten nachfolgenden Anstandsbrevieren und Verhaltenslehren wird mit dem "Buch vom Hofmann" die Anmut zu Literatur. Der englische Kulturhistoriker Peter Burke ist nun der kaum zu überschätzenden Wirkung dieses Buches nachgegangen, hat über hundert Ausgaben, Übersetzungen und Nachahmungen untersucht, um über die Verbreitung der Renaissance außerhalb von Italien und die Geschichte der aristokratischen Werte Aufschluß zu erhalten.

Über ein Jahrhundert lang schlug Castiglione erst den europäischen Adel und dann zunehmend auch das Großbürgertum in seinen Bann. Beispielsweise Aufsteiger wie die Fugger wollten sich nach den Reichtümern auch die feine Lebensart aneignen und brauchten deshalb den Rat des italienischen Diplomaten. Auch Schriftsteller, Juristen, vornehme Damen und sogar die Bürger der Schweiz oder Venedigs lasen ihn mit Begeisterung. Man wollte das aristokratische Ideal in die eigene Lebenform umsetzen, das Leben, wie es bei Jacob Burckhardt heißt, zum Kunstwerk machen.

So wurde der englische Dichter Sir Philipp Sidney von seinen Zeitgenossen als wahre Verkörperung von Castigliones Hofmann gelobt. Gerade die normenbildende Wirkung des Dialoges führte jedoch dazu, daß sich seine Erfolgsgeschichte gleichzeitig als eine Geschichte des Vergessens beschreiben läßt: In Vergessenheit gerieten nämlich die literarische Form und der in ihr erreichte Schwebezustand gegensätzlicher, einander relativierender Meinungen. Beherzt richteten die Herausgeber und Übersetzer den Dialog durch Zusammenfassungen, Inhaltsverzeichnisse und Merksätze nach eigenem Gusto zur Rezeptsammlung und zum Traktat zu.