Am Neujahrstag 1957 mußte der Bundeskanzler früh aufstehen. Schon kurz nach sechs Uhr setzte sich in Königswinter sein Sonderzug in Bewegung. Trotzdem war Adenauer bester Laune. Zur Feier des Tages ließ er im Morgengrauen Kaviar auftragen. Der Regierungschef reiste ins Saarland, das seit Mitternacht wieder zur Bundesrepublik gehörte.
Seit Kriegsende hatte das kleine Land im Westen Deutschlands, zwischen Lothringen und Luxemburg gelegen, unter französischer Verwaltung gestanden. Und Adenauer war gewiß kein eifriger Verfechter der Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik gewesen. Nun aber feierte er den Beitrittstag als den schönsten seines Lebens. So zumindest erzählte er es einem seiner Mitarbeiter. Ungeniert demonstrierte der Alte aus Rhöndorf, wie sein Biograph Hans-Peter Schwarz bemerkt, "daß man als Politiker durchaus dort ernten kann, wo man nicht gesät hat".
Das Saarland hatte in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine wechselvolle Geschichte erlebt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es aus dem deutschen Reichsverband ausgegliedert. Zur Wahrung der französischen Sicherheitsinteressen legte der Versailler Vertrag 1920 fest, daß das Saarland für fünfzehn Jahre unter Völkerbundverwaltung gestellt wurde. 1935 sollte eine Volksabstimmung über die Zukunft entscheiden. Mit den Parolen "Heim ins Reich" und "Schlagt Hitler an der Saar" lieferten sich Befürworter und Gegner der Rückführung des Saarlandes ins Deutsche Reich eine erbitterte Propagandaschlacht.
Eigene Verfassung
Der Wille der Bevölkerung war jedoch eindeutig. Über 90 Prozent votierten für den Anschluß und damit - ob bewußt oder unbewußt - für Hitler. Der Diktator zog triumphal in den "westlichen Gau" seines "tausendjährigen Reiches" ein.
Aufgrund dieser Erfahrungen wollte die französische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg Fakten schaffen. Zwar wurde das Saarland nicht annektiert, aber wirtschaftlich eng mit Frankreich verflochten. Im Dezember 1947 bekam es eine eigene Verfassung. Formal war es nun ein autonomer Staat, faktisch jedoch ein französisches Halbprotektorat. Widerstand regte sich dagegen zunächst nicht. Die reale Einschätzung der Kräfteverhältnisse im Nachkriegseuropa und die anfangs schlechte Wirtschaftslage in den Westzonen ließ unter den Betroffenen nicht den Wunsch aufkommen, sich aus der französischen Umklammerung zu lösen.
Das änderte sich mit der Verschärfung des Kalten Krieges. Die Saarfrage behinderte die westeuropäische Integration des 1949 gegründeten westdeutschen Teilstaates, weil sie der deutsch-französischen Einigung im Wege stand.
Der französische Außenminister Robert Schuman, der 1950 mit dem nach ihm benannten Plan einen wichtigen Impuls für die Bildung der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gab, schlug 1952 die Europäisierung des Saarlandes vor. Das in den folgenden Jahren ausgearbeitete Modell sah vor, daß ein Europäischer Kommissar die Befugnisse Frankreichs übernehmen sollte. Gleichzeitig bot man an, die bis dahin einseitigen Wirtschaftsbeziehungen zu Frankreich auch auf die Bundesrepublik auszudehnen. "Europa war das Ziel", so betitelte der saarländische Nachkriegsministerpräsident Johannes Hoffmann später seine Memoiren und unterstrich noch einmal die mit dem Saarstatut verbundene Absicht.
Sowohl Hoffmann als auch die übrigen Akteure rechneten nicht damit, daß die Saarbevölkerung dem von Paris und Bonn sowie von der saarländischen Regierung gebilligten Vertrag die Zustimmung versagen könnte. Sie irrten sich gewaltig. Der französische Hochkommissar und Hoffmanns Regierung führten ein autoritäres Regime. Autonomiegegner wurden unterdrückt und mußten illegal agieren. Erst drei Monate vor dem Referendum über das europäische Saarstatut wurde Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit gegeben.
Nun entbrannte ein offener Abstimmungskampf, bei dem sich keine der beteiligten Parteien etwas schenkte. Adenauer rief die Saarbevölkerung in der Bochumer Erklärung vom 2. September auf, für die Europäisierung ihres Landes zu stimmen. Demgegenüber schlossen sich jene Parteien, die den Anschluß an die junge Bundesrepublik propagierten, im "Deutschen Heimatbund" zu einem Aktions- und Propagandabündnis zusammen.
Freudenfeuer
Jetzt blies den Jasagern der Wind frontal ins Gesicht. Die Abstimmung über das Saarstatut am 23. Oktober 1954 brachte ein eindeutiges Votum wider die Europäisierung.
Obgleich das Vertragswerk keine Regelung für diesen Fall vorsah, wagte nun niemand mehr, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerungsmeinung zu ignorieren. Ministerpräsident Hoffmann und sein Kabinett traten zurück. Jetzt schlug die Stunde der Parteien, die schon vorher gegen das französische Sonderregime an der Saar waren. Sie forderten vehement den Anschluß des Saarlandes an die Bundesrepublik. Zwei Jahre später legte der Luxemburger Saarvertrag die Modalitäten dafür fest. Am 1. Januar 1957 trat das Saarland als zehntes Bundesland dem westdeutschen Teilstaat bei.
In der Silvesternacht wurden auf den Bergen an der bisherigen Grenze zur Bundesrepublik Freudenfeuer abgebrannt. In vielen Gemeinden und Städten wurde das Ereignis feierlich begangen. Der Höhepunkt folgte am 1. Januar in der Landeshauptstadt Saarbrücken. Adenauer und mit ihm eine ganze Schar Regierungsmitglieder und Vertreter aus Politik und Wirtschaft zelebrierten die erste politische Eingliederung eines seit 1945 abgetrennten deutschen Landesteils, wie die zeitgenössischen Beobachter stets hervorhoben. Man interpretierte die Rückkehr des Saarlandes als Vorspiel zur Überwindung der deutschen Teilung. Außenminister von Brentano sah darin "ein erstes und echtes Stück Wiedervereinigung". Und Bundeskanzler Adenauer nannte den 1. Janaur 1957 ein "Tag der Freude auch für die Menschen in der Sowjetzone, die daraus Vertrauen für eine Regelung im Osten schöpfen" würden. +++