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Dichtung, Lügen und Geheimnisse

Nüchterne Bilanz eines Falles: Hermlins Biographie muß neu geschrieben werden

C. Geißler und R. Koberg

Zum "Fall Hermlin" wurde überraschend schnell alles gesagt. Ein Schriftsteller läßt, vornehm ausgedrückt, die falsche Lesart seiner Bücher zu; ein Journalist klärt die Sache durchaus investigativ auf; der Schriftsteller korrigiert daraufhin das Bild, das Fachwelt und Leser von seinem Leben haben. Aus. Punkt.

Wenn im November die vollständige Recherche Corinos als Buch erscheint ("Außen Marmor, innen Gips"), wird die Diskussion vielleicht noch einmal kurz aufflackern. Doch es ist anzunehmen, daß der Autor bereits die wesentlichen Fakten des Manuskripts für sein "Dossier" in der "Zeit" ausgewählt hatte.

Karl Corino hat seine journalistische Arbeit gut gemacht, zumal: Wer weiß, ob jemals einer sie gemacht hätte? Und Stephan Hermlin hat im aktuellen "Spiegel" mit geradezu aristokratischer Noblesse die Irrtümer seiner Biographen und Klappentexter eingeräumt; im berühmten Fragebogen der Alliierten habe er 1946 eine "wahre Lüge" gebraucht und behauptet, er sei im KZ Sachsenhausen gewesen, an anderer Stelle sich schlicht in der Jahreszahl geirrt.

Mit diesen Erkenntnissen ist für die Literaturwissenschaft einiges gewonnen, insoweit sie es für sinnvoll hält, das Biographische miteinzubeziehen (und sei es nur um zu zeigen, zu welchen Listen und Tücken raffinierte Ich-Literatur fähig ist). Dieser Vorgang ist das allein Interessante und wird im Gedächtnis bleiben.

An einem Strang

Wohl kann man Karl Corino vorwerfen, er würde ein verkürztes Bild von Hermlin verbreiten, wenn er nur dessen frühe Lebensjahre seiner Betrachtung unterzieht. Corino sagt, er hätte ja gar nicht versucht, eine Gesamtdarstellung dieses Mannes zu liefern. Im übrigen würde auch Joachim Walthers Buch "Sicherungsbereich Literatur" Stephan Hermlin nicht nur als "Lichtgestalt" zeigen (wie sein früherer Verleger Elmar Faber meint), sondern als Kulturdiplomaten der DDR, der es auf internationalem Parkett vermied, die Frage der Menschenrechte zu diskutieren.

Allerdings hat Hermlin innerhalb seines Staates versucht, unterdrückten Autoren zu helfen. Karl Corino sagt sogar, daß sie beide damals häufig am gleichen Strang zogen. So habe er etwa versucht, den im Osten ungeliebten Dichter Wolfgang Hilbig in der Bundesrepublik zu Büchern und Ansehen zu verhelfen, während Hermlin sich in der DDR für dessen Werk eingesetzt habe.

Selbstauskünfte hat Hermlin auch früher nicht so strikt verweigert, wie jetzt behauptet wird. Die Lyrikerin Ulla Hahn konfrontierte ihn in einem 1980 veröffentlichten Gespräch damit, er habe 1949 behauptet, der russische Dichter Ossip Mandelstam sei nicht von Stalinisten im Lager zu Tode gequält worden, sondern eines natürlichen Todes gestorben. Hermlin äußerte beschämt: "Ich könnte mich darauf hinauszureden versuchen, daß ich schlecht informiert war. Aber ich war schlecht informiert, weil ich nicht wirklich informiert sein wollte." Und er setzte hinzu: "Später erst begriff ich, daß die ,gute Sache` nur zu verteidigen war, wenn man ihre Fehler, ihre Irrtümer, ihre Untaten beim Namen nannte."

Schwachsinn! Skandal!

Statt daß sich anhand des neuen Falles eine Diskussion über den Zusammenhang von Literatur und Biographie entsponnen hätte, werden nun (von den Hermlin-Freunden) die Biermann-Petition und (von den Gegnern) die Stalin-Gedichte gegeneinander aufgerechnet. Das Deuteln, das Motive-Kramen, das schnelle In-Schutz-Nehmen und das pampige Verdammen, das Corinos Text ausgelöst hat, wird schnell vergessen sein. Zu welch großen Worten haben sich manche hinreißen lassen: "Schwachsinn!" sagte Hermlins Verleger Klaus Wagenbach über Corinos Entdeckungen. Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums (Ost), Dieter Schlenstedt, sprach von "Verleumdungen". Hermlin-Biographin Silvia Schlenstedt schließlich erkannte in Corinos Aufsatz lediglich den "Versuch, einen Mann mit großem Ansehen zu demolieren." Jetzt, wo Hermlin die Recherche Corinos bestätigt, hört sich das reichlich unangemessen an.

Stephan Hermlins Biographie muß neu geschrieben werden. Das ist, nüchtern gesehen, das Ergebnis der Debatte. Aber Nüchternheit ist nicht das, was dem Publikum dieses Schaukampfes Spaß macht. Der Kabarett-Autor Peter Ensikat schreit im "Tagesspiegel": "Der Skandal in diesem Fall heißt Corino." Und wir brauchen in derselben Zeitung nur ein paar Seiten nach hinten zu blättern, da lesen wir das Wort schon wieder, freilich unter gegensätzlichen Vorzeichen: Diesmal ist der "Skandal", daß Hermlin bis heute "ein zutiefst totalitärer Geist" geblieben sei.

Die Affaire zeigt, zu welcher Hysterie die Beteiligten fähig sind, wenn - gerade im zeitlichen Umfeld des Walther-Buchs - Lügen und Geheimnisse der letzten verbliebenen "Identifikationsfiguren" offenbar werden. Denn so wenig Hermlins Verteidiger von der Richtigkeit der Nachprüfungen Corinos überzeugt sein wollten, so sehr fühlen sich seine Gegner nun bemüßigt, alles in den Hermlin-Topf zu werfen, was nur irgendwie mit Ost und West zu tun hat. In der Aufregung vermeldet Johano Strasser, Generalsekretär des West-PEN, er könne "sich vorstellen, daß Hermlin sein Amt als Vizepräsident des Internationalen PEN zurücklegt". Sofort holte sein Amtskollege vom Ost-PEN zum Gegenschlag aus: Corino würde "zur Hatz blasen", Strasser selbst die Richtung weisen, "in die die Meute laufen soll".

Das ist die Hysterie, die auf dem Schrecken beruht, daß am Ende die Wahrheit doch immer ans Licht kommt. +++