Besessen von einem Thema schreibt Georges-Arthur Goldschmidt in seinen Romanen und Erzählungen im Grunde einen einzigen Text fort. Alle seine Bücher erzählen die Geschichte eines Jungen jüdischer Herkunft, dessen behütete Welt von einem auf den anderen Tag aufhörte zu existieren, und der als Kind lernen mußte, daß für ihn kein Platz mehr war im Deutschland der Nationalsozialisten. Im Alter von zehn Jahren mußte er sein Elternhaus bei Hamburg verlassen und gelangte über Italien nach Frankreich.
Flucht und Versteck
Während der letzte auf deutsch geschriebene Roman Goldschmidts, "Die Absonderung", sich auf die Zeitspanne konzentrierte, in der der Junge aus Reinbek in einem Internat im Arve-Tal versteckt lebte, beschreibt der nun erscheinende Roman "Die Aussetzung" die Flucht aus der Schule zu einem Bergbauern und - nachdem die Beherbergung seines heimlichen Gastes zu gefährlich wurde - das Versteck bei einem Mitglied der Resistance bis zur Befreiung Frankreichs durch die Alliierten.
Doch was Goldschmidt als Autor interessiert, sind nicht die verschiedenen Welten, in die es den Jugendlichen treibt, nicht Menschen und Dinge, denen er begegnet. Die prägende Erzählhaltung dieser Prosa ist eine geradezu exzentrische, eine monströse Selbstschau, in der das Außen ganz nach Innen gekehrt und dem Selbsthaß einverleibt wird.
Wie ein Besessener horcht dieser vollkommen einsame Junge in sich hinein, um aus sich selbst Erklärungen für das ihm Nichterklärbare herauszuschneiden. In seiner Art steter, schmerzhafter Selbstsezierung, die in einen Kreislauf von Selbstbezichtigungen mündet, weist er sich die Schuld zu an dem, was mit ihm geschieht. Denn nur wenn er selbst schuldig ist, haben seine "Absonderung" und seine "Aussetzung", seine Isolation und Verfolgung einen Sinn. Christlich erzogen rückt der jüdische Junge, der nichts weiß vom Judentum, die Welt in die ihm vermittelte Ordnung, indem er sein "Judesein" in die protestantischen Muster der Sinnen- und Körperfeindlichkeit faßt: Das Jüdische ist das Verbotene, das Fremde, und fremd und verboten ist zuallererst der eigene Körper. So wird ihm die Jagd, die Deutsche im besetzten Frankreich auf versteckte Juden machen, zur persönlichen Strafe für begangene Sünden.
In der Erinnerung des Sechzehnjährigen werden die Exerzitien körperlicher Unterwerfung wieder lebendig, die mundfertige Geschicklichkeit des dienstbaren Knaben, die masochistische Lust und Qual, die in früheren Romanen des Autors die zentrale Erfahrung waren. Die Angst vor den Schlägen aber ist nun Sehnsucht, denn an die Stelle dieser "kleinen", faßbaren Angst, die sich gleichsam an einem Punkt im Körper zusammenzieht, ist nun die große, umfassende und unfaßbare getreten - die Angst, aufgespürt, vernichtet, einfach "weggeschaufelt" zu werden.
Und noch in anderer Hinsicht erscheint Goldschmidts Erzähler die grausame Internatszeit als Trost und Schutz. Denn die Erinnerung daran schiebt sich zwischen die Gegenwart und eine Vergangenheit, die es mit aller Gewalt wegzustemmen gilt, um in diesem Leben auf der Flucht, das alle Sinne fordert, bei Sinnen zu bleiben. Dieser innere Kampf mit den Erinnerungen an Zuhause, den Vater, das Haus, den Garten, ist vielleicht das Bewegendste an diesem Roman. Wo die Bilder dieser zerstörten Welt, ihr Licht, ihre Farben und Gerüche, sich nicht mehr abdrängen lassen, da läßt der Erzähler sich selbst verschwinden. Er, der in seiner qualvollen Selbstbetrachtung nur in der "Ich"-Form spricht, erzählt nun davon, wie man in der Weihnachtszeit das Scharren der Füße auf den großen Fliesen der Küche hörte, wie man dann die Weihnachtssterne ausstechen durfte; davon, wie man sich an die Seidenpapiergeräusche und das leise Klicken der Eisenbahnwagen am Heiligabend erinnert.
Schutz in Frankreich
Daß diese Welt zu Hause unwiederbringlich verloren ist, spiegelt sich noch in den vorsichtigen Hoffnungen des Jungen, die sich nach der Befreiung Frankreichs regen. Sie speisen sich aus fremden Empfindungen, aus dem, was andere erzählt oder aufgezeichnet haben. So entstehen vor dem inneren Auge des Flüchtlings, dem Frankreich Schutz bot und der von diesem Land doch nur den winzigen Fleck seines Verstecks in den Bergen kennt, die Straßen und Parks von Paris, seine Häuser und Plätze. Und mit diesen Bildern verbindet sich zunächst ganz zaghaft ein Gefühl, das das Ende der Flucht als Lebensform bedeutet: daß es auch für ihn, den jungen Deutschen jüdischer Herkunft, eine Zukunft geben kann - nicht in Deutschland, aber in Frankreich, vielleicht.
Georges-Arthur Goldschmidt: Die Aussetzung. Roman. Ammann-Verlag, Zürich 1996. 200 Seiten, 36 Mark. Das Buch kommt in der nächsten Woche in die Buchhandlungen.
Georges-Arthur Goldschmidt stellt seinen neuen Roman heute im Literarischen Colloquium vor. (Nähe S-Bhf. Wannsee, Am Sandwerder 5, Beginn 20 Uhr) +++