In seinem neuen Roman führt uns Gerhard Köpf in das Land, in dem das Erzählen noch geholfen hat. Der kindliche Ich-Erzähler fährt mit seinem Onkel Nurmi nach Finnland zum Forellenfischen. Der Onkel ist ein kauziger, bärbeißiger Junggeselle, der viel von der Welt gesehen hat, eine große Liebesenttäuschung wie ein Schwergewicht mit sich herumschleppt und ansonsten zu jeder Lebenslage den passenden Spruch parat hat: "Der Volvo führte uns durch endlose Birkenwälder. Ich aber konnte meinen Blick nicht vom Gesicht meines Onkels wenden, der das Steuerrad hielt wie ein Weltenlenker. Um zu begreifen, was eine Landschaft ist, braucht man ein Gesicht wie eine Landschaft. Den wenigsten Menschen ist dieses große Glück beschieden. Ihre Gesichter bleiben entweder leer wie eine Wüste oder glatt wie ein Kinderarsch."
Zu den Eigenheiten des Onkels gehört es, nur Nebenstraßen zu benutzen. Also fahren sie, und Nurmi erzählt und erzählt; bis sie schließlich in einem Straßengraben landen und von der Polizei aufgegriffen werden. Zeit- und raumvergessen waren sie am Polarkreis gelandet, tausend Kilometer von ihrem anvisierten Ziel entfernt.
Liebeserklärung
Der Roman ist eine einzige lange Liebeserklärung an den Onkel. Das Besondere an Nurmis Geschichten ist, daß sie dem Kind in plakativen Bildern einerseits die Rätsel der Welt erklären, andererseits selbst räselhaft bleiben. Jede Geschichte demonstriert, daß man zwar Antworten geben kann, daß die Fragen des Lebens aber immer größer bleiben. Die unausgesprochene These lautet: Vom Eigentlichen kann man nicht erzählen. Und deshalb bleibt der Onkel selbst, trotz oder gerade weil er so viel auch von sich berichtet, dem Jungen bis zum Schluß undurchschaubar.
Köpf beweist seine Liebe, indem er sich der Art Nurmis chamäleonhaft angleicht. Er erzählt altmodisch ruhig, gewissermaßen mit Hut. Detailliert werden Kleidung und die kleinen Schrullen beleuchtet, wird die Oberfläche in Zeitlupe abgefahren. Gleichzeitig beschreibt Köpf den Onkel, wie dieser die Welt, mit einer verwunderten Distanz. Wir erfahren alles über Nurmis Karriere als Langstreckenläufer, seine Art, mit unliebsamen Kellnern umzugehen, und schließlich auch den Grund seiner emotionalen Zurückgezogenheit. Während der NS-Zeit warf sich seine große Liebe, eine karrieresüchtige, lebenslustige Frau, einem SS-Sturmbannführer an den Hals und wurde später als "Hexe von Buchenwald" bekannt, die sich aus Langeweile Lampen aus Haut und menschlichen Knochen anfertigen ließ. Die Erschütterung Nurmis war eine doppelte: Ihn traf nicht nur der Schmerz einer kaum vorstellbaren menschlichen Enttäuschung. Er hatte auch der Liebe ins grausam paradoxe Anlitz geblickt. Wie hatte er sich diesem Monster bedingungslos öffnen können?
Ein subtiles Buch
Das Kunststück dieses literarischen Porträts besteht darin, daß Köpf vom Schmerz und den verborgenen Ängsten Nurmis nie direkt spricht, sondern sie über die Eigenarten und lustig-resignierten Anekdoten sprechen läßt. Nurmi braucht gar nicht vor den Gefahren der Liebe zu warnen. Seine laute Art, in der er die Männerfreundschaft besingt, verrät genug. Kein spektakuläres und mitreißendes, dafür ein leises, bescheidenes und subtiles Buch, bei dem man sich manchmal wünscht, daß der Junge dem Onkel mehr als nur bewundernde Liebe entgegenbringt.
Gerhard Köpf. Nurmi oder die Reise zu den Forellen. Roman. Luchterhand Verlag 1996, 182 Seiten, 32 Mark. +++