An dem Mann kommt zur Zeit keiner vorbei. Ob Bravo, Amica oder TV-Today - er lächelt von allen Titelseiten. 6O Prozent der deutschen Frauen hätten ihn gern in ihrem Bett, glaubt man der Yellow Press. Tom Cruise, Held von Filmen wie "Top Gun" und "Die Firma", ist nicht nur der Superstar am Himmel von Hollywood - er ist das Sex-Symbol der 90er Jahre. Und dazu ein wahres Vorbild für die Jugend: Er trinkt nicht, raucht nicht und liebt seine Frau, die Schauspielerin Nicole Kidman. Kürzlich adoptierte das Paar sogar zwei Kinder. Das Bild ging um die Welt: Tom Cruise mit Rollschuhen und Kinderwagen.
Doch das Märchen aus Hollywood hat einen Makel: Cruise und Kidman sind bekennende Mitglieder von Scientology - einer Organisation, die laut deutscher lnnenministerkonferenz "unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschaftskriminalität und des Psychoterrors vereint". Die Junge Union forderte jetzt zum Boykott des Cruise-Thrillers "Mission: Impossible" auf, der morgen in die hiesigen Kinos kommt. Keine Frage, der Schauspieler ist das wichtigste Aushängeschild der Sekte, die in Hollywood heute so regiert, wie man es früher der Mafia nachsagte. Doch Aussagen, die der Berliner Zeitung vorliegen, zeigen: Der Liebling deutscher Frauen hat offenbar direkt von der Ausbeutung der Scientology-Jünger profitiert.
Zwangsarbeit für Tom
Wie sehr der Schauspieler in die Machenschaften der Sekte verstrickt ist, enthüllte deren langjähriger Sicherheitschef Andre Tabayoyon 1994 in einem Gerichtsverfahren, das Scientology in Los Angeles gegen ein Ex-Mitglied angestrengt hatte. Tabayoyons eidliche Zeugenaussage, bisher in Deutschland nicht publiziert, läßt Tom Cruise in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Laut Tabayoyon verbringt der Star viel Zeit in Gilman Hot Springs, einer Scientology-Basis in der kalifornischen Wüste. Dieses Camp dient der Organisation auch als Straflager, wie der ehemalige Top-Scientologe Robert Vaughn Young aus Seattle bestätigt. Ex-Sicherheitsmann Tabayoyon erklärte vor Gericht, die Basis sei mit automatischen Waffen und sogar Sprengstoff für den Fall gesichert, daß das FBl sie wie die Ranch der Davidianer-Sekte in Waco stürmen sollte. Bodensensoren melden jeden, der sich unbefugt nähert.
Wie Andre Tabayoyon ausführt, wurde Tom Cruise bei seinen Besuchen in dem Camp von einem persönlichen Küchenchef betreut. Dort sei extra für Cruise eine Luxusvilla errichtet worden; zur Verfügung stünden ihm zudem ein Schwimmbad "von olympischen Ausmaßen" sowie Bar und "Offizierssalon" in einem Schiff, das Scientology einst für ihren Gründer L. Ron Hubbard (1911-1986) in der Wüste bauen ließ.
Außer dem Schauspieler, so Tabayoyon, dürfe das "Schiff" nur der Scientology-Boß David Miscavige betreten, den Tom Cruise in einem Interview "meinen guten Freund" nannte. Miscavige, der stets eine Marineuniform trägt und wie ein Diktator über sein Fußvolk herrscht, habe dem Star auch ein eigenes Kino eingerichtet - für Premierenfilme, die dem Schauspieler "von seinen Bekannten in der Filmindustrie zur Verfügung gestellt wurden".
Überdies habe ihm "Freund" Miscavige noch eine 150 000 Dollar teure Turnhalle spendiert; schließlich sei ein Tennisplatz für 200 000 Dollar ausschließlich für Tom Cruise und weitere Scientology-Berühmtheiten angelegt worden. Die Gelder stammten aus vorgeblich gemeinnützigen Organisationen der Sekte, und die Bauten hätten Scientology-Gefangene errichtet. Tabayoyon spricht von "Zwangsarbeit zugunsten von Tom Cruise" und bezeichnet das Camp als "Gulag" für Sektenjünger, die wegen angeblicher Vergehen intern zu absurden Strafen verurteilt wurden.
Wenn der Weltstar Gilman Hot Springs besucht habe, habe er sich dort wie eine Diva aufgeführt, so Tabayoyon. Der Aussteiger bezeugt: "Wir mußten einmal einen Betonweg gießen, damit Tom Cruise nicht auf Wüstenboden gehen mußte."
In einem Interview, das ein Jahr vor Tabayoyons Aussagen erschien, erwähnte Tom Cruise lediglich kurze Aufenthalte in Gilman Hot Springs, nie jedoch "zur Erholung". Die Aussagen des ehemaligen Sicherheitschefs werden aber durch Recherchen der US-Zeitschrift "Premiere" gestützt. Danach ließ der Star beispielsweise den Produzenten Brian Gazer und den Drehbuchautor Bob Dolman per Helikopter in die Wüstenbasis fliegen, um Details eines Filmskripts zu besprechen; David Miscavige persönlich begrüßte die Gäste.
Berichte über enge Kontakte des Mimen mit der Sekte machen schon seit Ende der 80er Jahre die Runde. 1993 schrieb "Premiere", Cruise achte darauf, daß auf seinen Sets vor allem Scientology-Firmen beschäftigt würden. Seit etwa 1990 zeigte er sich auch öffentlich mit dem Sektenchef David Miscavige, der ihn sogar bei der Oscar-Verleihungsfeier 1992 begleitete.
Karriere mit Auditing
Auf Fragen nach seiner Scientology-Mitgliedschaft erklärt Tom Cruise, durch Scientology habe er beispielsweise seine Lernschwäche überwunden; und er behauptet stereotyp: "Meine Religion ist meine Privatsache." Doch die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta ist anderer Ansicht: "Sein Verhalten macht die Privatsache zur öffentlichen Angelegenheit - mit seiner Prominenz wirbt er für dieses menschenverachtende System."
Tom Cruise ist der bekannteste Scientologe in Hollywood, aber nicht der einzige. Bereits Sektengründer Hubbard setzte auf Werbung durch Prominente - schließlich verbindet niemand sympathische Stars mit Gehirnwäsche. Im Gegenteil: Sie dienen scheinbar als Beweis, daß "Scientology funktioniert". In den vergangenen Jahren rekrutierte die Organisation unter anderen John Travolta, Priscilla Presley, Lisa Marie Presley, Shirley MacLaine, Kirstie Alley, Linda Blair ("Der Exorzist") und Juliette Lewis ("Natural Born KilIers"), dazu Dutzende weniger bekannte Schauspieler, Regisseure und Autoren. Denn wer zum scientologischen "Auditing" geht - den horrend teuren Psychokursen -, der kommt offenbar problemlos auf die Besetzungslisten.
Unbegrenzte Macht
"Es war direkt nach dem Auditing, daß ich die Rolle in ,Eine verhängnisvolle Affäre` bekam", schwärmt beispielsweise die Hollywood-Aktrice Anne Archer. Dreh- und Angelpunkt der wundersamen Arbeitsbeschaffung ist das Celebrity Center (Prominentenzentrum) in der Franklin Avenue von Hollywood, wo die Sekten-V.I.P.s wie Könige hofiert werden. Das schloßähnliche Anwesen mit luxuriösen Suiten und Edelrestaurant fungiert als Kontaktbörse. Viele Filmschauspieler fühlen sich bekanntlich einsam, leiden unter SelbstzweifeIn und dem enormen Konkurrenzdruck. Scientology garantiert ihnen Erfolg, eine Lobby für die Karriere und regelmäßige Seelenmassage.
Umgekehrt bringen die Leinwandgrößen dicke Bankkonten und vor allem ihre Beliebtheit mit. Außerdem revanchieren sie sich für die erhaltene Protektion. Kirstie Alley etwa ist Sprecherin der Scientology-Tarnorganisation Narconon International; und aus den Einnahmen des mit vielen Scientologen besetzten Films "Guck mal, wer da spricht" flossen 100 000 Dollar als Spende an Narconon. "Pure Hubbard-ldeologie", bewertet die Hamburger Expertin Ursula Caberta den Streifen.
Die Macht der Sekte reicht inzwischen weit über das Celebrity Center hinaus. Wer in Hollywood gegen Scientology aufmuckt, muß damit rechnen, bespitzelt und von Sektenjüngern bedrängt zu werden. Wie Premiere enthüllte, führt die Sekte sogar eine Rekrutierungsliste mit den Namen prominenter Schauspieler und zahlt hohe Prämien für jeden eingefangenen Mimen. Tom Cruise zum Beispiel wurde Mitglied, nachdem er die Scientologin Mimi Rogers geheiratet hatte, seine erste Frau.
Doch anders als etwa Sharon Stone, die Scientology nur als Zwischenspiel betrachtete, ist der Superstar offenbar voll eingestiegen. Er folgt also der paranoiden Ideologie einer Organisation, die sich von Feinden ("Unterdrückern") umstellt sieht und die gesamte Welt in ihrem Sinne "klären" will. Tom Cruise hat nach Angaben von Andre Tabayoyon bereits den Erleuchtungsgrad eines "Operierenden Thetan" der Stufe 3 erreicht. Damit ist er angeblich "Herrscher über Raum, Zeit, Materie und Energie", ein Superheld also, wie auch in "Mission: Impossible". Mehr noch: Der Schauspieler habe sich, so Tabayoyon, im Wüstencamp sogar an Verhören anderer Scientology-Mitglieder beteiligt. Vielleicht reizt ihn das Gefühl unbegrenzter Macht, wie sie Miscavige ausübt, übrigens ein ebenso kleiner Mann wie Cruise.
Doch wehe, wenn der Star irgendwann nicht mehr "richtig" funktioniert! Laut Andre Tabayoyon besitzt Scientology eine brisante Akte über Tom Cruise mit intimen Auskünften aus Auditing-Sitzungen. Der ehemalige Sicherheitschef meint, die Sekte sammle diese Informationen, "damit sie in der Lage ist, Personen wie Tom Cruise oder John Travolta zu lenken und zu beeinflussen, sollten sie je versuchen, die Scientology-Organisation zu verlassen". +++