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Gefangen im Netz der eigenen Gefühle

Steffi Graf und die psychologischen Konsequenzen einer großen Karriere

Reinhold Schnupp

Es war ihr erster Auftritt in Berlin, als Steffi Graf am Dienstag als "Weltsportlerin '95" ausgezeichnet wurde und ob dieser Ehrung in Tränen ausbrach. Eine symptomatische Szene - die früher als so kühl und emotionslos geltende Tennis-Königin leidet heute härter denn je an den psychischen Konsequenzen ihrer Karriere.

Es ist keine unbedingt neue Idee, aber als Gerücht hat die Meldung eine lange Halbwertzeit. Steffi Graf plant ihren Abschied. Nicht vom Tennis, aber immerhin doch aus Deutschland. Sie hat die Nase voll von neugierigen Mitmenschen, die sich mehr für ihr Privatleben interessieren als für ihre sportlichen Erfolge.

So würde der Zweit- zum Erstwohnsitz. Boca Raton in Florida statt Brühl, anstelle von Fragen nach ihrem Freund oder dem Herrn Papa Interesse an Vor- und Rückhand. Für sie wäre das die Erfüllung eines Traumes.

Früher ging es um Alexander Mronz, Trainingspartner und wahrscheinlich auch ein bißchen mehr. Dann lautete das Thema Nicole Meisner - ein Seitensprung des Vaters mit anschließender Erpressung. Heute geht es um die Steueraffäre.

Ihr Innerstes hütet die Weltranglisten-Erste nach außen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Mal ist sie abweisend, mal freundlich, aber doch stets angespannt. Und dann sind da die Tränen, die sie in Momenten vergießt, "in denen ich eigentlich lachen sollte".

Die zerrissene Situation der Familie ist allgegenwärtig. Aber auch sportlich ist der Druck enorm, Tendenz steigend. In Rom verlor sie gegen die 15jährige Martina Hingis. Nüchtern betrachtet das zweite Spiel auf Sand '96. Da kann man schon mal patzen.

Aber vor zehn Jahren, fast auf den Tag genau, verlor die Weltranglisten-Erste Martina Navratilova gegen ein junges Mädchen. Es war 16 Jahre alt, hieß Steffi Graf, verdrängte Martina alsbald von der Nummer eins. Die Parallele ist beängstigend, vor allem aus Sicht Steffi Grafs.

Inzwischen kommen schon mal Fragen nach dem Leben ohne Tennis. Das ist in etwa so, als wenn man einen Endfünfziger nach seinen Plänen als Pensionär befragt. Steffi aber ist erst 26 und sagt: "Ich lebe von Woche zu Woche." Gedanken an die Zukunft werfen dunkle Schatten.

Geht es um die Seele von Profispielerinnen, ist Diplompsychologe Roland Carlstedt die Instanz im Tennis. Der Experte, auf vielen Centre Courts der Welt zu Hause und oft konsultiert, sagt: "Tennis ist für Steffi Graf Kompensation für ihre privaten Probleme." Das Karriereende würde den seelischen Streß nur verschärfen. "Sie würde zugrunde gehen", glaubt der Psychologe.

So bleibt der Tennisplatz Flucht- und Mittelpunkt im Leben der Steffi Graf. Dort kann sie das tun, was sie am besten kann, auch wenn sie nie den Eindruck erweckt, ihr Job würde ihr Spaß machen. "Ich soll gut Tennis spielen und dabei auch noch freundlich gucken?" hat sie einmal schnippisch auf die Frage entgegnet, warum sie immer so finster dreinschaue.

Steffi Graf spielt nicht Tennis, um einfach nur Freude zu haben oder eine bestimmte Position in der Weltrangliste zu verteidigen. Auch bei Gegnerinnen aus dem Niemandsland der Weltrangliste bestimmt der Wille ihre Haltung. Mithin: Der Weg ist das Ziel.

Steffi Graf strebt perfektes Tennis an. Spaß als Dessert steht dabei nicht auf dem Menüplan. So ist sie auch dort, wo sie sich am liebsten aufhält, gefangen im Netz ihrer eigenen Ansprüche und Gefühle.

Dabei sind ihrer sportlichen Entwicklung Grenzen gesetzt. "Technisch", sagt ihr Trainer Heinz Günthardt, "ist sie in den letzten Jahren besser geworden, physisch eher schlechter." Ursache sind ihre steten Rückenprobleme, jener Bereich also, der auch gern auf Streß anspricht und Verspannungen auslöst.

In den zurückliegenden 24 Monaten ist viel geschehen. In ihrem Gesicht kann man die Spuren der Vergangenheit lesen. Ihre Augen ziehen sich oft zu schmalen Schlitzen zusammen, sie ist auf der Lauer. Vorsorglich geht sie schon mal in Deckung, falls ihr wieder s o eine Frage gestellt wird, die sie in die Tiefe reißen könnte.

Die Rede ist davon, daß Tennis nicht nur Berufung, sondern ganz plötzlich auch wieder Beruf ist, dazu bestimmt, Geld zu verdienen. Eine ganz neue Situation für eine Frau, für die seit ihrem 16. Lebensjahr Geld nie zu den existentiellen Fragen des Lebens gehörte.

Zweistellige Millionenbeträge wird sie ans Finanzamt abführen müssen. Das schüttelt auch Steffi Graf nicht aus der Tasche. Ein beträchtlicher Teil des erspielten Vermögens ist immer noch verschwunden. Eine Frau, die ihre Jugend im - wahrscheinlich unterbewußten - Gefühl des unbegrenzten Reichtums durchlebt und erlebt hat, muß sich plötzlich mit Grenzen und Begrenzungen auseinandersetzen; muß den Umgang mit Geld erlernen - früher hat der Vater alles erledigt. Auch das setzt Ängste frei, ruft Beklemmungen hervor.

Stefanie Maria Graf hat man nie bei einem Schlag stöhnen hören wie Anke Huber, schon gar nicht quieken wie Monica Seles. Nur ja nie Gefühle zeigen, das gehört zu ihrem Abschottungsprogramm. Der Satz: "Ich hatte eine Portion Angst, in Berlin zu spielen", kommt einer gefühlsmäßigen Explosion gleich.

In den Gebäuden der Anlage von Rot-Weiß hängen Bilder als Zeugen ihrer Erfolge in Berlin. Ein junges Mädchen ist darauf zu sehen. Entschlossen, schon damals, nur die Haare wirken wuselig. Man guckt ein wenig ungläubig, wenn man in die Vergangenheit blickt und das Gesicht der Gegenwart betrachtet. Die Konturen sind schärfer geworden. Und das liegt keineswegs nur an der veränderten Frisur. +++