Textarchiv

Es geht um Qualität, nicht um Trends

Interview mit Albert Mangelsdorff, neuer Chef vom JazzFest Berlin

Philip Lukas

Unerwartet trat im Vorjahr George Gruntz als Künstlerischer Leiter des JazzFestes Berlin zurück. Als sein Nachfolger wurde der Frankfurter Posaunist Albert Mangelsdorff vorgestellt. Der 67jährige hat weltweit zahllose Festivals erlebt, aber stets nur als Musiker auf der Bühne. Über seinen Wechsel hinter die Bühne als Leiter des JazzFestes sprach unser Mitarbeiter Philip Lukas mit Albert Mangelsdorff.

Berliner Zeitung: Herr Mangelsdorff, es ist bekannt, daß Sie gezögert haben, das Amt des Künstlerischen Leiters anzutreten; haben Ängste vor der Übernahme von Verantwortung eine Rolle gespielt?

Albert Mangelsdorff: Am Anfang waren schon Ängste da, aber ich bin sehr herzlich aufgenommen worden und habe großartige Unterstützung erfahren seitens der Berliner Festspiele, für die ich sehr dankbar bin. Mein Zögern lag daran, daß ich befürchtete, es könnte mir an Zeit fehlen bei meiner musikalischen Arbeit. Ich hatte deshalb zunächst abgesagt, mich dann aber doch überzeugen lassen, daß es gehen wird.

Wie bringen Sie denn Ihre ausgedehnte Tätigkeit als Musiker und Ihr neues, gewiß zeitaufwendiges Amt unter einen Hut?

Bislang war das Amt nicht hinderlich bei meiner Arbeit. Ich arbeite noch genausoviel wie vorher, gebe Konzerte und bin fleißig, was das Üben und Schreiben anbelangt. Ich sitze natürlich mehr am Schreibtisch als früher. Mittlerweile bin ich stolz und froh, daß man mir dieses Amt angetragen hat.

Die Berliner Festspiele, die ARD und zwei Sponsoren finanzieren einen Festivaletat von 1 Million Mark. Inwieweit versuchen die Geldgeber nach Ihren Erfahrungen, Einfluß auf das Programm zu nehmen?

Kompromisse mußte ich keine eingehen. Mit dem ARD-Gremium gibt es eine harmonische Zusammenarbeit, und die Sponsoren haben hinsichtlich der Musik überhaupt keine Auflagen gemacht. Ich bin im übrigen auch kein Autokrat, mir ist es immer lieber, wenn ich mit Menschen gut auskomme. Natürlich gab es seitens der ARD einige Vorschläge, auf die ich mich einlassen konnte.

Das JazzFest wurde in den letzten Jahren zunehmend kritisiert: zu brav, zu wenig risikofreudig, hieß es. Wie wollen Sie das JazzFest positiv in die Schlagzeilen bringen?

Ich versuche, ein gutes Programm zu machen, und man hätte mich nicht berufen, wenn man nicht wüßte, daß ich einen bestimmten Geschmack habe. Ich bin der Meinung, Qualität ist der Maßstab und nicht unbedingt bestimmte Trends. Ich glaube, ein gutes Programm zusammengestellt zu haben und hoffe, daß mich die Medien nicht allzu streng beurteilen. Ich habe mein Bestes getan, aus Dingen, die ich gehört habe oder die an mich herangetragen wurden, ein attraktives Programm zu machen.

Eine eigene Mangelsdorff-Handschrift vermag ich beim diesjährigen Programm aber nicht zu erkennen.

Ich wüßte nicht, was bei einem Rückblick auf 50 Jahre Jazzgeschichte in Deutschland Mangelsdorff-typisch sein könnte. Jazz in Deutschland, das ist ein Riesenangebot. Ich glaube, daß ich aus diesem Angebot eine gute Auswahl getroffen habe, zumal ich schon immer der Meinung gewesen bin, daß auf dem JazzFest zu wenige deutsche Musiker repräsentiert waren. Das will ich ändern. Das heißt aber nicht, daß das JazzFest kein internationales Festival mehr sein wird.

Bei so einem Rückblick liegt es nahe, große Musiker der Vergangenheit zu präsentieren wie Klaus Doldinger oder Wolfgang Dauner. Fehlen in Ihrem Programm nicht Gegengewichte, junge Talente, von denen man in Zukunft einiges erwarten darf?

Musiker wie Heinz Sauer, Wolfgang Dauner oder Klaus Doldinger gehören unbedingt ins Programm, sie haben übrigens auch noch nie auf dem JazzFest gespielt. In deren Bands spielen junge Musiker wie der Posaunist Stefan Lottermann. Der Trompeter Markus Stockhausen kommt mit einem eigenständigen Projekt, es gibt also einige junge Musiker.

Sie sind ein Jazzmusiker der ersten (Nachkriegs-)Stunde; welche Bedeutung hat Jazz für Sie?

Wer sich schon in der Nazizeit mit Jazz beschäftigt hatte, wartete mit Sehnsucht auf das Ende des braunen Spuks, nicht nur aus politischen Gründen. Jazz war ein Synonym für Freiheit, und letztlich ist das für mich heute noch so, Jazz ist für mich Lebensinhalt.

Er ist heute doch wohl nur noch ein Musikangebot unter vielen anderen.

Ja und nein. Es gibt heute viele Jazzhörer, die nicht unbedingt Jazzfans sind, darunter auch viele junge Leute, die zeitgenössische Musik in einem breiten Spektrum hören. Die Jazzfans wissen um die Rolle des Jazz in der Nazizeit oder in den Rassenauseinandersetzungen in den USA. Für sie ist Jazz eine Musik der Freiheit und der Überwindung von Rassenschranken.

Gibt es überhaupt einen "deutschen" Jazz, wie es das Festivalmotto "Jazz played in Germany" nahelegt?

Einen typisch deutschen Jazz gibt es natürlich nicht, was wäre denn das auch? Jazz ist für mich immer eine Musik von Einzelpersönlichkeiten gewesen, die einen Stil geprägt haben. Und davon haben wir mittlerweile in Europa auch einige, nur werden sie zu selten als solche wahrgenommen, u. a. weil sie kaum auf großen Festivals spielen.

Sie spielen mit Ihrer Band auf Ihrem Festival. Fürchten Sie Vorwürfe?

Wenn wir einen Blick auf 50 Jahre Jazz in Deutschland werfen, dann sollte ich doch wohl kaum fehlen! Hinzu kommt, daß in meiner Band andere wichtige deutsche Musiker spielen wie der Saxophonist Christoph Lauer oder der Bassist Dieter Ilg. +++