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Kultfigur ohne Pose der Verzweiflung

Die Legende Bulat Okudschawa im Hebbel-Theater

Gregor Ziolkowski

Legenden sind schwer zu erklären. Wenn Bulat Okudschawa, ein hagerer alter Mann, auf die Bühne kommt, scheint ihn der herzliche Begrüßungsapplaus (des vorwiegend russischsprachigen Publikums) eher zu stören. Er blinzelt ins Licht, und aus Verlegenheit greift er schnell zum Gitarrenhals. Derart gestützt, schraubt er sogleich die Dimension des Abends im Hebbel-Theater herunter: Dies sei kein Konzert und er schließlich kein Sänger, vielmehr begegne man einander, er und sein Publikum.

Er ist in der Tat kein großer Sänger. Wenn er ein Lied ankündigt, warnt er schon mal sein Publikum, er habe beim Schreiben seine stimmlichen Möglichkeiten außer acht gelassen: "Wenn ich jetzt Schwierigkeiten habe, bleiben Sie tapfer." Und auch das Gitarrenspiel ist alles andere als virtuos, erst die Begleitung am Flügel durch den Sohn Anton macht die Darbietung gefälliger.

Okudschawa, der Erzähler und Dramatiker, vor allem aber der singende Dichter, ist dennoch eine russische Kultfigur. Der in Moskau geborene Sohn eines georgischen Vaters und einer armenischen Mutter gehört jener Generation an, die vom "Tauwetter" nach Stalins Tod wesentlich geprägt wurde. Soviel Wasser aus geschmolzener Starre, so viele enthemmte Tränen - das mußte zu einer Lyrikwelle werden. Einer ihrer Exponenten war Bulat Okudschawa. Ein Intellektueller, aber seelenvoll und volksnah (nicht zufällig taucht immer wieder Puschkin in seinen lyrischen Liedern auf). Ruhm als politischer Dissident beanspruchte er nie und galt trotzdem als solcher. Jede Pose war und ist diesem Mann fremd, und wahrscheinlich macht das - neben der Qualität seiner Texte - seine Popularität aus. Das leise Beharren auf Persönlichkeit, das in Sentiments gegossene Verzagen, verbunden mit einer unaufdringlichen Moral - so wurde er zum subversiven Volksdichter.

Den lebensfernen Losungen setzte er in seinen Texten Gefühle, Liebessehnsucht, Alltagserfahrung oder einfach ein "Ich warte auf bessere Tage" entgegen, und ein breites Publikum erkannte sich wieder, wollte kommunizieren. Neben schillernden Figuren wie Jewgenij Jewtuschenko oder Wladimir Wyssozki wirkt Okudschawa zurückhaltend, geradezu blaß. Und auch hierin liegt eines seiner Geheimnisse: Sein Publikum weiß wohl, daß es die Welt kaum verändern wird. Und daß der hohe Ton der Verzweiflung in den frühen Tod führt. +++