Jörg Schiekes Gedichte sind - um es mit einem Bild zu beschreiben - Einladungen zu einer Bootsfahrt an einem gleißend weißen Sommertag. In einer merkwürdig geladenen Spannung, die keine Erdung findet, scheint das Gefährt lautlos dahinzugleiten. Von einem für einen solchen Sommertag unweigerlich zu erwartenden Unwetter meint man, jeden Moment die ersten Wolken zu sehen. Erhöbe man jedoch den Blick tatsächlich zum Himmel, würde man keinerlei Beweise für ein solches entdecken können. Keinerlei reale Vorgänge wiesen auf seine Existenz. Es bleibt eine Fata Morgana.
Vielleicht ist der Grund für das Entstehen solcher Phantombilder die Angst, die das Anhalten des Atems vor dem Beginn der Unumkehrbarkeit einmal begonnener Vorgänge ist. Denn bräche - um das Bild zu vollenden - das Gewitter einmal aus, ist es ein nicht mehr zu unterbrechender, sondern sich unweigerlich bis zum Ende entladender Prozeß.
Untypische Äußerungen
"Die Rosen zitieren die Adern" ist der erste Gedichtband des 1965 geborenen Jörg Schieke. Die Veröffentlichung eigener Gedichte, also das öffentliche Sprechen vor einem Publikum, mag letztlich Anstoß für ihn gegeben haben, sich am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig zu bewerben, an dem er in diesem Sommer sein Studium aufnahm. Der Band enthält auf den ersten Blick untypische Äußerungen für die moderne urbane Generation der etwa Dreißigjährigen. Den Gedichten ist eher die Atmosphäre eines pastellenen impressionistischen Stillebens aus dem verflossenen Jahrhundert eigen. "Lautlos", "du erlaubst doch", "dürfen" sind wiederholt vom Autor verwendete Worte, die das Verhaltene anzeigen.
Die Gedichte scheinen gängigen Verarbeitungen von Moderne, Großstadt und Chaos entgegenzustehen. Wenn überhaupt, enthalten sie allein das Chaos eines ungestillten, ort- und ziellosen Sehnsuchens. Sie verhalten sich wie ein Oszillograph, der keinen Ausschlag mehr anzeigt, sondern dessen Funktion zur Monotonie eines gleichlautenden Signals geschrumpft ist. Die Aufgabe der Worte besteht darin, diese Stimmung nicht abreißen zu lassen, sie wird in immer neuen Situationen reproduziert.
Jörg Schiekes Gedichte enthalten keine Träume, obwohl der Leser an manchen Stellen vermuten könnte, daß es sich um solcherart Beschreibungen handelte. "Ich werde in zukunft / meine träume notieren das ist kein spleen das ist der morgen / an dem ich mir / einen namen mache unter den andren / patienten mit ihren geregelten / tagesabläufen "
Magie der Ferne
Seine Texte sind im Gegenteil Studien von Gegenständen, Situationen, Begebenheiten aus möglichen Erinnerungen: "wie einst, als wir tanzten, geneigt / waren beinah / miteinander zu tanzen" - in helle, ineinanderfließende Farben übersetzt. Es sind verlorene, aus dem Gedächtnis reproduzierte Leidenschaften, deren Entstehungsorte im dunkeln liegen oder die in Wahrheit nie existierten, nur in der Vorstellung des sich Erinnernwollenden. "Über wasserdampf gehaltene / sätze mit so wunderbar weiche füßen / aus japan. und ich konnte nicht anders, vertauschte marlen / mit marlens zigaretten." Oder, um einen Titel zu zitieren: "Auf der Reise in die Schwebe". So entsteht im Aneinanderreihen von Splittern, die kein vollständiges Bild mehr ergeben, ein filigranes Netz von Imaginationen. Sie lassen vage das Gefühl des Verlustes ahnen. Doch selbst die Herkunft dieses Verlustes scheint sich im Lauf der Texte zu vergessen.
Baudelaire, Lacan und Djuna Barnes, vom Autor als maßgeblich für Einflüsse auf sein Schreiben zitiert, finden in seinen Gedichten ein Echo. Die Faszination des Klanges beispielsweise französischer Titel und Namen - la grande malade, passe, Rene, Lou - verdoppelt (bisweilen vorsätzlich) die Magie der Ferne.
Jörg Schieke: Die Rosen zitieren die Adern. Gedichte. Druckhaus Galrev, Berlin 1995. 64 Seiten, 20 Mark. +++