Textarchiv

Berlins Junge Union in der Krise

Reformer und "Betonköpfe" der CDU-Jugendorganisation streiten um die Macht

Marlies Emmerich

Der Berliner Landesverband der Jungen Union kommt nicht zur Ruhe. Jetzt erklärte der frühere Sprecher der Bundes-JU, Holger Doetsch, seinen Austritt.

Für den 30jährigen Holger Doetsch ist das Maß voll. "Mit solchen Leuten sitze ich nicht in einem Boot", sagt der im Berliner Bezirk Tiergarten ansässige Doetsch.

Wochenlang beobachtete der junge Mann mit wachsendem Ärger die öffentlichen Auseinandersetzungen an der Berliner Führungsspitze der Jungen Union. Der CDU-Sprecher aus Potsdam kann das "nationalistische Getöse" nicht länger ertragen. So wie Doetsch - wenn auch nicht mit letzter Konsequenz - denkt mittlerweile eine Reihe aufstrebender CDU-Kader.

Streit via Medien

Die sogenannten Reformer aus den Bezirken Kreuzberg, Wilmersdorf, Steglitz und Zehlendorf und die "Beton-Fraktion" streiten sich derzeit am liebsten über die Medien mit der sogenannten Beton-Fraktion - und umgekehrt.

Angefangen hatte der Streit mit einem häßlichen Wort. "Kein Juden-Denkmal am Potsdamer Platz" lautete Mitte Februar eine Erklärung der jungen CDU-Truppe, die Landesgeschäftsführer Thorsten Dorn veröffentlichte. CDU-Generalsekretär Dieter Ernst reagierte prompt und nannte die Überschrift "völlig daneben". Die Führungscrew um Dorn ließ sich davon nicht stören. Sie distanzierte sich zwar von der umstrittenen Formulierung, lehnt das Denkmal aber weiterhin ab und fordert Geld für "sinnvollere Dinge". Ausschluß- und Mißtrauensanträge gegen Dorn werden einmütig zurückgewiesen.

Als dann der Charlottenburger Tim Warenholz das Gedenken zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mit "Auschwitz-Festwochen" vergleicht, manövrierte die Junge Union die Mutterpartei in eine unangenehme Lage. "Wort-, schrift- und sprachlos" bezeichnet SPD-Landesgeschäftsführer Rudolf Hartung den bisher schweigenden CDU-Landesvorsitzenden Eberhard Diepgen. "Was ich gern sehen würde, wäre, wenn Diepgen sich äußerte", so das Kreuzberger JU-Mitglied Stefan Titze.

"Ich frage mich, was daran antisemitisch ist, wenn man sagt, daß man Geld lieber für aktive Geschichtsaufarbeitung verwenden will als für ein monumentales Mahnmal", wundert sich ungerührt der stellvertretende JU-Landesvorsitzende Kai Wegner. Er könne sich vorstellen, daß sehr viele Menschen sagen "Wegen denen hier (den Holocaust-Opfern, die Red.) steht so ein Bau." "Wollen wir das wirklich" fragt Wegner in dem Schreiben mit dem Titel "Holocaust-Gedänkstätte". Eine Kopie schickte er gleich "zur Kenntnis" an Bundeskanzler Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Peter Hintze und alle Berliner CDU-Bundestagsabgeordneten. Ob diese das oder etwas anderes möchten, weiß keiner.

Anonymes Papier

Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien (CDU) teilte bereits im vergangenen Jahr den "Reformern" Sven Wesely, Marcus Müller, Herwig Heegewaldt, Michael Hahn und Stefan Titze mit, die Auseinandersetzung um rechte Tendenzen "in Ihrem Kreis zu führen und dabei in der Tat ohne Ausgrenzung Spaltungstendenzen in der Jungen Union entgegenzutreten".

"Kein Mensch weiß, woher das kommt", sagt unterdessen der Pankower Kreisvorsitzende Stefan Genutt zu einem anonymen Papier. Der Kreisvorsitzende, heißt es, denunziere und beleidige nach Belieben "nationalbewußte und aufrechte JU-Kameraden" wie beispielsweise Tim Warenholz. Funktionsträger müßten vorzeigbare Biographien haben. Leute wie Genutt, die sich um den Wehrdienst gedrückt hätten, könnten nicht "in Zeiten nationaler Bedrohung durch militante Ausländer und andere Elemente" geduldet werden. "Das ist die Diktion der Nationalsozialisten", empört sich Bundessprecher Axel Mänz. Ob echt oder unecht - für einige Jung-Unionisten steht fest, mit solchen Äußerungen in ihren Reihen werde "unterschwellig eine Stimmung" verkörpert.

Kreis unterwandert?

Pankows Kreisvorsitzender Genutt glaubt ohnehin, daß sein Kreis unterwandert wird. "Der Landesvorstand hat gerade sieben Pankower aufgenommen, von denen wir hier fünf noch nie zu Gesicht bekommen haben", so Genutt. Erstaunt stellt er fest, daß drei neue Mitglieder in der gleichen Straße wohnen. "Die kommen alle aus einer Ecke mit einem bestimmten politischen Hintergrund", ist Genutt sicher. Er hat gegen dieses Verfahren Einspruch eingelegt. +++