"Am Anfang war der Fluß. Der Fluß wurde zu einer Straße, und die Straße verzweigte sich über die ganze Weit. Und da die Straße einst ein Fluß war, war sie immer hungrig." So einfach erklärt der Nigerianer Ben Okri den Titel seines Romans "Die hungrige Straße" -- ein Buch, das sich der Beschreibung versperrt und den Leser zum Wanderer macht im Kosmos der Mythen. Sicher, auf einer Ebene ist dies eine Geschichte über eine arme Familie in Nigeria und die Menschen, die In einer Straße leben in einem Slum. Doch was real ist und was nur Einbildung, das ist in dem Nigeria, wie Okri es sieht, nicht vollständig zu klären.
Schon die Hauptfigur des Romans ist so eine zwielichtige Gestalt: Azaro, das Geisterkind, der das Leben wählt -- Jene hungrige Straße. Doch seine Verbindung zur Geisterweit gibt er nicht auf: Sein irdischer Vater, ein bettelarmer Lastenträger, der durch Boxkäxnpfe emporkommen will, siegt mit Geisterhilfe; die Barbesitzerin Madam Koto hängt einen Fetisch an die Wand und macht glänzende Geschäfte mit den Geistern, die viel trinken, aber nie betrunken werden.
Als Okris Roman Anfang 1991 erschien, war er in England eine Sen.. sation: So radikal hatte noch kein Autor den Tanz gewagt auf dem dünnen Seil zwischen Realität und magischem Realismus. Und wie selbstverständlich ging in diesem Jahr der Booker-Preis, die wichtigste Auszeichnung für englischsprachige Literatur, an den jungen Nigerianer. Ein neuer Star am Literaturhimmei war entdeckt.
Dabei war die Entwicklung des heute 34jährigen abzusehen: Seinen ersten Roman schrieb er, als er 19 Jahre alt war, ein weiterer Roman und zwei Sammlungen mit Kurzgeschichten folgten. Dabei entwickelte er zielsicher seinen Stil -- Magie und Wirklichkeit bilden bei ihm ein Gewebe, existieren parallel und durcheinandexi zugleich.
Wer eine linear erzählte Geschichte sucht, den wird "Die hungrige Straße" in die Irre führen: Weil die Straße auch gleichzeitig ein Fluß ist, wird eine gehörige Portion Wassertreten nötig, um dem Gang der Erzählung zu folgen -- nur um irgendwann an verschiedenen Ausgangspunkten zu landen, die man vorher schon verlassen hatte.
Azaros Vater, der stets darüber klagt, er trage die Welt auf seinen Schultern, Ist der emotionale Mittelpunkt des Romans. Er gerät auch In archetyplsche Machtkämpfe zwischen der ~Partei der Relehen" und der "Partei der Armen": Als der Kandidat der Reichen im Sium Milch verteilt Geschenke vor Wahlen erhalten den warmen Sessel -, ist es der Vater, der herausfindet, daß die Gabe verdorben ist. Ausschreltungen gegen die Reichen sind die Folge, und die schlagen hart zurück.
Bei aller Konzentration auf Stilistik und Experiment vergißt Okrl nie seine Herkunft: Er, der in Lagos, der größten Stadt Nigerias, und in London aufgewachsen ist, kann sich in die Situation der Armen ebenso hineinversetzen wie in die der Reichen -- auf welcher Seite seine Sympathien liegen ist dabei klar. Das reale Nigeria stand für diese Aspekte Pate. Politiker, die das Elend der Menschen verursachen, gibt es zuhauf: Im Roman ernten sie ätzenden Spott und werden unmöglich gemacht.
Das Buch ist nicht leicht zugängllch, viele Aspekte des Alltags bleiben dem Leser fremd. Sicherlich werden den meisten Lesern die Fäden der Geschichte zu einem Knäuel geraten -- doch dies ist gewollt und geplant: "Die hungrige Straße" verlangt nach konzentrierten Lesern -- da ist fehlende Plastizität kein Manko, sondern eine Herausforderung.
Ben Okri: Die hungrige Straße. Roman. Klepenheuer & Wltsch, Köln 1994, 656 Selten, 45 Mark.
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