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In Europa begann seine neue Karriere

Der Regisseur Sam Fuller ist die Hauptfigur von Mika Kaurismäkis Dokumentarfilm "Tigrero"

EUGEN L. RIHNITZER

Als eine "oft kontroverse Figur" bezeichnet ihn in höflicher Umschreibung die "Film Encyclopedia" des Epharim Katz. Und wenn man den fast 83 jährigen US-Regisseur Sam Fuller auf der Berlinale, als Haupffigur in Mika Kaurismäkis Forumsbeitrag "Tigrero" zu sehen, heute vor sich hat mit seinem schlohweißen Haar, seinen lebhaften Gesten und der unvermeidlichen "Winston Churchill"-Havanna im Mundwinkel, kriegt man eine Ahnung, was damit gemeint ist. Ein sehr wechsel- und vor allem abenteuerreiches Leben sprudelt in immer neuen Geschichten und Geschichtchen aus ihm heraus, und oft steht an deren Ende ein unnachahmliches, lautes Lachen.

Seinen ersten Job als "Copyboy" beim New York Journal mußte er sich erschleichen: "Ich war ja erst zwölf, also mußte ich mich für vierzehn ausgeben, sonst hätten die mir den Job ja nicht geben dürfen", sagt er mit verschmitztem Augenzwinkern. Mit 17 Ist er einer der Top-Kriminalreporter des Landes, und allein seine Histörchen zum Zeitungsmilieu Im Film "Park Row" würden mehrere amüsante Bände füllen. Während der Depression trampt er als Hobo auf Güterzügen, es folgen erste Romanveröffentlichungen (Katz nennt sieben "pulp novels") sowie die Mitarbeit an Filmdrehbüchem, dann Kriegsteilnahme als Freiwilliger bei der Normandie-Invasion 1944 (die er mit "The Big Red One" im Spielfilm verarbeitet) und erst 1949 sein Regiedebüt ("Shot Jesse James").

Um die Einflußnahme von Produzenten zu umgehen, war Fuller oft Regisseur, Produzent und Autor in einer Person: "Außerdem hielt Ich mein Budget immer so niedrig, daß mir niemand dazwischenredete", sagt er. Ärger gab es weniger wegen finanzieller als wegen inhaltlicher konflikte, und nach dem Streit um seinen "White Dog" (1981) trieb es ihn endgültig nach Europa: "In dem Film ging es um die Abrichtung von Hunden gegen Farbige, und sowas wollte man nicht ins Kino bringen. Warner Bros. hatten einfach keinen Mumm, und sie haben den Film bis heute nicht in den USA gestartet."

An fehlender Risikobereitschaft nicht des Produzenten, sondern der Versicherungen scheiterte 1954 sein Projekt "Tigrero", das nun den Hintergrund für Mika Kaurismäkis gleichnamigen Dokumentarfilm (im "Forum" der Berlinale) abgibt: "Für die Dreharbeiten im brasilianischen Mato Grosso mochten sie die teuren Superstars John Wayne, Ava Gardner und Tyrone Power einfach nicht versichern. Man wollte, daß wir den Dschungel im Zoo von Sao Paolo drehen, und obwohl auch Produzent Darryl F. Zanuck an dem Projekt hing, mußten wir es schließlich aufgeben."

In Europa erlebte Fuller eine neue Karriere -- als Darsteller "as himself" vor den Kameras von Godard, Wenders oder als schweigender Vater für Alexandre Rockwells herrliche "Söhne". Dokumentarfilme wie Mika Kaurismäkis "Tigrero" aber wurde er nicht machen: "Ich mache Spielfilme. Dokumentarfilm ist eine ganz andere Ideologie." Und natürlich bleibt der freundliche Dickschädel auch als Darsteller sein eigener Herr: "Meine Dialoge mache ich mir selbst. Ich lerne doch nichts mehr auswendig!" Samuel Fuller arbeitete oft als Autor, Regisseur und Produzent in einer Person.