Ausgangspunkt: Antonplatz Endziel: Berliner Allee
Weglänge: Knapp vier Kilometer Heute kaum noch vorstellbar, daß vor gut hundert Jahren Weißensee ein Dorf am Berliner Stadtrand war. Erst nach 1876 begann der Ort, seine landwirtschaftlich geprägten Züge abzulegen. In einer Chronik ist vermerkt: "Weißensee ist der kühnste Emporkömmling unter den Vororten Berlins und kaum einem Berliner fremd. Weltstädtisch grüßen hier die prächtige Kuppel des jüdischen, die gothische Kapelle des katholischen Friedhofs, dort die Thürme von Schloß Weißensee Das Gründerviertel des Bezirks verläuft zwischen Weil3enseer Spitze und Berliner Allee. Diese Straße hieß früher einmal Königschaussee. Preußische Majestäten hatten sie oft benutzt.
Wie überall in unserer Stadt sind auch bei diesem Spaziergang viele Routen von einer regen Bautätigkeit gezeichnet. Ende der 20er Jahre begann am Pistoriusplatz die Bebauung. Straße und Platz gehen auf Leberecht Pistorlus zurück, der 1821 das Rittergut in diesem Dorf erworben hatte. Er hatte es zu einem Musterbetrieb gemacht. Pistorius galt als ein Mensch, der allem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen war. Er erfand beispielsweise einen neuartigen Apparat zum Kartoffeibrennen. Preußen verdankt ihm die Eroberung des Weitmarktes mit Sprit.
Die Woelckpromenade erinnert an den ersten Bürgermeister nach der einstigen Gemeindevereinigung, Carl Woelck. In dieser Gegend ist Anfang des Jahrhunderts um den Kreuzpfuhl, der Teil des Gemeindeforunis war, das Munizipalviertel angelegt worden. Für damalige Verhältnisse war das eine kleine Revolution im baulichen Denken. Oberrealschule, Pumpstation, Wohngebäude, Sport- und Festhalle formten sich zu einem harmonischen Ensemble aus knallroten Ziegeln. Der geistige Vater des Viertels, der Weißenseer Gemeindebaurat und Architekt Carl James Bühring, setzte die gebrannten Steine als bewußtes Gestaltungselement im Kontrast zur Natur, den grünen Bäumen und dem Blau des Wassers, ein. Bührings Grundsatz fand bei einigen Kommunalpolitikern großen Anldang. Auf Architekturausstellungen 1910 in Leipzig und drei Jahre später in London wurde er über Nacht als moderner Städteplaner berühmt.
Zwischen Woelckpromenade und Pistoriusstraße war 1 908 äln Mehrzweckgebäude von Bühring projektiert und gebaut worden. Im Zweiten Weltkrieg hatten Bomben das Haus schwer gezeichnet. Teilweise erfolgte ein Wiederaufbau. Heute dient es dem Verein "Frei-Zeit-Haus" als Begegnungsstätte, ist aber auch für jedermann offen.
Bührings Handschrift ist rund um den Weißen See noch oft zu entdekken. So unter anderem an der Tassostraße, wo Loggien mit Arkaden über Freisäulen angeordnet sind, die aus den einzelnen Geschossen herausragen. Übrigens: Zwischen Woelckpromenade und Schönstraße hatte das in Europa viel beachtete, gegenwärtig in der Rekonstruktion befindliche Potsdamer Holländische Viertel durch Joseph Tiedemann eine Konkurrenz erhalten. Wie in der brandenburgischen Landeshauptstadt sind auch in Weißensee die Bauten aus Backstein errichtet und knüpfen an historische Hausformen des 18. Jahrhunderts an. Die Schönstraße verdankt ihren Namen dem Mitbegründer des Bezirks Gustav Adolf Schön. Die auf diesem Gang zu passierende Paul- Oestreich-Straße ist eine Referenz an den Pädagogen und Schulpolitiker, der für seine demokratischen Schulreformen in Deutschland einen guten Namen hatte.
Wieder rückt der Architekt Buhring in den Blickpunkt. Westlich vorn Weißen See hatte er 1912 gemeinsam mit dem Bildhauer Hans Schellhorn eine Ktlhlwasseranlage für das dortige Elektrizitätswerk entworfen. Im selben Jahr entstand auch gegenüber der Steinbrücke am See eine Gemeindebadeanstalt. Die 30 Meter lange hölzerne Umkleidekabine war direkt ins Wasser hineingebaut und trennte die sich im Wasser tunimelnden Weiblein und Männlein. Noch einen Rückblick: Nordöstlich des Amtsgerichts an der Parkstraße war einst der "Stadtknast", heute längst Vergangenheit.
Ein Bummel durch den noch Winterschlaf haltenden Park um den Weißen See sollte der Abschluß des Familien-Kurzausflugs sein. Hier und da allerdings lugt schon zaghaft Strauchgrün aus dem Geäst. Und die Wasserbewohner freuen sich zu jeder Zeit über einen Happen trockenen Brots.