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"Tonys Lachen ist mein Doping"

Aus dem glücklichen Familienleben schöpfen Mütter im Leistungssport besondere Motivation

UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED HANS MORITZ

Der zweijährige Laurin sorgte am Wochenende in Tauberbischofsheim für belustigtes Publikum. Bei der Siegerehrimg zur Deutschen Meisterschaft im Florettfechten hatte er noch vor der Titeiträgerin das Treppchen erklommen.

Vielleicht ein Fingerzeig in die Zukunft? Die Goldmedaille gehörte selbstverständlich nicht dem kleinen Blondschopf, sondern der erfolgreichsten deutschen Fechterin aller Zeiten, Anja Fichtel, Laurins Mutter.

"Als ich damals von meiner Schwangerschaft erfuhr, dachte ich nur: Aus, kein Olympia, keine WM, nie wieder Medaillen." Doch die Doppel-Olympiasiegerin von Seoul, inzwischen verheiratet mit dem Österreicher Merten Mauritz, stand 53 Tage nach der Entbindung von Laurin wieder auf der Planche und focht in Barcelona um olympisches Edelmetall. Wie sie das schaffte, war selbst dem Münchner Frauenarzt Hans-Peter Legal ein Rätsel. Sonst rechnet man bei einer Sportlerin etwa sechs Monate Erholung bis zur Rückkehr in die Arenen.

"Trotzdem, ich bin nicht mehr die Alte", versichert die gebürtige Fränkm. "Das will ich nicht auf die Leistung beziehen, sondern auf die Einstellung allgemein. Wenn ich früher verbissen einem Ziel entgegengerannt bin, sage ich mir heute: Mal sehen, was kommt." Damit meinte die Blondine nicht nur die Umstellung auf einen defensiven Fechtstil, sondern auch ausweichende Antwort auf die sie nervende Frage nach Atlanta ,96.

Olympiasiege sind heute nicht mehr im Vorbeigehen einzusammeln. So wie es der Amerikaner Robert Garrett 1896 in Athen tat, der noch nie zuvor einen Diskus gesehen hatte und dann mit diesem fremden Gerät die Goldmedaile gewann. Bei allem Vorbereitungsstr~eß ist auch Ablenkung nötig, und da ist jungen Müttern ihr Kind Garant.

Nach der Entbindung in frühere Leistungssphären

"Tonys Lachen, das ist mein Doping", wird Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler nicht müde zu versichern. Die 29jährige Thüringerin stammt selbst aus einer kinderreichen Familie und hat ein Praktikum als Erzieherin absolviert. "Wenn ich so richtig fertig bin, brauche ich nur meinen Sohn anzuschauen. Dann geht s wieder", sagt die immer fröhliche Jenenserin.

Nur so dahingesagt? Heike Drechsler hat zum gegenwärtigen Trainingslager im südafrikanischen Stellenbosch natürlich Tony mitgenommen. Einige Kilometer von der Trainingsstätte entfernt haben sich die beiden und Schwiegervater Erich Drechsler als Coach auf einem Bauernhof einquartiert. Tony wird bei der Unterkunfts-Wahl zwischen Kühen und Schafen sicher eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Sowohl Anja Fichtel als auch Heike Drechsler haben als Mutter sofort Anschluß an frühere Leistungsdimensionen gefunden und sind wahrlich keine Einzelfälle. Evelyn Asford, einst die schnellste Frau der Welt, gewann 1984 in Los Angeles Gold und vier Jahre später in Seoul olympisches Silber im Sprint. Beim letzteren Auftritt waren zuvor schon Bilder um die Welt gegangen, auf denen die junge Mutter neben ihrer am 30. Mai 1985 geborenen Tochter Raina Ashley zum Tiefstart ansetzt.

Eine Art "Blitzschwangerschaft" brachte die norwegische Langstrecklerin Ingrid Kristiansen hinter sich. Als sie bei einem Marathonlauf 1983 über ungewöhnliches Magendrücken klagte, diagnostizierten ihr Ärzte den sechsten Schwangerschaftsmonat. Im August kam der gesunde Sohn Gaute zur Welt, ein Jahr später wurde Mama Kristiansen Olympiavierte im Marathon.

Birgit Schmidt, die aus Potsdam stammende erfolgreichste Rennkanutin aller Zeiten, gewinnt ihren beiden Söhnen einen ganz anderen fördernden Aspekt ab. "Man muß alles viel konzentrierter machen, auch das Training. Wenn man sich um die Kinder kümmern muß, ist die Zeit knapp."

Erst die Familie, dann der Sport

Die erstaunlichste Karriere einer Mutter im Leistungssport stammt von der Niederländerin Attje Keulen-Deelstra. Die vielseitige Frau begann sich erst konzentriert mit dem Eisschnellauf zu beschäftigen, da hatte sie schon drei Kinder zur Welt gebracht. Als sie ihren vierten Mehrkampf-Weltmeistertitel errang, nahm die komplette Familie schon regen Anteil am sportlichen Triumph der Mama.

Die Reibe der Beispiele könnte man fast unendlich fortsetzen. Im Handball gibt es Mannschaften, da stehen manchmal nur Mütter auf dem Parkett. Selten kommt es allerdings auf Spitzenniveau dazu, daß Mutter und Tochter gleichzeitig im Team stehen. Bei Spartak Kiew, der erfolgreichsten Handball-Klubmannschaft aller Zeiten, war es Mitte der 80er Jahre erforderlich, vor den weltberühmten Namen Turtschin ein 5 oder ein N zu setzen. Mutter Sinaida spielte eine Zeit neben Tochter Natalja unter der Trainer-Regie von Vater Igor.

Sohn Tony -- ständiger Wegbegleiter von Heike Drechsler. Fechterin Anja Fichtel hat Spaß mit Sohn Launn.