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In einem Land jenseits der Vernunft

Lob der Langsamkeit: Achim Freyer inszenierte Glucks ,Alceste" an der Staatsoper Unter den Linden

Rainer Pöllmann

Merkwürdige Wesen bevölkern die Bühne der Lindenoper. Wesen der Phantasie und Wesen des Todes. Ein Stelzengänger eröffnet jeden der drei Akte, ein Totenkopf scheint vom Bühnenportal in den Zuschauerraum zu starren. Und wenn sich Alceste, um ihren dem Tod geweihten Gatten Adniete zu retten, selbst opfert und in einem Nachen über den Todesfluß Styx fährt, dann führen bleiche Ge.rippe einen makabren Totentanz auf.

Bilder von

bezwingender Magie

Der Regisseur Achim Freyer entführt uns mit seiner Inszenierung von Christoph Willibald Glucks "Alceste", Premiere war am Sonntag, in ein Land jenseits der Vernunft. Keine psychologisch motivierten Handlungen stellt er uns vor Augen, keine Menschen aus Fleisch und Blut, sondern Allegorien und seltsame Gespinste. Nein, nicht des Intendanten Alpträumen ob des überzogenen Etats sind sie entsprungen, sondern Imaginationen der Alceste.

Ein Ohr, ein Mund, ein Auge, ein abgewinkelter Arm -- der menschliche Körper ist in Alcestes (und des Regisseurs) Phantasmagorien aufgelöst in seine Einzelteile, die Persönlichkeit wird zur Summe von einzelnen Fetischen -- und die Inszenierung zum florierenden Organhandel. Die Bilder, die Freyer fur das Innenleben dieser bis in den Tod hinein Liebenden findet, sind von bezwingender Magie. Der Gott der Unterwelt schwebt als gelber Kopf im Schwarz der Bühne, der zumeist unsichtbare Chor läßt bisweilen die farbigen Hände wie Spukgestalten im Dunkein aufleuchten. Freyer beherrscht die Illusionsmaschinerie Theater perfekt. Und doch stößt seine antinaturalistische Ästhetik an diesem Abend auch an ihre Grenzen. Die Spannung flacht über lange Strecken bedenklich ab, das Lob der Langsamkeit wird mitunter auch ganz schön langweilig.

Dies um so mehr, als auch Thomas Hengelbrock bei seinem Staatsoper-Debüt vornehmlich auf die leisen Töne setzte. Hengelbrock, in Berlirr wohlbekannt als Leiter des Freiburger Barockorchesters, ist ein Spezialist für Alte Musik. Und das kam der Staatskapelle hörbar zugute, auch wenn es Koordinationsprobleme zwischen Chor und Orchester gab. Momente der Besinnung und der Trauer

Die Momente der Besinnung und der Trauer, etwa die große Abschieds-Arie der Alceste, gerieten unter seiner sensiblen Leitung zu den musikalischen Höhepunkten des Abends. Die Dramatik dieser Auseinandersetzung um Leben und Tod kam darüber freilich ein wenig zu kurz. Da hätte man sich denn doch ein wenig mehr Brio gewünscht, uni die törichte Formel von Glucks angeblicher "edlen Einfalt und stillen Größe" ad absurduni zu führen.

Hochkarätig besetzt bis in die Nebenrollen hinein waren die Gesangspartien. Vinson Cole als König Admete blieb freilich mit seiner etwas engen, forcierten Stimme deutlich im Schatten seiner Gattin Alceste, der Anna Caterina Antonacci anrührende Töne der Trauer und der Liebe verlieh. Sie setzte dem Abend das musikalische Glanzlicht auf. Rainer Pölimaan

In Achim Freyers Inszenierung glänzt Anna Cat.rlna Antonaccl als Titelfigur Alceste. Vinson Cole Ist als König Admete zu sehen. An der Seite der ~Gro8en": Stefan Becker (ii.) und Julian Clemenz. Foto: Fleguth