Der Amok-Lauf von Winnenden
Der Amok-Killer schrie: „Ihr seid ja immer noch nicht alle tot!“
Todesschütze kam früh um 9.30 Uhr im schwarzen Kampfanzug und feuerte wahllos um sich
Vn Holger Schacht
Der 15-fache Mörder Tim Kretschmer
Lebie
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Winnenden - Der blinde Hass eines Jugendlichen reißt 15 Menschen in den Tod! Kaltblütig feuert Amokläufer Tim Kretschmer (17) in seiner Ex-Realschule in Winnenden (BaWü) um sich. Neun Schüler und drei Lehrerinnen sterben im Kugelhagel, bevor der Todesschütze flieht. Und Tim mordet weiter: Auf der Verfolgungsjagd mit der Polizei nimmt der Ex-Schüler eine Geisel, erschießt drei Passanten. Bis eine Kugel aus einer Polizeiwaffe Tims furchtbares Blutbad beendet.
Der graue Waschbeton-Komplex der Albertville-Realschule: Um 9.30 Uhr beginnt im beschaulichen Winnenden bei Stuttgart der Albtraum: In schwarzer Kampfuniform mit silberner Maske vorm Gesicht stürmt Tim während des Unterrichts in das Gebäude. Wortlos nimmt er gezielt Kurs auf zwei Klassenzimmer, feuert in den Räumen um sich. Acht Mädchen, ein Junge (15 und 16) und drei Lehrerinnen haben keine Chance: Von tödlichen Kugeln in den Kopf getroffen sinken sie zu Boden. In die Klasse 10d läuft Tim gleich drei Mal, zischt die Schüler an: „Seid ihr immer noch nicht alle tot?“ Eine Referendarin, die erst seit Februar an der Schule unterrichtet, wirft sich schützend vor eine Schülerin. Tim erschießt sie eiskalt.
„Jemand rief: ,Rennt, rennt’. Ich sah, wie Mitschüler aus den Fenstern sprangen und bin losgelaufen“, berichtet Schülerin Betty (15) von den schrecklichen Minuten. „Es war unbeschreiblich. Ich hatte so Angst und dachte, jetzt ist es aus mit uns. Meine Hände haben gezittert“, erinnert sich Sabine.
Eine Lehrerin konnte in letzter Sekunde Schlimmeres für ihre Klasse verhindern. Nachdem der Rektor mit der verschlüsselten Durchsage „Frau Koma kommt!“ (rückwärts heißt es Amok) vor dem Schützen gewarnt hatte, verschloss sie schnell die Tür zu ihrem Klassenraum.
Mehrere von Tims ehemaligen Mitschülern liegen schwer verletzt am Boden, als der jugendliche Täter endlich aus dem Gebäude flieht. Er hinterlässt Hunderte von Patronen, wollte offenbar noch viel mehr Menschen töten.
Der kaltblütige Amokschütze versetzt den ganzen Ort in Angst und Schrecken:
Im Park der benachbarten Klinik erschießt Tim einen Mitarbeiter. „Ich hörte sechs bis sieben Schüsse“, sagt eine Kollegin entsetzt.
Sonderkommandos der Polizei umstellen inzwischen die Schule, Hubschrauber kreisen über den menschenleeren Straßen. Rund 600 Schüler werden von Einsatzkräften in Sicherheit gebracht. Die jüngeren im nahe gelegenen Schwimmbad, die älteren in der Stadthalle. Fassungslos sitzen völlig verstörte Schüler und Eltern am Straßenrand, inmitten eines Großaufgebots der Polizei. „Es ist das blanke Entsetzen hier. Der Schock steht den Menschen ins Gesicht geschrieben“, so ein Augenzeuge. Im Ort brechen die Handynetze zusammen, als besorgte Eltern verzweifelt versuchen, sich nach ihren Kindern zu erkundigen.
Den Schützen scheint niemand aufhalten zu können. 11.45 Uhr: Mit vorgehaltener Waffe entführt der 17-Jährige einen Fahrer in dessen VW Sharan, durchbricht eine Polizeiabsperrung. An der Autobahn Richtung Stuttgart kann die Geisel (41) entkommen. Tim rast mit dem Wagen ins 40 Kilometer entfernte Wendlingen. Die Polizei ist ihm dicht auf den Fersen. Tim flüchtet sich in ein Autohaus, tötet kaltblütig einen Angestellten und einen Kunden. „Er war bereit, auf alle zu schießen, die ihm in den Weg kamen“, sagt Polizeichef Erwin Hetger. Als Tim aus dem Autohaus rennt, eröffnet er das Feuer auf seine Verfolger. Zwei Polizisten werden schwer verletzt. Als ihn eine Kugel aus der Waffe eines Beamten am Bein trifft, setzt Tim seine Waffe an den Kopf, richtet sich selbst.
Die Beretta hatte der Jugendliche von den eigenen Eltern. Sein Vater ist Sportschütze im Verein, bunkert daheim im Tresor 16 Waffen. Eine von ihnen fehlte, als Polizisten das schneeweiße Einfamilienhaus in Weiler zum Stein am Mittag durchsuchten.
Warum Tim ein solches Massaker anrichtete, kann niemand begreifen. Ließ er sich vom Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama mit elf Toten (mehr Seite 38) in der Nacht zuvor beeinflussen? „Er war nie in irgendeiner Form auffällig geworden“, so Kultusminister Helmut Rau. Tim ist der Sohn eines reichen Unternehmers, schloss die Schule letztes Jahr mit Mittlerer Reife ab und begann danach eine Ausbildung. Umso gelähmter vor Entsetzen ist das ganze Land. Rau: „Das ist die größte Katastrophe, die an einer Schule passieren kann.“
Kommentar: Waffen-Verbot. Sofort!
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Berliner Kurier, 13. August 2009
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