Sensation: Literatur-Nobelpreis für Herta Müller
„Deutschland hat mich gerettet“
In Rumänien wurden ihre Werke zensiert, in Berlin erschrieb sie sich den Literatur-Nobelpreis
Von Karim Mahmoud, Norbert Koch-Klaucke
Stockholm/Berlin - Hätte sie auf ihre geliebte Mutter gehört, wäre sie heute Lehrerin. Aber Herta Müller (56) konnte mehr und wollte mehr. Sie wurde Schriftstellerin. Eine große. Jetzt hat sie den Olymp erklommen. Die literarische Außenseiterin aus Berlin bekommt den mit 1,09 Millionen Euro dotierten Nobelpreis für Literatur.
Wer ist diese Erzählerin eigentlich? Gestern Abend, im Börsenverein-Büro am Schiffbauerdamm, lernen wir sie kennen. Schüchtern sitzt sie da, die frische gebackene Nobelpreisträgerin, in einem Meer aus Blumen, erschöpft, aber glücklich. Herta Müller ringt um Fassung und mit Worten. Die winzigen Räume sind zum Bersten gefüllt, die Luft ist stickig, die Atmosphäre aufgeladen. 300 Journalisten stellen bohrende Fragen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann überbringt die herzlichsten Glückwünsche von Kanzlerin Angela Merkel.
Mit rollendem „r“ und mahlenden Worten beantwortet Herta Müller konzentriert alle Fragen. Eine liegt ihr besonders am Herzen – die nach ihrer alten Heimat und nach Deutschland: „Dieses Land hier hat mich gerettet. In Rumänien wurde ich vom Geheimdienst bedroht, hier konnte ich wieder atmen.“ Und schreiben! Dafür gibt es jetzt die verdiente Auszeichnung.
Punkt 13 Uhr hatte Peter Englund, Chef der Schwedischen Akademie, das mit Spannung erwartete Ergebnis verkündet. Nicht die Favoriten Philip Roth oder auch Amos Oz machten das Rennen. Die Frau, die immer wieder mal vorgeschlagen worden war, siegte, als 12. Frau überhaupt. Damit geht der Preis zehn Jahre nach Günter Grass erneut nach Deutschland.
Die Akademie begründete ihre überraschende Entscheidung so: Die Autorin zeichne „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“.
Als die Schriftstellerin mittags mit ihrem Verleger (Carl Hanser Verlag) telefonierte, musste sie weinen und lachen. „Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben“, sagte Müller. Noch am Vortag war sie sich sicher: „Ich glaube nicht daran.“
Herta Müller wurde als Banater Schwäbin am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temeschwar (Rumänien) geboren. Ihre Mutter saß jahrelang in einem sowjetischen Arbeitslager, ihr Vater, ein Ex-SS-Soldat, verdiente seinen Lebensunterhalt als Brummifahrer. Herta studierte Literatur und bekam es schon früh mit dem rumänischen Geheimdienst zu tun. Weil sie für ihn keine Spitzeldienste leisten wollte, wurde ihr erstes Buch „Niederungen“ zensiert. Nach etlichen Verhören und Hausdurchsuchungen verließ sie entnervt mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner (57) ihre Heimat und zog 1987 nach West-Berlin.
Müllers Werke sind allesamt bedrückende Landschaften des Terrors. In beklemmenden Bildern zeichnet sie die Abgründe stalinistischer Gewaltherrschaft nach. So auch in ihrem gerade erschienenen Roman „Atemschaukel“, in dem sie die Deportation von Rumänen-Deutschen verarbeitet. Die Autorin bekam schon viele Preise, darunter den Kleist-Preis und den Berliner Literaturpreis. Seit 1995 ist Müller Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Nobelpreis wird ihr am 10.Dezember in Stockholm überreicht.
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Liste der Literatur-Nobelpreisträger
- 1945: Gabriela Mistral, Chile
- 1946: Hermann Hesse, Deutschland
- 1947: Andre Gide, Frankreich
- 1948: T.S. Eliot, Großbritannien
- 1949: William Faulkner, USA
- 1950: Bertrand Russell, Großbritannien
- 1951: Pär Lagerkvist, Schweden
- 1952: Francois Mauriac, Frankreich
- 1953: Winston Churchill, Großbritannien
- 1954: Ernest Hemingway, USA
- 1955: HalldOr Laxness, Island
- 1956: Juan RamOn Jimenez, Spanien
- 1957: Albert Camus, Frankreich
- 1958: Boris Pasternak, Russland (durfte Preis nicht annehmen)
- 1959: Salvatore Quasimodo, Italien
- 1960: Saint-John Perse, Frankreich
- 1961: Ivo Andric, Jugoslawien
- 1962: John Steinbeck, USA
- 1963: Giorgos Seferis, Türkei/Griechenland
- 1964: Jean-Paul Sartre, Frankreich (lehnte ab)
- 1965: Michail Scholochow, Russland
- 1966: Schmuel Agnon, Polen/Israel und Nelly Sachs,
- Deutschland/Schweden
- 1967: Miguel Asturias, Guatemala
- 1968: Yasunari Kawabata, Japan
- 1969: Samuel Beckett, Irland
- 1970: Alexander Solschenizyn, Russland
- 1971: Pablo Neruda, Chile
- 1972: Heinrich Böll, Deutschland
- 1973: Patrick White, Großbritannien/Australien
- 1974: Eyvind Johnson, Schweden und Harry Martinson, Schweden
- 1975: Eugenio Montale, Italien
- 1976: Saul Bellow, Kanada/USA
- 1977: Vicente Aleixandre, Spanien
- 1978: Isaac Bashevis Singer, Polen/USA
- 1979: Odysseus Elytis, Griechenland
- 1980: Czeslaw Milosz, Polen/USA
- 1981: Elias Canetti, Bulgarien/Großbritannien
- 1982: Gabriel Garcia Marquez, Kolumbien
- 1983: William Golding, Großbritannien
- 1984: Jaroslav Seifert, Tschechoslowakei
- 1985: Claude Simon, Frankreich
- 1986: Wole Soyinka, Nigeria
- 1987: Joseph Brodsky, Russland/USA
- 1988: Nagib Machfus, Ägypten
- 1989: Camilo Jose Cela, Spanien
- 1990: Octavio Paz, Mexiko
- 1991: Nadine Gordimer, Südafrika
- 1992: Derek Walcott, St. Lucia
- 1993: Toni Morrison, USA
- 1994: Kenzaburo Oe, Japan
- 1995: Seamus Heaney, Irland
- 1996: Wislawa Szymborska, Polen
- 1997: Dario Fo, Italien
- 1998: Jose Saramago, Portugal
- 1999: Günter Grass, Deutschland
- 2000: Gao Xingjian, China/Frankreich
- 2001: V.S. Naipaul, Trinidad/Großbritannien
- 2002: Imre Kertesz, Ungarn
- 2003: J.M. Coetzee, Südafrika
- 2004: Elfriede Jelinek, Österreich
- 2005: Harold Pinter, Großbritannien
- 2006: Orhan Pamuk, Türkei
- 2007: Doris Lessing, Großbritannien
- 2008: Jean-Marie Gustave Le Clezio, Frankreich
- 2009: Herta Müller, Deutschland
Berliner Kurier, 08. Oktober 2009
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