Textarchiv

Ausgebeutet, verraten und verkauft

Wir zeigen es unserem alten Blutsauger-Boss Ex-Jurex-Mitarbeiter machen eigene Firma auf

Kevin P. Hoffmann

Tempelhof-Schöneberg - Sie waren arbeitslos, fühlten sich verraten und verkauft von der Postfirma Jurex, die nur einen Hungerlohn zahlte. Statt lang zu jammern, haben sie jetzt ihre eigene Postfirma gegründet, den "Zustelldienst Berlin-Brandenburg". Und sie suchen 200 Leute, die mit anpacken.

"Wir lieben unseren Job und wollen Post zustellen. Wir haben aber keine Lust mehr auf inkompetente Chefs, die nur an ihre Kohle denken", sagt Stephan Grun (42). Der gelernte Heizungsinstallateur aus Mahlow (Teltow-Fläming) arbeitet seit zwölf Jahren in der Branche, kümmert sich jetzt um Kunden und die Logistik.

Als der KURIER ihn und seine motivierten Mitstreiter in ihrem Mariendorfer Büro besuchte, waren sie glücklich. Und hundemüde. Sie hatten sich im Baumarkt Holz und Schrauben für 400 Euro besorgt und die Nacht durch Regale gezimmert - mit 192 Fächern, für jede Berliner Postleitzahl eins.

"Viel mehr braucht man nicht", sagt Grun. Keine Rolex, kein dickes Auto, wie der Ex-Chef, der Jurex-Gründer Norbert Lüer, über dessen Postfirma der KURIER schon mehrfach berichten musste.

Und das Geschäft läuft mehr als gut an. Drei Stunden nachdem die Truppe Schlüssel fürs Büro bekommen hatte, lieferte der erste Kunde seine Post ab: 24 000 Nassrasierer, Werbegeschenke, die in wenigen Tagen an Männer in ganz Berlin zugestellt werden sollen.

Da ließen sie alles stehen und liegen und fingen an zu sortieren: Geschäftsführerin Diana Kropp, der gelernte Bäcker und Fahrrad-Zusteller aus Leidenschaft Jürgen Schwann (40) und Andreas Albrecht (39), der sich als "Mädchen für alles" bezeichnet. Aber genau solche Leute sucht die Firma.

Heute will sie den Betrieb voll aufnehmen. 40 Ex-Jurex-Zusteller haben angekündigt mitzumachen, aber auch Leute, die noch nie einen Brief befördert haben. Die kleine Postfirma sucht knapp 150 weitere Zusteller: Am Anfang zahlt die Firma 12 Cent pro zugestelltem Brief, im Monat rund 400 Euro. "Nach zwei bis drei Stunden am Tag ist man durch, kann nach Hause gehen", sagt Grun. "Aber es kommen neue Kunden, dann gibt's viel zu tun." Und dann wächst auch das Gehalt. Zum neuen Jahr will die Firma die ersten 30 Leute fest einstellen, so der Plan.

Wer sich beim "Zustelldienst Berlin-Brandenburg" als Zusteller bewerben will: Infos unter (030) 72016752.

------------------------------

BU: Diana Kropp ist Geschäftsführerin des Zustelldienstes. Bis Ende 2007 sollen 30 Leute eingestellt werden.


Berliner Kurier, 09. Juli 2007