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Hier steht die Armut

Immer mehr Berliner haben nicht mal Geld für Lebensmittel. Hier finden sie Hilfe

BENJAMIN HAWORTH

Berlin - Dieses Bild erinnert an lang vergangen geglaubte Zeiten: Aufgenommen wurde es aber in dieser Woche, mitten in Lichtenberg. Es zeigt Menschen, die hier für ein paar Cent einkaufen wollen. Die Schlange vor diesem Laden wird jede Woche länger.

Diese Leute kommen aus fast allen Bezirken Berlins. Es sind Menschen, die kein Geld übrig haben, um immer in den Supermarkt um die Ecke zu gehen. Doch hier im Laden des Vereins "Lichtenberger Hilfe für Menschen" bekommen sie eine Einkaufstasche vollgefüllt mit Brot, Apfel, Salatköpfen, Käse - was sie wollen. Dafür zahlen sie eine "Spende" von 90 Cent.

"Ohne diese Hilfe hätten wir wahrscheinlich so manches Mal vor einem leeren Teller gesessen", schrieb jemand ins Gästebuch. Andere hier freuen sich über eine günstige Hose oder einen Schrank oder ein Sofa für ein paar Euro.

Seit zwei Jahren gibt es diesen Verein. Im März 2006 waren dort 231 bedürftige Familien registriert, heute, neun Monate später, sind es 1779 Familien. Das bedeutet: Rund 5000 Berliner brauchen dieses Geschäft. Und hier liegt das Problem: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Hartz IV, Wohngeld, Bedarfsgemeinschaft: Alles Phrasen, viele Zahlen. Doch das Foto von dieser Schlange sagt mehr als 1000 Statistiken. Es beweist, dass etwas schiefläuft bei uns. Denn diese Menschen sind keine Bettler. Es sind Leute, die Sozialhilfe, Rente, oder ALG II-beziehen. Das müssen sie auch nachweisen.

"Als Zwei-Personen-Haushalt darf ich ein Mal die Woche hierherkommen, um Unterstützung für meinen Sohn und mich zu bekommen", sagt Diana Peter (26, Foto), die extra aus Hellersdorf gekommen ist. "Im normalen Supermarkt kaufe ich Windeln, Waschmittel, Getränke und so. Da reicht es nicht den ganzen Monat für einen vollen Kühlschrank".

Der Verein selbst gibt 90 Menschen Arbeit. Sie arbeiten als Fahrer, um ab 7 Uhr morgens Lebensmittelspenden bei den Supermärkten einzusammeln. Oder als Verkäuferin. Einige packen ehrenamtlich mit an, andere als Ein-Euro-Jobber. Wie der Vereinschef selbst: Peter Wöhler (40). Doch seine Stelle soll Ende des Jahres auslaufen.

Den Laden finden Sie in der Straße Alt-Friedrichsfelde 9a, nahe U-Bahnhof Magdalenenstraße. Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. 9 bis 18 Uhr, Sa.: 12 bis 14 Uhr. www.lichtenberger-hilfe.de

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BU: Die Kunden tragen sich vor dem Einkauf in eine Liste ein (oben). Im Gästebuch: Ein dickes "Dankeschön".

Zwischenzeile: SOGAR DER VEREINSCHEF IST AM JAHRESENDE ARBEITSLOS

Zwischenzeile: EINE PLASTIK-TÜTE VOLLER LEBENSMITTEL FÜR 90 CENT


Berliner Kurier, 09. November 2006